Nachdem im vergangenen Jahr vor allem der Ertrag bei den Rotweinen eher mau war, hoffen die Esslinger Weinbauern auf einen guten Jahrgang 2022. Doch der milde Winter könnte späte Folgen haben.
Esslingen - Routiniert greift Jochen Clauß nach einigen Trieben, die aus dem Trollingerstock herausragen. Mit schnellen, kurzen Bewegungen schneidet seine Rebschere durch das Holz. Zwei der knorrigen Zweige lässt er übrig. Die Fruchtruten sollen später Trauben tragen, aus denen Clauß und seine Kollegen der Weingärtner Esslingen den schwäbischen Rotweinklassiker keltern. Es waren vor allem die roten Rebsorten, die im vergangenen Jahr durch Feuchtigkeit und Pilzkrankheiten schwere Schäden erlitten. Die Erträge waren dadurch geringer als in den Vorjahren. Die Hoffnung der Esslinger Wengerter liegt nun auf dem Jahrgang, für den sie derzeit die Weichen stellen. Und darauf, dass der milde Winter keine negativen Folgen mit sich bringt.
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Was 2022 bringt, vermöge keiner vorauszusagen, sagt Clauß. Seit 1995 ist der Mettinger im Weinbau tätig, mittlerweile als Vorstandsmitglied in der Genossenschaft. Nach einem Winter wie diesem, sagt er, gebe es eine Gefahr: Bereits im März könnten die Triebe sehr weit sein, 2017 sei das der Fall gewesen. Dann kam Ende April der Spätfrost, zwei bis drei Grad minus in der Nacht, und die jungen, grünen Triebe froren ab. Wenn dieser Teil der Pflanze kaputt ist – in der Regel hängen daran zwei bis drei Trauben mit Beeren –, dann macht sich das in Summe im Ertrag bemerkbar. „Die Gefahr wächst durch die Klimaveränderungen“, sagt Clauß.
Hoffnung auf Durchschnittsertrag
Nur wenige hundert Meter von der Kelter entfernt, in der die Weingärtner produzieren, thront die Gravitationskelter des Weinguts Kusterer zwischen den Mettinger Reben. Der Betrieb wurde von den ungünstigen Witterungsbedingungen 2021 besonders getroffen, denn vor etwa zwei Jahren begannen die Kusterers damit, nur noch biologische Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Diese wirken nicht so lange wie konventionelle Mittel, was in einem besonders feuchten Jahr Schwierigkeiten mit sich bringt. „Der Pflanzenschutz war eine extreme Aufgabe“, sagt Maximilian Kusterer, der das Weingut leitet. „Wir mussten sehr stark gegen Pilze vorgehen.“ Am Ende hatte der Familienbetrieb quasi den doppelten Aufwand, dafür aber deutlich weniger Ertrag.
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„Wir hoffen jetzt, dass es vom Ertrag her in diesem Jahr wieder den Durchschnitt erreicht“, sagt der Jungwinzer. Das Zurechtschneiden der Stöcke nach dem Winter ist bei den Weinbauern weitgehend abgeschlossen. Ab März beginnen sie dann mit dem sogenannten Biegen: In der Winterzeit werden die Pflanzen aus den Drahtanlagen herausgezogen, um sie dann im Frühjahr wieder hinein zu flechten. „Wir schaffen quasi im Kreis herum“, sagt Kusterer und lacht.
„Weinberge gehören zu Esslingen dazu“
Was die Esslinger Wengerter allesamt beschäftigt: Die Zukunft der Terrassenweinberge. Im kommenden Jahr soll Glyphosat in Deutschland verboten werden. Doch gerade in den Terrassen gilt das Unkrautvernichtungsmittel als wichtiges und effizientes Werkzeug, um die unterste Schicht der Reben von Kräutern zu befreien. „Eigentlich brauchen wir das“, sagt Clauß. Stattdessen sollen die Weinbauern nun aufwendig von Hand mit Motorsensen die störenden Pflanzen entfernen. Das könnte dazu führen, dass sich die Bewirtschaftung von Mauerweinbergen nicht mehr lohnt.
Diese Sorge teilt in gewissem Maße auch Adolf Bayer, der das Weingut Bayer in Rüdern führt. Seine Theorie lautet: „Wenn die Verbraucher bereit sind, die Weine aus den Steillagen entsprechend zu honorieren, dann könnte sich das schon noch lohnen.“ Wer einen höheren Preis für diese Weine bezahlt, unterstütze nicht nur die Weinbauern und den höheren Aufwand, den sie für die Herstellung dieser Tropfen betreiben müssen, sondern auch die Kulturlandschaft in Esslingen. „Die Weinberge gehören zu Esslingen dazu“, sagt Bayer. Wenn aber die Bewirtschaftung der Terrassen nicht gefördert wird, dann verkommen diese Bereiche. Und das wird für jedermann sichtbar sein.
Ein gutes Weißweinjahr
Auch das Weingut Bayer hat im vergangenen Jahr deutlich weniger Ertrag gehabt als in den Vorjahren. Der Wengerter spricht von etwa 40 Prozent, die ihm fehlen. Besonders im Rotweinbereich hätten er und seine Kollegen massive Einbußen verzeichnet. Bei den Weißweinen hielt es sich jedoch in Grenzen, qualitativ seien sie sogar sehr gut, sagt Bayer. „Es war ein gutes Weißweinjahr.“ Sauvignon blanc, Weiß- und Grauburgunder hätten sehr intensive Aromen. „Wir haben tolle Weine im Keller. Mitte März werden die dann abgefüllt“, sagt Bayer.
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Wie seine Kollegen blickt Weingärtner-Vorstandsmitglied Jochen Clauß optimistisch auf das noch recht frische Jahr 2022. Er sagt: „Wünschen würden wir uns – wie wahrscheinlich jeder – einen schönen Sommer. Nicht zu heiß. 25 Grad würden uns eigentlich schon reichen zum Arbeiten. Und ab und zu Regen, damit die Reben keinen Trockenstress leiden müssen.“ Bis zum Herbst kann noch sehr viel passieren. Auch wenn die Nachwehen des schwierigen Jahrgangs 2021 noch in den Bilanzbüchern spürbar sind, blicken die Wengerter nach vorne. „Unser Beruf ist ja auch so interessant, weil jedes Jahr anders ist“, sagt Adolf Bayer.
Die Sorgen der Weingärtner
Schlechter Ertrag
Weil das vergangene Jahr 2021 sehr feucht war, hatten die Weinbauern im Kreis Esslingen mit Pilzkrankheiten zu kämpfen. Das führte dazu, dass der Ertrag deutlich geringer ausfiel, als in den Jahren zuvor – besonders bei den Rotweinen wie dem Trollinger oder dem Lemberger.
Glyphosatverbot
In Deutschland ist der Einsatz von Glyphosat von 2023 an verboten. Weil es gesundheitsschädlich ist, wenn es mit Lebensmittel in Berührung kommt, hat dieses Unkrautvernichtungsmittel in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Im Weinbau könnte das Verbot jedoch weitreichende Folgen haben. Dort wird es eingesetzt, um das Unkraut auf den Terrassen zu entfernen, mit den Trauben kommt es nicht in Berührung. Nun sollen die Weingärtner von Hand die Terrassen von den Kräutern befreien, was sehr viel Aufwand bedeutet. Für einige könnte sich somit die Bewirtschaftung der Steillagen nicht mehr lohnen.