Michael Maier neben einer Wetterstation (links) im Weinberg Foto: Gottfried Stoppel

Wengerter aus dem Remstal haben in ihren Weinbergen Stationen aufgestellt und sich untereinander vernetzt. Sie können jetzt die jeweiligen Wetterbedingungen vor Ort in Echtzeit auf dem Handy abrufen. Das hat viele Vorteile.

Das Wetter macht, was es will. Auch im Remstal. Für Wengerter ist das oft problematisch. Wenn es in Fellbach trocken ist, kann es in Schnait oder Hanweiler regnen. Das hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, dass Hansjörg Aldinger vom gleichnamigen Fellbacher Weingut den Schlepper eingespannt und sich auf den Weg nach Hanweiler gemacht hat, um in den dort von seiner Familie bewirtschafteten Weinbergen zu spritzen. Den Weg und die Zeit hätte er sich allerdings sparen können, denn bei Regen spritzt man nicht.

 

Der Pflanzenschutz kann jetzt genau koordiniert werden

Seit einigen Monaten gibt es diese „Metzgergänge“ nicht mehr. Aldinger kann aufgrund einer Wetterstation und einer dazugehörenden App den Pflanzenschutz jetzt genau koordinieren. „Das spart Sprit und Zeit, minimiert im günstigsten Fall die Menge der Spritzmittel und hilft vor allem unseren Nerven“, sagen Hansjörg Aldinger und sein Kollege Michael Maier, Junior vom gleichnamigen Weingut in Schwaikheim. Beide betreiben Bio-Weinbau, wie mittlerweile viele ihrer Kollegen im Remstal.

Als sie von dem neuartigen System der Wetterstation, die das österreichische Unternehmen Leova anbietet, gehört haben, zögerten sie nicht wirklich lange, obwohl eine Station „an die 2000 Euro kostet“, sagt Hansjörg Aldinger und schaut auf sein Handy. Dort haben er und seine Kollegen die App installiert, die ihnen Infos in Echtzeit zur Niederschlagsmenge im jeweiligen Weinberg liefert. Alle Stationen sind untereinander verbunden und die Informationen von allen über die App abrufbar.

„Eine tolle Sache, die sich just in den letzten Tagen nochmals als sehr gutes, unterstützendes Hilfsmittel bewährt hat. Wir konnten bei Regen immer schnell reagieren. Ich schaue mindestens alle zwei Stunden, eigentlich sogar noch öfter auf die App“, sagt Michael Maier. Erst vor ein paar Tagen hat er sein ursprüngliches Wochenprogramm umgestellt und ist anstatt in den Keller, wo er abfüllen wollte, in den Weinberg gegangen. Ein Platz- oder Starkregen verändert die Bodenbeschaffenheit oft sehr schnell, in Steillagen wird es rutschig, der Boden ist für schweres Gerät zu weich. Das alles kann er jetzt abwägen: die Wettervorhersage und die Regenmengen, die im Weinberg in den letzten Stunden gefallen sind. Sie unterscheiden sich oft von denen in Schwaikheim, wo Maier lediglich den Betrieb, aber keine Weinberge hat. „Man kann sich das Spritzen aufgrund der App besser einteilen.“ Für Michael Maier hat die App viele Vorteile.

Die Firma Leova aus Österreich kennt eigentlich jeder Weinmacher. Vor rund 60 Jahren hat sie den perforierten, eckigen Weinbergpfahl aus Stahl erfunden. Er hat die Holzpfähle in vielen Weinbergen, auch im Remstal, abgelöst. Nun hat Leova aufgesattelt und „ein pfahlintegriertes Informations- und Steuerungssystem in Echtzeit“ entwickelt. Als App für Smartphone und den PC liefert es die Informationen über Regen und Niederschlagsmengen direkt dorthin, wo sich der Wengerter gerade befindet. Die Wetterstationen fallen auf, sind aber nicht störend. Weiß und rund ist der Trichter auf dem Pfahl, der das Regenwasser aufnimmt. In ihm wird eine kleine Klappe ausgelöst, die Wassermenge wird im Gefäß darunter gemessen, mit einem Sensor. Simpel, eigentlich. Speziell, weil die Infos direkt in die App eingespeist werden und so in Echtzeit abrufbar sind. Das nennt man „smarten Weinbau“.

In diesem Jahr kamen neun neue Stationen dazu

Letztes Jahr wurden im Remstal elf solcher Stationen aufgestellt, dieses Jahr kamen schon neun weitere dazu. Auch Christian Frank von der Remstalkellerei ist dabei, ebenso Leon Gold aus Gundelsbach – wo es immer ein bisschen kälter und feuchter ist als im restlichen Remstal – und das Weingut Bernhard Ellwanger in Großheppach. Die Fellbacher WG betreibt seit Jahren eine eigene Wetterstation an der Neuen Kelter.

Bei den 20 Leova-Stationen wird es wohl nicht bleiben, Hansjörg Aldinger plant schon eine weitere. Er sieht den Weinbau im Remstal im Wandel. Die Zahl der Hobby-und Freizeitwengerter nehme ab, die professionellen Weingüter würden immer größer und hätten jetzt Flächen, die oft weit entfernt sind vom Betriebsgebäude. Das ist auch bei Rainer Schnaitmann so. Er hat neben den Reben in Fellbach auch Weinberge in Schnait. Noch krasser ist es beim Weingut Sigloch, es hat seinen Sitz in Winnenden und einige seiner Weinberge im Gewann Cannstatter Zuckerle. Das sind fast 20 Kilometer Wegstrecke und mindestens eine halbe Stunde Fahrzeit – einfacher Weg.

Wengerter schauen immer zum Himmel und aufs Wetter. Senior Gert Aldinger erinnert sich, dass sie einst zusammen mit der Firma Lufft in Fellbach ein System ausgetüftelt hatten, das die Blattnässe erfasst hat. „Und jeden Montag haben wir uns in Rotenberg getroffen, zum Spritztreff und Austausch.“ Das übernimmt jetzt die App, jeder ist mit jedem vernetzt und hat auf alle Stationen Zugriff. Michael Maier denkt in die Zukunft und könnte sich vorstellen, dass das System „in Bezug auf Wind und Temperatur“ ausgebaut werden könnte. Beim Regen ist er jetzt schon „viel entspannter als früher“. Vielleicht lässt sich das noch steigern.

Die Lese wird für den September angepeilt

Im Moment sieht es ganz gut aus in den Weinbergen – „wenn es so weiter geht, beginnen wir mit der Lese zehn Tage später als vergangenes Jahr, also im September“, sagt Hansjörg Aldinger. In der Schmerstraße in Fellbach ziehen derweil dunkle Wolken durch den Himmel. Ein Blick in die App zeigt ihm, dass es in Hanweiler noch trocken ist. Eine Stunde später ist das anders. Das Wetter macht, was es will, das wird immer so bleiben. Mithilfe der App erfahren die Wengerter jetzt in Echtzeit davon. Und im Remstal sind sie beim „smarten Weinbau“, so heißt das System mit den sensorgesteuerten Wetterstationen, europaweit offenbar Pioniere.