Die Vergleichbarkeit des Abiturs soll verbessert werden, fordern Lehrer und Arbeitgeber. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Wie ein gallisches Dorf trotzt Baden-Württemberg dem Trend zu immer besseren Abiturnoten. Kultusministerin Eisenmann sieht das als Qualitätsmerkmal. Doch es bleibt die Frage nach der Gerechtigkeit.

Stuttgart - Der Anteil der Abiturienten mit einer Eins vor dem Komma steigt in ganz Deutschland – nur nicht in Baden-Württemberg. In einer Umfrage der „Rheinischen Post“ rangiert der Südwesten mit 24 Prozent Einserabiturienten auf Platz 13. Gegenüber dem Jahr 2008 ist das ein leichter Verlust, damals lag er bei 25,6 Prozent. Große Veränderungen hat es in den vergangenen zehn Jahren in Bayern und Sachsen gegeben. In Sachsen stieg der Anteil von 22,4 Prozent auf 34,6 Prozent, in Bayern von 24 auf 31,5 Prozent. Deutschlandweit hat inzwischen jeder vierte Abiturient einen Einserschnitt (25,8 Prozent), vor zehn Jahren war es jeder fünfte (20,2 Prozent). Spitzenreiter ist Thüringen mit 37,9 Prozent.

Eisenmann sieht „erstaunliche Sprünge“

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sprach von „erstaunlichen Sprüngen“ in den anderen Ländern. Sie verwies darauf, dass der Abiturdurchschnitt in Baden-Württemberg seit vielen Jahren ziemlich konstant bleibe. So lag er im vergangenen Jahr bei 2,43, ein Jahr davor bei 2,38. Diese Konstanz schlage sich auch beim Anteil der Einser-Abiturienten nieder. Eisenmann erklärte auf Anfrage: „Für Baden-Württemberg lässt sich vor diesem Hintergrund feststellen, dass das baden-württembergische Abitur verlässliche Qualitätsstandards einhält.“

Matthias Jaroch, der Sprecher des Deutschen Hochschulverbands (DHV) sieht den steten Anstieg der Notendurchschnitte mit Sorge: „Qualität muss Vorrang vor Quantität haben“, sagte er der „Rheinischen Post“. Schon heute würden den Studienanfängern häufig wichtige Grundkenntnisse wie zum Beispiel in Mathematik fehlen.

Stefan Küpper, der Geschäftsführer Bildung bei den baden-württembergischen Arbeitgebern, sagte unserer Zeitung angesichts der Umfrage: „Die Aussagekraft von Noten hat generell gelitten“. Längst würden sich Personalchefs in den Unternehmen ein eigenes Bild von ihren Bewerbern machen. Die großen Unterschiede zwischen den Ländern zeigten „einmal mehr dass wir echte bundesweite Mindeststandards brauchen“, so Küpper. Das fordern die Arbeitgeber seit langem für alle Schulabschlüsse, nicht nur für das Abitur. „Bis heute sind die Standards nicht verfügbar“, kritisiert Küpper.

Nachholbedarf bei der Vergleichbarkeit

Die baden-württembergische Kultusministerin hat Küpper da auf seiner Seite. Susanne Eisenmann stellte ebenfalls „einmal mehr fest, dass die Abiturnoten bundesweit nur eingeschränkt vergleichbar sind“. Sie erinnert an das Verfassungsgerichtsurteil von 2017, das mit Blick auf den Numerus clausus Nachholbedarf bei der Vergleichbarkeit bestehe. Die Länder müssten für mehr Gerechtigkeit bei der Studienplatzvergabe sorgen. Eisenmann sagte auf Anfrage: „Es geht nicht an, dass zwischen den Ländern keine vergleichbaren Bedingungen herrschen. Es bewerben sich schließlich alle um die gleichen Studienplätze.“ Das sei ein maßgeblicher Grund dafür, dass sie sich „für ein Zentralabitur und für deutlich mehr Verbindlichkeit über einen Länderstaatsvertrag“ einsetze.

Den gemeinsamen Aufgabenpool für die Abituraufgaben nannte Susanne Eisenmann einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Doch würden die Länder den Pool sehr unterschiedlich nutzen. Wenn einzelne Länder dann noch die Benotung anpassten, weil die Aufgaben zu schwer erschienen und andere sich ganz aus dem Pool verabschieden wollten, „müssen wir schnell reagieren“, so die Kultusministerin.

Ralf Scholl, der Vorsitzende des baden-württembergischen Philologenverbands (PhV) sieht durch die Umfrage „alle bisher bekannten Daten bestätigt“. Er unterstreicht, dass die Noten nicht vergleichbar seien und folgert „das Abitur hat nur noch eine sehr eingeschränkte Aussagekraft“. Ob es noch als tatsächliche allgemeine Hochschulreife tauge, bezweifelt der Vertreter der Gymnasiallehrer angesichts der hohen Zahl von Studienabbrechern.

Bessere Noten bedeuten nicht bessere Leistungen

Scholl versucht auch, die Unterschiede zu erklären. Für ihn steht fest, dass die besseren Noten nicht durch bessere Leistungen entstehen. Er verzeichnet seit dem Pisaschock vor gut 15 Jahren ein stetes Absenken des Niveaus der Abiturprüfungen. Er lobt: „In Baden-Württemberg ist dieser Unsinn nur in stark abgeschwächter Form umgesetzt worden“. Das bayerische Kultusministerium erklärte auf Anfrage, die Verbesserungen könnten auf die Verstärkung der individuellen Förderung im Rahmen der Einführung von Intensivierungsstunden an den bayerischen Gymnasien zurückgehen, oder auf die „Seminarfächer, in denen die Schülerinnen und Schüler oft gute Leistungen erzielen“.

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