Weltkrebstag Krebs macht arm

Von Regine Warth 

Nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung  gehen rund 20 000 Krebspatienten in Erwerbsminderungsrente.  Dies passiert teils, ohne dass die Menschen das wollen, sagen Experten. Foto: Fotolia/© Photographee.eu
Nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung gehen rund 20 000 Krebspatienten in Erwerbsminderungsrente. Dies passiert teils, ohne dass die Menschen das wollen, sagen Experten. Foto: Fotolia/© Photographee.eu

Jeder zweite Mann und fast jede zweite Frau erkrankt an Krebs. Mit der Diagnose steigt für viele auch das Armutsrisiko: Während das Einkommen krankheitsbedingt sinkt, steigen die Kosten etwa wegen Arztfahrten oder Zuzahlungen.

Heidelberg/Stuttgart - Dass in seinem Magen ein Tumor heranwächst – diese Nachricht war für den Metallfacharbeiter ein Schock. Doch mit dem Brief von seiner Krankenversicherung folgte ein zweiter Schreck: Ihm wird geraten, eine Reha zu machen, um dann – wenn dabei seine Arbeitsunfähigkeit festgestellt wird – die Rente zu beantragen. Mit 38 Jahren. Ein harter Schlag für den Vater von drei Kindern. Von seinem Nettoeinkommen von 2600 Euro erhält er derzeit 70 Prozent Krankengeld – also etwa 1800 Euro. Würde er in eine Rentensituation rutschen, blieben ihm pro Monat nur 1060 Euro. Die Familie hatte gerade gebaut, der Kredit muss abbezahlt werden. „Wie soll es nur weitergehen?“, fragt der krebskranke Mann den Berater vom Sozialdienst am Nationalen Tumor-Center (NTC) in Heidelberg.

Jürgen Walther – so der Name des Beraters – leitet den Sozialdienst des NCT. Seine Aufgabe ist es , Krebskranken weiterzuhelfen – beim Umgang mit Behörden, bei der Vereinbarkeit von Therapien mit den alltäglichen Anforderungen zu Hause in der Familie und im Beruf. „Der Patient ist schließlich nicht nur Patient, sondern auch Mutter oder Vater und hat ein Privatleben“, sagt Walther. Psychoonkologischen Studien belegen, dass es wichtig ist, die Lebenswirklichkeit des einzelnen Patienten bei der Therapieplanung zu berücksichtigen. „Zusätzliche emotionale Belastungen sollten möglichst gering gehalten werden.“

Die Angst vor der Armut ist oft belastender sei als die Krankheit selbst

Doch das gelingt bei chronisch Kranken selten, die in die Mühlen des Gesundheitssystems geraten. Nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung gehen rund 20 000 Krebspatienten in Erwerbsminderungsrente. Dies passiert teils, ohne dass die Menschen das wollten, sagt Walther, der auch stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Soziale Arbeit in der Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft ist. Gibt es aufgrund eines ärztlichen Gutachtens Hinweise, dass die Erwerbsfähigkeit eines Versicherten bedroht ist,kann ihn die Krankenkasse auffordern, einen Reha-Antrag zu stellen. Die wenigsten wüssten, dass jeder Reha-Antrag in einen Rentenantrag umgewandelt werden könne, wenn die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn der Patient voraussichtlich länger als ein halbes Jahr leistungsgemindert ist, sagt Walther. Dies trifft auf die Mehrheit der Tumorpatienten zu. „Für die Betroffenen ist das ein Desaster!“ Und zwar nicht nur der tatsächliche Renteneintritt, schon allein das verfahren stellt eine erhebliche Belastung dar.

