Keine Lust zu arbeiten? Dann kann man ja Lehrer werden. Das legt nach Meinung des Realschullehrerverbands eine Werbekampagne des Kultusministeriums nahe. Die Vorsitzende spricht von einem Schlag ins Gesicht der Kollegen. Das Ministerium kann die Aufregung nicht verstehen.
Ein junger Realschullehrer aus Überlingen glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er am Dienstag am Stuttgarter Flughafen auf ein knalliges Werbeplakat blickte: „HURRAAA!“, steht dort in Großbuchstaben. Und daneben: „Gelandet und gar keinen Bock auf Arbeit morgen. Mach was Dir Spaß macht und werde Lehrer*in.“
Ein Jux? Satire? Verstehen Sie Spaß? Böhmermann? Nichts von alledem. Verantwortlich dafür zeichnet sich das baden-württembergische Kultusministerium, das gerade wieder intensiv auf Lehrersuche ist. Und es fehlt auch nicht der Hinweis, dass das Ganze „Part of THE LÄND“ ist.
Der Realschullehrer machte ein Foto und schickte es seiner Rektorin, Karin Broszat, die auch Vorsitzende des baden-württembergischen Realschullehrerverbandes ist. Die war nicht weniger entsetzt darüber, was das Ministerium sich da erlaubt hat: „Deutlicher und niveauloser kann man die Geringschätzung des Lehrerberufs in Baden-Württemberg nicht ausdrücken“, schimpft sie: „Die Verantwortlichen sollten sich in Grund und Boden schämen. Dass das Ministerium so etwas absegnet, ist ein Skandal.“
„Man wusste gar nicht, wieviel Blödheit auf ein einziges Plakat passt“
Die Verbandsvorsitzende, die von dem Plakat an ihrem Schreibtisch in Überlingen überrascht wurde, betont, man suche händeringend kluge Köpfe und gut ausgebildete Pädagogen. Hier aber werde suggeriert, dass es Lehrkräften nur um die Ferien gehe, kritisiert sie. Das Plakat spreche gezielt arbeitsscheue Menschen an. Das sei ein Schlag ins Gesicht der vielen Kollegen, die hart arbeiten und viel leisten müssten und hinter denen schwierige Schuljahre lägen. Traurig und mit spöttischem Unterton lässt Broszat das Ministerium von Theresa Schopper (Grüne) wissen: „Vielen Dank für diese Unterstellung, die unseren Berufsstand in ein unglaubliches Licht rückt! Man wusste vor dieser Kampagne gar nicht, wieviel Blödheit auf ein einziges Plakat passt!“ Mit dieser Einschätzung ist sie offenbar nicht allein. Als Broszat am Nachmittag das Plakat auf Facebook postet, gehen bei ihr haufenweise empörte Reaktionen ein.
FDP fordert eine Entschuldigung des Kultusministeriums
Rückendeckung für für Broszat kommt von der oppositionellen FDP: „Dem Realschullehrerverband ist zu 100 Prozent zuzustimmen, wenn er diese Werbekampagne und das Bild von Lehrkräften, das hier vermittelt wird, als skandalös bezeichnet“, erklärte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Timm Kern. Wenn die Landesregierung so tue, als wären Sommerferien das Entscheidende, zeige sie damit ihr völlig verqueres Bild des Lehrerberufs. Die Lehrerinnen und Lehrer im Land müssten „grüne Untätigkeit“ ausbaden und sähen sich jetzt auch noch indirekt mit dem Vorwurf konfrontiert, „sie hätten keinen Bock auf Arbeit.“ Die „infantile Werbekampagne“ zeuge von einer geringen Wertschätzung der Lehrkräfte durch die grün-schwarze Landesregierung, kritisierte Timm. Statt von „The Länd“ müsse man von „The Eländ“ sprechen. Seine Forderung: „Es wäre angemessen, dass sich die Kultusministerin bei den Lehrkräften im Land entschuldigt.“
Das Ministerium hält dagegen: „Die Kampagne spricht an und man redet über sie“
Das Kultusministerium denkt gar nicht daran. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher, die Werbekampagne sei am 17. Juli in den sozialen Netzwerken gestartet. Aktuell hingen zusätzlich zwei Großplakate im Ankunfts-/Abflugbereich des Flughafens Stuttgart. Die Slogans habe man bewusst gewählt, um Aufmerksamkeit zu erregen. „Man muss schließlich auffallen, und das tun die Plakate.“
Mit der Werbekampagne, die bis Mitte August laufen soll, habe man vor allem Quereinsteiger aus anderen Berufen im Blick, betonte der Sprecher: „Das ist gut und es funktioniert auch.“ Bereits nach der ersten Woche seien von der Landingpage der Kampagne 8000 Weiterleitungen auf die Webseite des Ministeriums zur Lehrkräfteeinstellung (www.lobw.de) erfolgt. 33 Prozent davon gingen laut Kultusministerium in Richtung eines Direkteinstiegs in den Beruf. Auch der digitale Pool für Vertretungslehrer weise einen Anstieg auf. Dort verzeichne man bisher 370 Registrierungen – gegenüber nur etwa 100 im Vorjahreszeitraum. Daraus folgert das Ministerium: „Die Kampagne spricht an und man redet über sie.“ Keineswegs würde damit suggeriert, dass Lehrkräfte faul seien, sagte der Sprecher: „Wir wissen um die Leistungen unserer Lehrkräfte.“