In welcher Weise haben die Terroranschläge gegen Israel vom 7. Oktober das jüdische Leben in Stuttgart verändert? Und wie viel Kontinuität und Normalität sind überhaupt noch möglich? Drei betroffene Mitbürger geben Auskunft.
Susanne Jakubowski ist eine Mutmacherin, auch wenn das Mutmachen nach dem 7. Oktober 2023 schwer fällt, Vielfach ist die Rede vom „Davor“ und „Danach“. Davor war Susanne Jakubowski, die 1954 im polnischen Katowice geboren wurde, ehe die Familie nach Israel auswanderte und 1961 nach Stuttgart zog, bereits vielfach engagiert: als Vertreterin der jüdischen Gemeinde und Koordinatorin des Stuttgarter Rats der Religionen etwa und im Verein Haus Abraham, in dem sich Menschen zusammenschließen, die für ein friedliches Miteinander der Religionen stehen.
An all dem hat sich nichts geändert, nur dass Susanne Jakubowski diese ehrenamtliche Arbeit nach dem 7. Oktober als noch viel wichtiger empfindet. Zugleich tritt sie als jemand auf, der jüdischem Leben in Stuttgart eine starke Stimme gibt. Das erfordert Willen und Kraft. Beides strahlt die Architektin, frühere Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei der Fraunhofer-Gesellschaft (eine von dreien), Lektorin und Mutter zweier Töchter aus.
Hinstehen statt Rückzug
Den psychischen Druck, der seit dem Terrorüberfall der Hamas auf der jüdischen Gemeinde lastet, empfindet auch sie. Ihre Reaktion ist jedoch nicht Rückzug, sondern Hinstehen. Sagen, was einen belastet und welche Erwartungen Juden jetzt an die deutsche Zivilgesellschaft haben: Solidarität zeigen. Unüberhörbar. Und nicht nur für ein paar Tage: „Eine Israel-Flagge aufziehen reicht nicht.“ Mit Blick auf gut besuchte propalästinensische Demos stellt die 69-Jährige fest, „dass die halt mehr sind“. Doch sie hofft weiter darauf, dass die Mehrheitsgesellschaft an ihrer Seite steht.
Eine Antenne für heraufziehende Gefahren – damit ist Jakubowski ausgestattet. Sie kann nachvollziehen, wenn sich Eltern aus der Gemeinde in diesen Wochen fragen, ob sie ihre Kinder nicht lieber zu Hause lassen sollen. Doch sie hält dagegen: „Ich sage immer, schickt eure Kinder in die Schule.“ Wegbleiben wäre das falsche Signal.
Mit schusssicherer Weste zur Demo
Unerschrocken? „Ja“, antwortet Jakubowski, „das bin ich.“ Auch wenn es Situationen gibt, in denen auch sie lieber nicht erkannt werden will. „Ich trage immer den Davidstern um den Hals“, sagt sie. „Wenn ich aber das Gefühl habe, dass ich schräg angeschaut werde, verberge ich den Stern auch mal mit einem Tuch.“ Auch schon vor dem 7. Oktober.
Doch Jakubowski hat auch eine einschneidende Danach-Erfahrung gemacht. Als sie wenige Tage nach dem Massaker in Stuttgart auf einer Demo gegen rechts sprechen sollte, zog sie eine schusssichere Weste über – „zum ersten Mal in meinem Leben“. Hinterher war sie so verschwitzt, dass sie sich eine schwere Erkältung zuzog. Rechtzeitig zu den jüdischen Kulturwochen war sie zurück – um auch hier hinzustehen.
Jan Sellner
Man ist mitten in Stuttgart in Abi Sheks Atelier – und doch scheinen das Leben und die aktuellen Wirrnisse draußen inmitten von Sheks Zeichnungen, Holzschnitten und Bildern plötzlich weit weg. „Dieser Ort“, sagt Abi Shek, „ist für mich Heimat“. So wie der Kibbuz in seinem Geburtsort Beit Nir in Israel. A propos Israel: „Mindestens zwei Mal im Jahr“, sagt Shek, „muss ich nach Israel – ich brauche das“.
Seit 1990 lebt der 1965 Geborene in Stuttgart – „ich dachte eigentlich an zwei bis drei Jahre an der Kunstakademie“, sagt Abi Shek. Es kam anders. Die Liebe hielt ihn – und auch die Möglichkeiten, als Meisterschüler des international gefeierten Micha Ulmann, auf dem Weißenhof von 1991 bis 2005 Professor für Bildhauerei, das eigene Denken zu schärfen.
Die Welt erfasst sich durch Fragen
Sparsam gesetzte Tierformen und die traditionelle Technik des Holzschnitts haben Abi Shek bekannt gemacht, aktuell sind seine Arbeiten im Gerhard Marcks-Haus in Bremen zu sehen. Unterscheidet ihn die Figuration von Beginn an von den Konzept-Ideen Micha Ullmanns, verbindet ihn mit diesem doch der leise Ton und ein stets im Werk selbst angelegter offener Raum. Es ist, als ob Abi Shek immer Platz ließe für eventuelle Dialoge – zwischen den Figurationen selbst wie zwischen diesen und den Betrachterinnen und Betrachtern. Die Welt zu erfassen – das ist Abi Sheks unausgesprochene Botschaft, ist immer nur in kleinsten Ausschnitten möglich und aus der Position der Frage.
Völlig eindeutig antwortet Shek, wenn es um den Terror-Überfall der Hamas am 7. Oktober geht: „Der Staat hat versagt, der Geheimdienst hat versagt, das Militär hat versagt.“ Und doch, sagt Shek, bei aller Schrecklichkeit dieses Tages, gelte: „Rache ist nicht das, an was die Menschen jetzt denken.“ „Wut, Angst und Verzweiflung“ seien die zentralen Regungen.
