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Neues Innenministerium: Kritiker rechnen mit mehr Feinstaub - Umweltamt gibt Entwarnung.

Stuttgart - "Klotz" oder "eleganter Bau": Die Meinungen über das neue Innenministerium zwischen Willy-Brandt-Straße und Schlossgarten gehen auseinander. Auch darüber, wie stark sich der 65-Millionen-Euro-Bau auf die Luftqualität auswirkt, urteilen die Experten unterschiedlich.

Das Innenministerium sollte bereits seit Sommer fertig sein. Doch noch stehen Gerüste vor dem 207 Meter langen, bis zu 40 Meter breiten und 21 Meter hohen Gebäude. "Der Einbau der komplexen Technik vor allem fürs Lagezentrum hat zur Verzögerung geführt", sagt Ilse Lange-Tiedje, Chefin der zuständigen Landesbaubehörde in Stuttgart. Die Fassade hinter dem Gerüst ist fast fertig: Auf der Oberfläche werden rund 8,5 Millionen Glasmosaiksteine in changierenden Beigetönen auf 60000 Matten verlegt. Von weitem wirkt das, als sei der Bau aus riesigen Legosteinen. Aus der Nähe sind die 23x23 Millimeter großen Glasquadrate zu erkennen. Die 2,5 Millionen Euro teure Fassade soll das Gebäude weniger massiv erscheinen lassen. Immerhin wurden 125000 Kubikmeter Raum umbaut. Darin hätten 200 Einfamilienhäuser Platz.

Wegen des enormen Volumens fürchten Kritiker des von dem Berliner Architekten Volker Staab entworfenen Baus, dass er als Barriere für den Frischluftaustausch im Bereich des nahen Neckartors wirkt. "Die Umweltexperten der Stadt waren der Meinung, dass die Luft dort so schlecht ist, dass eine Verschlechterung nicht mehr schadet", kritisiert Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte. Und Grünen-Stadtrat Peter Pätzold ist überzeugt, dass der "Klotz mit der neuen Landesregierung und der Mehrheit der Grünen im Gemeinderat nicht mehr machbar wäre".

"Neues Ministerium bildet keine Barriere"

Laut städtischem Amt für Umweltschutz sind die Bedenken in Sachen Luftqualität unbegründet. "Jede Einengung der Straße verschlechtert die Luftqualität zwar. Aber die meisten Winde sind Südwestwinde. Weil das neue Ministerium parallel dazu liegt, bildet es keine Barriere", sagt Ulrich Reuter, Leiter der Abteilung Stadtklimatologie. Ein Gutachten gibt es nicht, "weil Datenlage und Fachwissen für die Beurteilung" ausreichend seien. Nach Meinung von Jürgen Baumüller, Honorarprofessor für Klimatologie an der Universität Stuttgart, verhindert die geschlossene Gebäudefront eine Querlüftung. "Da sich die Schadstoffe nicht mehr Richtung Park ausdehnen können, sinkt die Belastung im Schlossgarten zwar. Im Straßenraum steigt dafür die Konzentration."

Die Schadstoffmessungen am Neckartor ergaben bisher bundesweit die höchsten Belastungen. Nach jüngsten Messungen Ende September war an 65 Tagen der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft überschritten. Erlaubt sind 35 Tage. Der Wert von 200 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft darf im Jahr 18 Stunden höher liegen. Am Neckartor waren es am Wochenanfang 63 Stunden.

Selbst die SPD im Gemeinderat, die mit der CDU dem Bebauungsplan zugestimmt hatte, distanziert sich heute teilweise : "Jetzt sieht man, wie dicht der Bau am Park sitzt. Heute würden wir der Bebauung vermutlich nicht mehr zustimmen", sagt die Fraktionsvorsitzende Roswitha Blind. Zugestimmt habe man, weil der Bau Lärmschutz für den Park sei.

Baubürgermeister Hahn hält Gebäude für gelungen

Die CDU und mit ihr Baubürgermeister Hahn (SPD), der für das Projekt eingetreten war, halten es für gelungen: Ein "elegantes Bauwerk, das gut an der Straße steht", urteilt Hahn. Ob es gut am Schlossgarten steht? Hahn fürchtet nicht, dass der Genius Loci, der Geist der Umgebung, den jeder Architekt beim Planen einbeziehen sollte, laut aufschreit, weil der Bau der Ulmenallee aufs Laub rückt. Dass die Beamten in den oberen Etagen des sechsgeschossigen Baus vom Fenster in die Baumkronen greifen können, hält auch der CDU-Fraktionsvorsitzende Alexander Kotz für akzeptabel: "Wir haben dem Land eine Begrenzung der Höhe auf 21 Meter abgerungen. Aufbauten auf dem Dach dürfen nicht höher als 80 Zentimeter sein", sagt er und weist auf den geringen Energieverbrauch des Baus hin. Das Wasser im unterirdischen Nesenbach wird über eine Wärmerückgewinnungsanlage zur Heizung und Kühlung des Gebäudes genutzt. Die Technik ist in einem separaten Gebäude im Schlossgarten untergebracht.

Die Diskussion lässt die rund 130 Arbeiter auf der Baustelle kalt. Mitte nächstes Jahr soll das Gebäude fertig sein. Im Erdgeschoss werden Natursteinböden verlegt, in den Obergeschossen Parkett, in den Büros Teppichboden. Ansonsten gibt's an Wänden und Decken viel Beton. Der Umzug der rund 680 Mitarbeiter soll drei Monate dauern.

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