Weinernte in Gefahr Wengerter: Furcht vor der Kirschessigfliege

Von Jürgen Löhle 

Eine Gefahr für idyllische Weinberge – die  Kirschessigfliege. Foto: dpa
Eine Gefahr für idyllische Weinberge – die Kirschessigfliege. Foto: dpa

Der asiatische Schädling hat sich in den ersten Sommermonaten stark vermehrt. Hohe Temperaturen und Trockenheit könnten den Trauben jetzt helfen.

Stuttgart - Der Hochsommer biegt so langsam aber sicher auf die Zielgerade ein. Natürlich hoffen viele in der Stadt noch auf einige schöne Wochen. Die Kinder haben Ferien, und auch der Rest der Welt wurde bisher nicht gerade mit reichlich biergartentauglichem Wetter bedacht. Daneben hoffen auch die heimischen Wengerter jetzt noch auf möglichst viel Sonne und hohe Temperaturen. Die Kombination macht natürlich den Wein besser, darüber hinaus kann sie aber auch vor der asiatischen Kirschessigfliege schützen, die seit 2011 in Deutschland immer wieder große Schäden in den Weinbergen anrichtet. Der Fellbacher Wengerter Matthias Aldinger bezeichnet die Fliege gar als „Reblaus der Neuzeit“.

Und das nicht ohne Grund: Anders als die heimischer Essigfliege, schädigt die ursprünglich aus Südostasien stammende Kirschessigfliege auch gesunde Früchte. Mit einer Art Säge am Körper ritzt die Drosophila Suzukii die Haut der Trauben ein an und legt ihre Eier in die Frucht. Binnen weniger Tage zerstören dann die Larven von innen heraus nicht nur Trauben, sondern auch Obst wie Kirschen und Brombeeren.

2011 wurde die nur etwa vier Millimeter lange Fliege erstmals in Deutschland ­entdeckt, 2014 hat sie auch den Weinbau in der Region erheblich geschädigt. „Bei ­einzelnen Rebsorten waren das bis zu 15 Prozent Ausfall“, erinnert sich Martin Kurrle, der Geschäftsführer des Collegium Wirtemberg in Uhlbach. Zudem hätte man wegen dem Einfall der winzigen Schädlinge auch früher lesen müssen und hätte somit gewisse höhere Qualitätsstufen beim Wein nicht mehr erreichen können. Im Vorjahr war die Fliege wegen des trockenen und heißen Sommers dagegen kein Thema in der Region.

Obstbetriebe sprechen bereits von Ernteausfällen

Ob der Schädling den aktuellen Jahrgang gefährden wird, hängt nun weitgehend vom Wetter der kommenden Wochen ab. Laut Kurrle ist es aber schon sicher, dass es nach dem feucht-warmen bisherigen Sommer eine deutlich größere Population an Kirschessigfliegen in der Region gibt als 2015. Dies bestätigt auch Kathrin Walter, die Geschäftsführerin des Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg. „Der Befallsdruck beim Obst ist in der Region Stuttgart durch das feuchtwarme Wetter höher als vor einem Jahr“, sagt sie. „einzelne Obstbaubetriebe haben auch schon von Ernteausfällen berichtet.“ Für genaue Zahlen sei es aber noch zu früh, die Obsternte noch nicht abgeschlossen.

Ob es in diesem Jahr auch für den Wein problematisch wird, ist durchaus möglich, aber noch nicht entschieden. Die Kirschessigfliege interessiert sich für die Trauben erst, wenn sie rot werden, also in etwa von Mitte September an. „Aktuell sind die Trauben noch nicht bedroht“, erklärt Martin Kurrle, „und wenn es die kommenden Wochen trocken und heiß werden würde, könnte das auch so bleiben.“ Der Grund ist, dass die Fliege Temperaturen über 30 Grad nicht mag, bei Spitzen um 33 Grad starben bei Laborversuchen etwa 70 Prozent der Fliegen ab.

Die Sonne könnte es also für den Wein richten. Rainer Bubeck ist da allerdings skeptisch: „Dass es noch einmal etwa 10 Tage am Stück um die 30 Grad hat wird mit jedem Tag Richtung September unwahrscheinlicher“, sagt der Pflanzenschutzbeauftragte des Collegium Wirtemberg. Diese Einschätzung teilt auch der Deutsche Wetterdienst. „Die nächsten Tage sind 30 Grad nicht in Sicht“, erklärt der Meteorologe Klaus Riedl. Und im September gäbe es zwar einzelne Tage mit bis zu 30 Grad, längere Perioden mit so hohen Temperaturen seien aber höchst unwahrscheinlich.

Die Frucht ist interessanter als die Falle

Das Risiko für den Wein ist also da. Ganz machtlos sei man gegen die Schädlinge allerdings nicht, „aber das Problem ist relativ neu, da fehlt schon noch die Erfahrung“, erklärt Rainer Bubeck. Im Moment gäbe es drei biologische Insektizide, die auch im integrierten Weinbau zulässig wären. Vorbeugend könne man auch die Begrünung der Weinberge flach halten, Brombeerhecken zurückschneiden und das Blattwerk der Reben so weit wie möglich ausdünnen, um der Fliege weniger Lebensraum zu geben. Möglich ist auch, die Trauben mit Kalkwasser einzusprühen. „Das sieht zwar war nicht schön aus, soll aber helfen“, sagt dazu Martin Kurrle. Es gibt auch Fallen, aber die taugen laut Rainer Bubeck eher dazu einen Befall der Reben anzuzeigen. „Für die Fliege ist die Frucht viel interessanter als die Falle“, sagt der Pflanzenschutz-Experte.

Eine wissenschaftlich fundierte Strategie gegen die lästige Fliege ist aber zumindest in Sicht. Wie die Fraunhofer-Gesellschaft in diesen Tagen berichtete, könnte die massenhafte Freisetzung steriler Männchen helfen. Dieses so genannte „genetische System“ soll dafür sorgen, dass Nachkommen der Fliegen bereits im Embryonalstadium absterben würden. Für die aktuelle Lese kommt die Methode aber noch zu früh. Den Weingärtnern in der Region bleibt jetzt also zuerst mal die Hoffnung auf einen schönen, trockenen und vor allem heißen Spätsommer, der zumindest die Population reduziert. Ganz zu verhindern werden Schäden aber wohl nicht sein.

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