Erinnerungen an Jom Kippur-Krieg
Auch, weil sich das Gefühl verdichte, dass sich die Abläufe wiederholen. Schon einmal, am 6. Oktober 1973, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, war Israel von einem Angriff überrascht worden – damals von regulären Truppen Ägyptens und Syriens auf dem Sinai und den Golanhöhen. 50 Jahre später stelle, sagt Abi Shek, der Terrorangriff der Hamas auf Zivilisten erneut die Frage nach der Wachsamkeit. Zentral aber sei dies: „Bisher“, sagt Shek, „galt bei allen Spannungen hier wie da die Überzeugung, dass alle Menschen wollen, was ich will – leben! Das ist zusammengebrochen“.
Abi Shek erzählt, wenn er spricht, formuliert Sätze im Abgleich mit dem eben Gesagten, eher fragend denn erläuternd. Da ist, möchte man hören und meinen, überall Hoffnung möglich – auch auf eine größere Sichtbarkeit jüdischen Lebens in Stuttgart? Abi Shek schaut auf. „Es gibt nur wenige Juden in Stuttgart“, sagt er, die Gemeinde sei klein. Und natürlich registriere man, wie schnell sich in Deutschland die Solidarität in Argwohn verwandelt hat. „Wenn Du Opfer bist, hast Du Recht“, sagt Abi Shek. Dieselben Menschen, die nach dem 7. Oktober noch Anteilnahme gezeigt hätten, fragten nun, warum Israel militärisch reagiere. „Vielleicht“, sagt Shek, „ist es wichtig zu wissen, dass in Israel im Moment ungefähr 300 000 Israelis Binnenflüchtlinge sind.“ Beschwört aber werde bis heute das Bild des reichen Juden – auch er werde so beschimpft. Abi Shek sieht seinem Gegenüber die Überraschung an. „Der Antisemitismus“, sagt Shek und lächelt, „ist immer und überall spürbar“. Fast hat Abi Shek, der doch in Stuttgart Attackierte, jetzt etwas Versöhnendes – ein Grundzug, der auch seine Kunst mit bestimmt.
Nikolai B. Forstbauer
Es war ein Schock. Ich habe mich wie erstickt gefühlt.“ So viele Gedanken gehen Yuliya Hanesch seit dem 7. Oktober durch den Kopf. Über das Schicksal der Verwandten in Israel und der jungen Männer aus den Familien in der Armee. Über das Schicksal des ganzen Landes, in dem ihre Tochter gerade neun Monate lang gelebt hat. Über das Warum und die Konsequenzen. Im Nahen Osten und auch hier in Deutschland.
Yuliya Hanesch, 48, kam 1995 aus Usbekistan als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Die Familie landete in Neumünster, dann in Lübeck. Als die Mutter einen Arbeitsvertrag bei der Max-Planck-Gesellschaft bekam, zog die Familie nach Stuttgart. „Ich hatte in Taschkent Physik studiert und bewarb mich hier um ein Promotionsstipendium“, sagt Juliya Hanesch. Nach vier Jahren in der Entwicklung und Fertigung von Halbleiterchips bei IBM, dann bei Philips, arbeitet sie jetzt bei der Materialprüfungsanstalt der Uni Stuttgart.
Einladung vom muslimischen Nachbarn
Lange Zeit habe sich sich nicht als Jüdin zu erkennen gegeben: „Ich bin in meiner Identitätssuche nicht statisch“, sagt Hanesch. Von der Großmutter sei sie zwar in jüdischer Religion und Tradition informiert worden, aber die Familie habe säkular gelebt. Erst vor acht Jahren emanzipierte sie sich vom Misstrauen, eingeübt in der religionsfeindlichen Sowjetunion, und schloss sich mit ihren Kindern der jüdischen Gemeinde an. „Das zwingt mich zu einer eindeutigen Haltung.“ Sie selbst habe noch keine Diffamierung erlebt, eher das Gegenteil, Zuwendung und Schutz von christlichen Nachbarinnen. Ebenso von einem muslimischen Nachbarn, der als Imam ihren Sohn zum Freitagsgebet einlud. „Aber leider ist es auch vorgekommen, dass mein Sohn von Jungs als „Sch. . .-Jude beschimpft wurde.“
Der Sohn versteckt den Davidstern
Ja, das mache ihr Sorgen. Der 16-Jährige trägt seinen Davidstern seither nicht mehr öffentlich. Es gab einen weiteren Konflikt in der Schule, „doch der Rektor hat schnell gemeinsame Gespräche mit den Eltern einberufen und den Konflikt aufgearbeitet“.
Was lösen die israelfeindlichen und pro-palästinensischen Demonstrationen in ihr aus? „Ich rege mich sehr darüber auf, dass die Menschen nicht reflektieren, sondern einem Vorurteil wie entmündigt hinterherlaufen und sich in ihren Religionen isolieren.“ Wie eine „Prise Sauerstoff“ sei da für sie ein Gespräch beim Verein Schalomundsalam gewesen: „Mit einem Palästinenser, einer israelischen Jüdin und einer deutschen Christin als Organisatoren fühlt es sich richtig und gut an.“ Yuliya Hanesch baut auf Bildung und Begegnung als Brücke für die Überwindung der Vorurteile, ohne die es keine Freiheit geben kann. „Aber man darf sich keine Illusionen machen, dass es für Israel bald eine Lösung gibt. Dafür ist der Konflikt zu komplex.“
Heidemarie A. Hechtel