Ana Carina Dias aus Aveiro in Portugal (li.) begleitet im Alten- und Pflegeheim Karl Wacker in Stuttgart Bewohnerin Helga Kast mit Rollator durch einen Flur. Foto: dapd

Altenhilfe-Träger wirbt Arbeitskräfte aus Ausland an – Auf drei freie Stellen kommt nur ein Bewerber.

Stuttgart - Auf drei ausgeschriebene Stellen gibt es im deutschen Pflegesektor derzeit etwa einen Bewerber. „Wir stellen uns jedes Jahr wieder die Frage, wie wir unseren Bedarf abdecken sollen“, sagt Bernhard Schneider, der Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung. Allein dieses Jahr galt es, 70 neue Kräfte zu akquirieren. Dabei könne die Stiftung jedoch nicht jeden beliebigen Bewerber einstellen. „Wir haben eine Verantwortung unseren Patienten gegenüber“, betont Schneider. Empathie, Freundlichkeit und ein liebevoller Umgang mit alten Menschen seien Voraussetzungen, die man nicht erlernen könne, so dass einige Fachkräfte nicht in die engere Auswahl ­kämen.

Um die Mitarbeitergewinnung langfristig sicherzustellen, suchte die Evangelische Heimstiftung mit Hilfe der Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit qualifizierte Fachkräfte in Südeuropa. „Das ist nur ein Baustein zur Personalgewinnung“, erklärte Tabea Buck, Personalleiterin der Evangelischen Heimstiftung. Zwar wolle man in den nächsten Jahren rund ein Drittel der benötigten Stellen mit ausländischen Fachkräften besetzen, doch im Mittelpunkt stehe noch immer die Ausbildung neuer Fachkräfte vor Ort. Jedes Jahr gebe es etwa einen Auszubildenden auf acht Bewohner in den Pflegeeinrichtungen.

Eine Stellenanzeige kostet 3000 Euro

Die acht ausländischen Fachkräfte haben bereits eine vierjährige Ausbildung hinter sich und bekommen seit dem 14. Mai täglich acht Stunden Sprachunterricht. Alle zwei Wochen legen sie einen Praxistag ein, an dem sie in verschiedene Bereiche der Evangelischen Heimstiftung hineinschnuppern und Einrichtungen kennenlernen. Auch gemeinsame Unternehmungen und die Besichtigung verschiedener Heime stehen auf dem Programm. Etwa 4300 Euro pro Fachkraft kostet der erste Integrationskurs beim Internationalen Bund (IB), einem Stuttgarter Bildungsanbieter. Dazu kommen rund 400 Euro Taschengeld im Monat. Unterkunft und Verpflegung erhalten die Fachkräfte im Gästehaus des IB. „Die Mehrkosten lohnen sich für uns“, sagt Bernhard Schneider. Immerhin koste allein eine Stellenanzeige schon 3000 Euro.

„Ich wollte schon länger im Ausland arbeiten“, sagt Alexandre Gomez, der sich mit seinen sieben Mitstreitern gegen rund 60 Bewerber aus Portugal durchgesetzt hat. In Stuttgart gefalle es ihm sehr gut, Deutschland sei jedoch aufgrund der Sprache nicht sein erstes Ziel gewesen. „Viele meiner Klassenkameraden sind nach Frankreich oder England ausgewandert“, ergänzt er. Denn Englisch und Französisch lerne man in seiner Heimat bereits in der Schule.

„Hier kann ich endlich all das tun, was man uns auf der Schule beigebracht hat“

Auch der Spanier Ruben Castel, der zufällig bei einem Praktikum von dem Projekt der Evangelischen Heimstiftung erfuhr, ist froh, ins Schwabenland gekommen zu sein. „Hier kann ich endlich all das tun, was man uns auf der Schule beigebracht hat“, sagt er lächelnd. Denn der Personalschlüssel sei hier viel besser, so dass er Zeit habe, sich wirklich um die Patienten zu kümmern.

„In Portugal bekam ich nach meinem Abschluss nur Praktika oder Aushilfsjobs“, erinnert sich Ana Carina Dias. Die Aussicht auf eine Stelle bei der Evangelischen Heimstiftung sieht sie als große Chance. Wo genau sie arbeiten will, weiß die quirlige Portugiesin schon jetzt: in einem Altenheim in der Nähe des Fernsehturms.

Mit gewissen Vorurteilen haben die Portugiesen längst aufgeräumt

Fremd sind den ausländischen Fachkräften vor allem das schwankende Wetter und Mineralwasser mit Kohlensäure. Auch der Kaffee sei hier etwas ganz anderes als in der südlichen Heimat, und die Straßen erschienen sehr sauber, auch wenn sich der eine oder andere noch nicht an die Intervalle der Müllabfuhr gewöhnt hat. Mit den Vorurteilen, die Deutschen wären ernst und kalt, haben die acht Portugiesen längst aufgeräumt und fühlen sich sichtlich wohl in der Landeshauptstadt.

Die Bewohner der Pflegeeinrichtungen blicken dem Einsatz der Südländer gelassen entgegen: „Mir ist es egal, woher sie kommen“, sagt Helga Kast. Der 80-Jährigen ist der liebevolle Umgang in der Pflege das Wichtigste. Außerdem seien einige der neuen Pfleger nett anzusehen, fügt sie lachend hinzu. Neu ist der Einsatz von Fachkräften mit Migrationshintergrund in der Pflege übrigens nicht, jeder zehnte Mitarbeiter bei der Evangelischen Heimstiftung ist ein Zuwanderer.

Sprache erproben und Arbeitsabläufe einüben

Ende September sollen die acht neuen Fachkräfte die erste Sprachprüfung des Grades B1 ablegen, ehe sie ein zweimonatiges Praktikum in den Einrichtungen beginnen. Dort soll die Sprache erprobt und sollen die Arbeitsabläufe eingeübt werden. Auch fachliche Schulungen und die Begleitung mit einem weiteren Sprachkurs sind geplant, so dass die Portugiesen noch vor Weihnachten den zweiten Sprachtest B2 bestehen können, wodurch sie beim Regierungspräsidium Stuttgart als deutsche Pflegefachkraft anerkannt werden.

Erst danach wird endgültig entschieden, in welcher Einrichtung die neuen Fachkräfte eingesetzt werden. Mit dem Bestehen des Sprachtests bekommen die Portugiesen außerdem einen unbefristeten Vertrag als Pflegefachkraft mit betrieblicher Altersvorsorge und Fortbildungsmöglichkeiten sowie Unterstützung bei der Suche nach einer adäquaten Unterkunft.

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