Onkologen berichten, dass die Angst vor der Armut oft belastender sei als die Krankheit selbst. Es gibt kaum Untersuchungen dazu, wie hoch das Armutsrisiko von Krebspatienten ist. Es gibt lediglich Schätzungen, dass Hunderttausende von Krebskranken von finanziellen Engpässen betroffen sind. Eine der wenigen Untersuchungen stammt vom Bund niedergelassener Hämatologen und Onkologen aus dem Jahr 2012. Sie hatten 13 000 Patienten befragt. Das Ergebnis: Noch bevor typische Probleme wie Tumorangst und körperliche Belastungen zur Sprache kamen, benannten die Patienten beruflich-finanzielle Sorgen als größte Beschwernis. „Die Sorge, wie es mit der Familie weitergeht, wie man selbst über die Runden kommt, überlagert das Problem, was wir für wichtiger erachten – nämlich das des Gesundwerdens“, bestätigt der Onkologe der Berliner Charité, Bernhard Wörmann.

„Ich fasse es nicht, dass man vom Gesundheitssystem so im Stich gelassen wird“

Dabei ist es ja eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, die hinter dem Problem steht: nämlich die, dass die Zahl derer, die ihre Krebserkrankung überleben, steigt.

Dadurch entwickeln sich aber existenzielle Probleme – so auch bei der 75-jährigen Rentnerin aus dem Kreis Böblingen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Jahrelang hat sie sich um ihren dementen Mann gekümmert. Als er ins Pflegeheim gekommen ist, kam bei ihr der Krebs. Seit 2014 wird sie im Stuttgarter Klinikum wegen einer seltenen Tumorerkrankung behandelt. Sie hat ein Leben lang gearbeitet, 40 Jahre in das Gesundheitssystem eingezahlt. „Jetzt bleiben mir abzüglich Miete und Nebenkosten nur noch knapp 400 Euro zum Leben.“ Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass sie davon die Fahrtkosten zum Klinikum und zum Heim des Mannes bestreiten muss. Dass sie davon Kleider kaufen muss, weil die alten aufgrund der zehrenden Chemotherapien zu weit geworden sind. „Ich fasse es nicht, dass man vom Gesundheitssystem im Stich gelassen wird – wegen einer Krankheit, für die man nichts kann.“

Kleine Veränderungen im Gesundheitssystem könnten vieles erleichtern

Dabei könnten einige Veränderungen chronisch Krebskranken vieles erleichtern: „Das Krankengeld müsste an die jeweilige Erkrankung angepasst werden“, sagt Hans Nau vom Sozialdienst des Klinikums Stuttgart. Bis zu 78 Wochen kann ein Patient Krankengeld erhalten. Tatsächlich reicht dies oft nicht aus, weil die Behandlung länger dauert. „Diese Regelung ist viel zu starr.“

Auch braucht es unabhängige Berater, die den Krebspatienten rechtzeitig Hilfen vermitteln. Denn die finanziellen Auswirkungen einer Krebserkrankung werden häufig nicht thematisiert. Das zeigte zuletzt 2009 eine Patientenbefragung des NTC in Heidelberg zu den wirtschaftlichen Belastungen durch Krebs. Dabei kam heraus, dass die meisten Patienten die Notlage kaschieren, was wiederum dazu führt, dass sie daraufhin wenig Unterstützung erhalten.

Eine unabhängige Beratung bieten unter anderem die Servicestellen des Krebsverbands Baden-Württemberg. Allein in der Beratungsstelle Stuttgart werden pro Jahr knapp 3000 Beratungsgespräche geführt, davon drehen sich 40 Prozent um Themen wie finanzielle Absicherung, sagt die Ärztin Birgit Wohland-Braun. Doch noch nimmt die Öffentlichkeit kaum davon Notiz. Das bekommt auch die Beratungsstelle zu spüren. Die finanzielle Förderung seitens der Deutschen Krebshilfe läuft aus. „Den Erhalt der Krebsberatungsstelle Stuttgart ermöglichen nur die Mitfinanzierung durch den Krebsverband Baden-Württemberg und Spenden“, sagt Wohland-Braun. Eine Unterstützung seitens der Stadt wäre wünschenswert – ist aber nicht bewilligt worden.

Auch Walther warnt davor, an den falschen Stellen zu sparen: „Die psychosozialen Folgen wirtschaftlicher Probleme von chronisch Kranken wurde viel zu lange von Experten und Politikern übersehen. Es wird höchste Zeit, dass sich das Gesundheitssystem darauf einstellt.“

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