Dem asiatischen Löwen ist es zum Gähnen Foto: Wilhelma Stuttgart/Harald Knitter

Der grünen Mamba, dem Leguan und Lurch im Terrarium der Wilhelma in Stuttgart ist es herzlich egal, dass sie derzeit niemand beäugt. Den Affen in der Wilhelma dagegen fehlt das Publikum – als Unterhaltungsprogramm. Denn Besucher sind seit dem 17. März wegen der Corona-Krise ausgesperrt.

Stuttgart - So stellt man sich den Garten Eden vor. Vor dem Sündenfall. Gut, der Löwe liegt auch jetzt nicht beim Lamm, und ein paar mehr Menschen mehr als das Ur-Paar Adam und Eva sind schon auf den 30 Hektar zwischen Neckar und Rosensteinpark unterwegs. Aber diese paradiesische Stille! Unterbrochen nur vom Konzert der Vögel und ein bisschen Motorenlärm, denn es muss ja weiter gearbeitet werden, um den Zoologisch-Botanischen Garten in Schuss zu halten und die Tiere zu versorgen.

 

Die Gorillas bleiben stoisch

„Bei Laune halten“, benennt Bea Jarczewski deutlich, was bei ihrer komplexen Fürsorge für ihre Schützlinge neben Respekt, Zuwendung und sehr viel Einfühlungsvermögen aktuell eine besondere Rolle spielt. Sie ist Revierleiterin im Affenhaus und der dazu gehörenden Freianlage und damit gewissermaßen die Wellness-Beauftragte für zwei Orang-Utans, zwölf Gorillas, mehr als 20 Bonobos, einige Klammeraffen aus Süd-amerika und ein paar Faultiere. Wie geht es den Tieren? Im Prinzip komfortabel. Für alles ist gesorgt, selbst für mediale Unterhaltung mit Radio und TV. Langweilen sie sich trotzdem, weil das bunte Gewimmel der Besucher hinter den Scheiben fehlt? Man kann sie ja nicht fragen. „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt die 41-jährige Tierpflegerin, die Erfahrung aus 26 Berufsjahren mitbringt. „Die Gorillas, vorneweg Kibo, der 20-jährige Silberrücken, ruhen in sich, stoisch, gelassen und genießen die Ruhe ohne Entzugserscheinungen“, so Bea Jarczewski.

Andere Affenarten brauchen die Show

„Die Orang-Utans suchen viel mehr den Kontakt zu uns“, so die Betreuerin. Sie nähern sich, gucken neugierig, reagieren viel-leicht sogar auf die menschlichen Versuche einer Kommunikation und sind gerade des-halb die Lieblinge der meisten Wilhelma-Besucher. Und jetzt? Fehlt das Theater hin-ter den Scheiben mit Action und Entertainment. „Deshalb geben wir uns viel Mühe und lassen uns immer wieder was einfallen, um die Äffle bei Laune zu halten“, sagt Bea Jarczewski. Zum Beispiel mit Pezzi-Bällen. Oder Herausforderungen an ihre Intelligenz und Geschicklichkeit, zum Beispiel der lohnenden Aufgabe, Extra-Leckereien auf die Spur zu kommen: Rosinen, die in einem ausgehöhlten Holz versteckt sind, oder dem Honig in den Ritzen von Baumstämmen.

„Wir wollen immer neue Anreize geben“, sagt Bea Jarczewski. Sogar mit Radio und TV für die Bonobos. Was hören sie am liebsten? Musik oder Wortbeiträge? Klassik, Schlager, Rock oder Pop? Die Tierpflegerin lacht: „Musik jeder Art, gerne Rock und Pop, Hauptsache eine Anregung für die Sinne.“ Und welche TV-Sendungen werden bevorzugt? „Wir haben ihnen mal modernes Ballett von Eric Gauthier vorgeführt. Und einen Film über die Wilhelma aus der ARD-Reihe Eisbär, Affe & Co. Der stieß aber nicht auf großes Interesse.

Der Löwe nimmt einzelne Personen ins Visier

Äffisches Verhalten mag leichter zu deuten sein, sie sind jedoch nicht die einzigen Tiere, die ohne Besucher ein verändertes Verhalten zeigen. Harald Knitter, Sprecher der Wilhelma, macht eine besondere Beobachtung bei den Raubkatzen: „Man wird viel schärfer beobachtet und wahrgenommen“, hat er den Eindruck. Vor allem von den bei-den Löwen: Trubel ignoriere der König der Tiere meist mit halbgeschlossenen Augen: Jetzt aber fixiere er das einsam daherkommende Individuum geradezu: „Sein Blick verfolgt einen.“

Hier die majestätische Allüre, dort der Spieltrieb bei den Seelöwen, die normaler-weise täglich bei der öffentlichen Fütterung mit Applaus verwöhnt werden. Jetzt wird jeder einzelne Passant am Becken mit besonderer Aufmerksamkeit beschenkt.

Scheue Tiere wagen sich aus der Deckung

Andere Tiere erobern sich wieder das Gelände. Vor allem Huftiere wie die Bongos oder Kleine Kudu, beides Antilopenarten: „Das sind Fluchttiere, die meist vorsichtig im Hintergrund bleiben“, so Knitter. „Jetzt werden sie mutiger und kommen oft an den Zaun.“ Und dann erwähnt er eine Tierart, die man noch nie wahrgenommen hat, verzeihlich bei 11 000 Tieren aus 1200 Arten „in einem der größten Zoos Europas“, so Knitter: Den Kurzohr-Rüsselspringer. Keine Erfindung von Loriot, gerade mal mausgroß und jetzt auffallend putzmunter unterwegs: Die Luft ist rein, Zeit für einen Ausflug.

Sehr traurig, ja, sogar tragisch findet Direktor Thomas Kölpin, dass die Wilhelma geschlossen werden musste. Aber es hat sich bewährt: „Wir sind bis heute frei von jeglichen Infektionen in der Belegschaft“, sagt Knitter. Und das solle auch so bleiben. Ob Corona auch für Tiere ein Risiko gewesen wäre? „Die Bonobos sind sehr erkältungsanfällig, da entwickelt sich schnell eine Lungenentzündung“, weiß Bea Jarzcewski.

Bedauerlich für potenzielle Besucher

Kölpin, der in der Wilhelma wohnt, bricht dennoch bei seinen täglichen Rundgängen schier das Herz: Dass diese Blütenpracht und das Frühlingserwachen der Tiere den Besuchern entgingen, sei ein Jammer. Von den fehlenden Einnahmen gar nicht zu reden. Umso mehr genießen seine Mitarbeiter und auch seine Familie die neue Erfahrung der himmlischen Ruhe im Park. Dafür müssen seine Töchter, Avelina (14), Aurora (6) und Scarlett (4) auch was tun: „Sie haben den Auftrag, am Wochenende die Affen zu bespaßen“, verrät der Vater.