Birgit Honnecker in ihrer Wohnung in Stuttgart-Feuerbach Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Nach dem Ausbau der Kindertagesstätten tun sich Tagesmütter immer schwerer, Kinder zur Betreuung zu finden. So auch bei Birgit Honnecker. Für die 63-Jährige aus Stuttgart-Feuerbach ist es eine Existenzfrage.

Stuttgart - Ein bisschen traurig deutet Birgit Honnecker auf die liebevoll gestaltete Spielecke in ihrem Wohnzimmer. Eigentlich ist der Spielplatz als Kuschel- und Tobecke für Kleinkinder gedacht, die Größeren dürfen mit dem Bobby-Car um den Tisch in dem weitläufigen Wohnraum herumfahren. Doch es ist ruhig in ihrer Wohnung in Feuerbach. Zu ruhig, seit Wochen. Nur ihr achtjähriger Enkel ist zu Besuch. Aber den betreut sie in ihrer Freizeit – beruflich arbeitet sie seit acht Jahren als Tagesmutter. „Doch im Moment tue ich mich sehr schwer, Kinder zur Betreuung zu finden“, sagt Birgit Honnecker.

Damit ist sie nicht allein. Bei der letzten Fortbildung klagten auch ihre Kolleginnen über den Nachfragerückgang. „Das liegt natürlich auch daran, dass die Stadt den Kitaausbau massiv vorangetrieben hat und das Thema auch in den Medien eine entsprechende Aufmerksamkeit genießt“, sagt Birgit Honnecker. Diesen Trend bestätigt Sigrid Stein, Teamleiterin der Tagesmutterbörse der Caritas in Stuttgart. „Es besteht kein Grund zur Panik, aber wir nehmen das Thema ernst“, sagt sie.

Gegen eine massive Trendwende sprechen die Zahlen des Statistischen Landesamtes (siehe Grafik) für die Kindertagespflege im Stadtkreis Stuttgart. Die Anzahl der Tagespflegepersonen und der betreuten Kinder ist in den vergangenen fünf Jahren relativ stabil geblieben und bewegte sich zwischen 287 Personen 2010 und 271 (2014), die Anzahl der Kinder pendelte zwischen 825 (2010) und 814 (2014). Die Zahl der Kitas ist im gleichen Zeitraum von 538 auf 589 gestiegen, die Anzahl der betreuten Kinder erhöhte sich von 25 331 auf 26 627.

Einen Bruch gab es bei der Kindertagespflege jedoch 2008, als sich das Anforderungsprofil für die Tagesmütter deutlich geschärft hat und die Zahl der Qualifizierungskurse ausgebaut wurde. „Voraussetzung sind heute 160 Qualifizierungsstunden, 2005 waren es noch acht Einheiten. Da haben sich doch einige Frauen anders orientiert“, sagt Sigrid Stein. In den Sprechstunden mit den Eltern hat sie nicht den Eindruck, dass die Tagespflege nicht mehr gefragt ist. „Aber man muss den Einzelfall sehen, und es ist von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich.“

Sigrid Stein steht derzeit in Gesprächen mit dem Jugendamt. Es geht darum, neue Strategien zu entwickeln, beispielsweise bei Fortbildungen für Tagesmütter das Thema Eigenwerbung zu forcieren oder flexiblere Betreuungszeiten anzubieten. Aber das muss natürlich mit der familiären Situation der Tagesmutter zusammenpassen. Denn Tagesmutter ist nicht gleich Tagesmutter. Einige sehen den Job nur als Übergangslösung, weil sie selbst ein kleines Kind haben. Später kehren sie wieder in ihren Beruf zurück. Aber es gibt eben auch Fälle wie den von Birgit Honnecker, die darin eine Langzeitperspektive und einen Vollzeitjob sehen. „Da sehe ich schon, dass es schwieriger wird, weil man von der Betreuung eines Kindes nicht leben kann“, sagt Sigrid Stein.

Bei Birgit Honnecker ist es eine Existenzfrage. Bis 2006 hat sie in einem SoftwareHaus gearbeitet, das in Konkurs ging. Dann hat sie sich entschlossen, Kinder in Tagespflege zu nehmen, und sich bei der Caritas für den Job qualifiziert. Pro Kind und Stunde bekommt sie 5,50 Euro – deshalb hatte sie oft drei Kinder gleichzeitig in Betreuung, damit sich für die alleinstehende Frau der Aufwand rechnet. Schuld an dem geringen Stundenlohn ist ausgerechnet die Professionalisierung. Denn während der Preis der Tagespflege früher frei ausgehandelt wurde, regeln heute die Kommunen den Preis.

In den vergangenen acht Jahren sind über 35 Kinder in ihrer Obhut gewesen. Doch es gibt auch ein Frusterlebnis. Eine Mutter bezeichnete sie als „letzte Hoffnung“ für ihren neun Monate alten Jungen. Nach guten Gesprächen war der Vertrag aufgesetzt. Doch im letzten Moment habe die Familie unter fadenscheinigen Gründen wieder abgesagt.

Viele Eltern suchen auch eine Tagesmutter, die sich in einer kleinen Gruppe um mehrere Kinder kümmert. „Aber einer muss halt den Anfang machen“, sagt Birgit Honnecker und schiebt gleich noch eine Reihe guter Argumente hinterher, die für Tagesmütter sprechen. Die Betreuung sei individueller, persönlicher und auch nicht teurer als ein Kita-Platz. „Gerade für die ganz Kleinen ist es doch auch schön, wenn sie nur eine Bezugsperson haben“, sagt Honnecker.

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