Herbstsatz auf Abstand: Maximilian Kusterer, OB Jürgen Zieger, Achim Jahn und Adolf Bayer (von links). Foto: Ines Rudel

Schön sind sie. Aber unpraktisch. Die Steilhänge mit den Rebstöcken prägen das idyllische Gesicht der Stadt Esslingen. Doch ihre Bewirtschaftung ist aufwendig und personalintensiv. Die Esslinger Weingärtner funken deswegen SOS: Anstelle von Weinbau drohen unschöne Brachen.

Esslingen - Die Stadt Esslingen liegt idyllisch eingebettet zwischen grünen Terrassen mit blühenden Rebstöcken. Die Weintrauben stehen ihr gut zu Gesicht – und sie prägen ihr Gesicht. Doch wie lange noch? Die Pracht ist vergänglich. Die örtlichen Weingärtner funken SOS. Denn sie seien bald nicht mehr in der Lage, die aufwendige Anbauform an den Steilhängen zu stemmen, sagten sie beim Esslinger Herbstsatz. Früher wurde bei der Veranstaltung die Steuer für die Wengerter festgelegt, heute ist sie Treff und Leistungsschau der Esslinger Winzer sowie ein Austausch mit der Stadtverwaltung. Corona-bedingt fand die Veranstaltung mit ihrer bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Tradition nicht wie sonst im Alten Rathaus statt, sondern in der Kelter im Esslinger Stadtteil Mettingen.

 

Das Gesamtbild stimmt

Nicht die Absatzzahlen, der Klimawandel, die Qualität oder die Vermarktung ihres Rebensaftes brachten die Esslinger Weingärtner beim Herbstsatz zum Weinen. Der Klimawandel führe zwar dazu, dass die Lese früher beginne – normalerweise starte sie im Oktober, so Achim Jahn, Vorsitzender der Weingärtner Esslingen, aber in diesem Jahr lief sie schon Anfang September an. Und mit der Lese und der Qualität des Weins nach einem nicht ganz so heißen Sommer sind die örtlichen Winzer zufrieden, ebenso mit dem Verhalten der Verbraucher, die regionale Produkte wieder stärker schätzen. Weißweine stiegen sogar in der Gunst der Konsumenten, teilten die Wengerter beim Esslinger Herbstsatz mit. Denn der Weißwein passe mit seiner schmackhaften Leichtigkeit besser zu den immer häufigeren Sonnentagen. Der Rotwein mit seiner melancholischen Schwere munde dagegen eher in kalten Winternächten.

Sorgen machen sich die Winzer dagegen um die Zukunft der Steilhänge, auf denen in Esslingen seit Alters her Wein angebaut wird: Statt traumhafter Terrassen könnte es in der Stadt künftig albtraumhafte Brachflächen geben. Denn die Terrassen sind zwar schön anzusehen, aber schwer zu bewirtschaften. Die Anbauform an den Steilhängen sei sehr aufwendig, betonte Weingärtner Wilfried Rapp. Denn die gesamte Arbeit müsse von Hand erledigt werden. Allein in seinem Betrieb fielen dafür 1000 zusätzliche Arbeitsstunden im Jahr an. Das sei personal-, kosten- und zeitintensiv. So werde es immer schwieriger, diese Anbauform wirtschaftlich zu betreiben, fügte Cousin und Berufskollege Andreas Rapp hinzu. Schließlich müssten sich die Esslinger Wengerter im nationalen und internationalen Wettbewerb behaupten und auch mit Blick auf die Preispolitik die Konkurrenz im In- und Ausland im Auge behalten. Das Bewirtschaften der Terrassen erschwere es, in einem schwierigen Markt mithalten zu können.

Eine aufwendige Anbauform

Mitarbeitende fehlen

Sein Kollege Adolf Bayer schiebt die leidige Geldfrage dagegen energisch zur Seite: „Es geht nicht immer nur um den Profit. Wir haben zu wenig Leute, die diese Arbeit noch machen wollen.“ In den nächsten zehn, 20 Jahren kämen die wenigen verbliebenen Mitarbeiter zudem in ein Alter, in dem die Tätigkeit an abschüssigen Stellen zu mühsam werde und nicht mehr leistbar sei. Große und flache Flächen seien einfacher zu bewirtschaften.

Die Erträge aus Rebstöcken am starken Gefälle machen einen beachtlichen Anteil an der Gesamtproduktion aus: Von den insgesamt 323 607 Litern Rotwein wurden etwa 130 000 Liter aus Steillage geerntet. Der Weißwein 2019 hatte einen Ernteanteil von 166 613 Litern, davon 33 042 Liter in der Steillage.

Immer weniger Winzer

Die Arbeit an den Steilhängen gerät in Schieflage, meinte auch einer der Grandseigneurs des Esslinger Weinbaus: Hans Kustererverweist auf das „wirtschaftliche Problem“, zum anderen auf das Schrumpfen und die Nachwuchssorgen der Branche. Früher sei die Knochenarbeit in den Steillagen auf viele Schultern verteilt gewesen. Inzwischen nehme die Zahl der Weinbauern in Esslingen stetig ab. Daher müssten immer weniger Betriebe immer mehr Arbeit an den Terrassen leisten. Zumal es immer weniger junge Winzer geb, ergänzte sein Sohn Maximilian Kusterer. Er hat zwar den väterlichen Betrieb übernommen und wurde im Rahmen der „Wein Trophy“ des Wein- und Gourmetmagazins Falstaff zu einem von drei Newcomern des Jahres gewählt, eine Art Oscar der deutschen Weinszene. Aber seinem Beispiel folgen nicht viele. Daher lautet das Fazit seines Vaters: „Wir Esslinger Wengerter stoßen irgendwann an unsere Grenzen. Dabei sollte hinten immer etwas herauskommen.“

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