Die Polizei sichert den Schweizer Bergort Davos, wo mehr als 3000 Gäste zum Weltwirtschaftsforum erwartet werden. Foto: dpa

Trotz der Absage von US-Präsident Donald Trump sind viele Spitzenpolitiker und Konzernchefs in Davos – und auch das Thema Handelsstreit spielt eine große Rolle.

Davos - Klaus Schwab muss den Leuten immer ein bisschen Angst machen. Der 80-jährige Gründer und Chef des Weltwirtschaftsforums (WEF) von Davos sieht überall radikale Veränderungen, die die alte Ordnung hinwegfegen. „Die nie dagewesene Geschwindigkeit der technologischen Modernisierung bedeutet, dass unsere Systeme der Gesundheit, Kommunikation, Produktion, Verteilung und Energie – um nur einige zu nennen – vollständig umgestaltet werden“, so Schwab. Viele Arbeitnehmer müssten aufpassen, dass ihnen nicht schon morgen ihre Jobs abhanden kämen, lautet die Botschaft.

Irgendwas Beunruhigendes ist ja immer los auf dieser Welt, auch wenn vieles ganz gut oder besser geht als früher. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, haben Schwabs Leute gerade wieder ihren alljährlichen Weltrisikobericht herausgegeben. Wetterextreme und den Klimawandel betrachten die 1000 befragten Wissenschaftler, Manager und Politiker als die größten Gefahren des Jahres 2019, gefolgt von Cyberattacken auf Kommunikationssysteme. Über diese, die schnelle Digitalisierung und andere Probleme muss man sich nun dringend unterhalten – am besten beim WEF, das an diesem Montagabend wieder im Schweizer Bergstädtchen Davos eröffnet. Zu kaum einem anderen Kongress weltweit kommen jedes Jahr so viele Spitzenpolitiker und Vorstandsvorsitzende von internationalen Unternehmen.

Nicht nur Trump, auch May und Macron fehlen

Dieses Jahr wird der Auflauf wieder groß sein, wenn auch nicht ganz so bedeutend, wie von Schwab erhofft. Denn ein paar Attraktionen fallen aus. Erst hat US-Präsident Donald Trump seine eigene Reise abgesagt, dann auch die Flüge seiner Ministerdelegation gestrichen. US-Außenminister Mike Pompeo, Finanzminister Steven Mnuchin und Wirtschaftsminister Wilbur Ross müssen wegen der dortigen Haushaltssperre in Washington bleiben. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und die britische Premierministerin Theresa May sagten ihre Visite in den Schweizer Bergen ebenfalls ab. Macron hat viel zu tun mit der Protestbewegung der Gelbwesten. May steckt in der Klemme wegen des bevorstehenden Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Immerhin soll Wang Qishan in Davos erscheinen, einer der chinesischen Vizepräsidenten und zweitmächtigster Politiker der Volksrepublik. Ein wesentliches Thema der Veranstaltung scheint damit gesetzt: der Handelskonflikt zwischen China und den USA. Die beiden Nationen traktieren sich gegenseitig mit hohen Zöllen auf die Importe der jeweils anderen Seite. Die in Davos vertretene Wirtschafts- und Politikelite betrachtet die mögliche Eskalation des Streits als Gefahr für die Weltkonjunktur, das Wachstum und den Freihandel. Dieses Problem rangiert in derselben Liga wie die unabsehbaren Folgen des Brexit.

Aus Brasilien kommt Jair Bolsonaro, der neue Präsident des größten Landes Südamerikas, den viele Beobachter für einen harten Rechten halten. Am Mittwoch soll er im großen Auditorium des Kongresszentrums sprechen. Solche Auftritte machen einen guten Teil des Charmes von Davos aus. Selbst viele Spitzenmanager haben sonst keine Gelegenheit, Mächtige wie Bolsonaro aus der Nähe zu beobachten und vielleicht sogar ein paar Worte zu wechseln. Die Attraktivität der Veranstaltung aus Sicht der Redner besteht darin, dass sie die Möglichkeit bekommen, ihre Botschaften ungefiltert an einen wesentlichen Teil der Elite zu übermitteln.

Bundeskanzlerin Merkel hat eine halbe Stunde Redezeit

Diese Gelegenheit schätzt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am Mittwoch eine halbe Stunde Redezeit im großen Saal hat. Bei ihrem Auftritt im Januar 2018 rief sie dazu auf, die Europäische Union zu stärken. Diesmal wird sie unter anderem von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (alle CDU) und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer begleitet.

Ein weiterer Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe des WEF dürfte die Klimapolitik werden. Wissenschaftler bauen in Davos ein sogenanntes Arctic Basecamp auf, um auf das drohende Abschmelzen des polaren Eises hinzuweisen. Schwab plädiert immer wieder dafür, international zusammenzuarbeiten, um die Erwärmung der Erdatmosphäre in Grenzen zu halten. Das WEF will den UN-Klimagipfel im September vorbereiten und unterstützen.

Das Motto des bis Ende der Woche tagenden WEF lautet dieses Mal „Globalisierung 4.0: Auf der Suche nach einer globalen Architektur im Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution“. Damit ist unter anderem gemeint, dass Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt und das Zusammenleben stark verändern werden. Um diese Prozesse zum Wohle der Mehrheit zu steuern, seien neue Formen globaler Kooperation nötig, sagt Schwab.

Ob die digitale Transformation wirklich so umwälzend ausfällt und die Schwab´schen Warnungen realistisch sind, steht auf einem anderen Blatt. Werden beispielsweise Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet, weil intelligente Roboter und Computer die Tätigkeiten übernehmen? Die WEF-Studie „Zukunft der Arbeit 2018“, die allerdings nur den kurzen Zeitraum von fünf Jahren überblickt, kommt zu dem Ergebnis: Nein, durch die Digitalisierung entstehen viel mehr neue Jobs als alte wegfallen. Auch darüber muss ausführlich gesprochen werden. Dafür ist das WEF ja schließlich da.

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