Die Brexiteers und Großbritanniens Premier Boris Johnson (oben rechts) freuen sich über den lange angepeilten Abschied aus der EU. Die Brexit-Gegner (unten rechts) versammeln sich zu Trauerfeiern. Foto: AP/Kirsty Wigglesworth, dpa/Alastair Grant/Dominic Lipinski

Am Freitag ist „Brexit-Tag“ in Großbritannien. Doch zu spüren bekommen die Briten von ihrem Austritt aus der EU noch nicht viel. Für den Rest des Jahres bleibt das meiste noch beim Alten für sie. Erst zum Jahresende wird es erneut ernst.

London - Nun, da Großbritannien aus der EU ausgetreten ist, soll niemand mehr im Zweifel darüber sein, dass der Tory-Premier sein Wahlversprechen gehalten und es seinem Land ermöglicht hat, den Brexit „hinter sich“ zu bringen. Im Laufe der Woche hatte Premier Boris Johnson sich bei den im Brexit-Ministerium beschäftigten Beamten bedankt für ihre „gute Arbeit“. In der Nacht zu Samstag wurde das Ressort aufgelöst. In den letzten Stunden vor dem Austritt, am Freitag, war das B-Wort natürlich noch einmal in aller Munde. „Brexit Day“ war der Tag, auf den die Brexiteers gewartet hatten – dreieinhalb Jahre lang.

Um das Ereignis gebührend zu würdigen, hatte Johnson seine Kabinettskollegen zur wöchentlichen Sitzung nicht wie üblich in Downing Street empfangen, sondern sie ins nordenglische Sunderland beordert. Sunderland, eine Anti-EU-Hochburg, war der Wahlkreis gewesen, der in der Referendumsnacht von 2016 das erste Ergebnis lieferte – 61 Prozent für Brexit, ein klarer Fingerzeig für den Trend jener Nacht. Dass seither der große Nissan-Betrieb der Stadt, wegen Brexit-Ängsten, gehörig ins Schleudern geriet, und sich auch die Bewohner in Sunderland um die Zukunft sorgen, war für die in Feierlaune angerückte Regierung kein Thema.

Endlich frei und unabhängig

Die Stimmung der Ministerrunde entsprach den Schlagzeilen jener Boulevardblätter, die an diesem Tag ihren Triumph auskosteten – unter dem Motto: „Es ist vollbracht“. „Nach 30 Jahren Widerstandskampf“ gegen die „Gefahr eines europäischen Superstaats“ hätten die „großartigen“ Insulaner dem Kontinent endlich Bescheid gestoßen, jubelte Rupert Murdochs „Sun“: „Our time has come“, es ist so weit. Die „Daily Mail“ frohlockte, die „stolze Nation“ der Briten sei „nach 47 Jahren endlich wieder frei und unabhängig“. Eine „neue Morgendämmerung“ sah sie über den Kreidefelsen von Dover aufziehen.

Die beschwor auch der Regierungschef in einer feierlichen Fernsehansprache. Für Johnson zog „die Morgenröte einer neuen Ära“ herauf. Der Abschied von der EU war für ihn „kein Ende, sondern ein Neuanfang – ein Augenblick echter nationaler Erneuerung“. Nun hebe sich „der Vorhang für einen neuen Akt“. Von den großen Worten abgesehen, suchte Johnson an diesem Tag nicht zu provokativ zu tönen. Ein paar öffentliche Gebäude hatte er anstrahlen und an den Fahnenmasten von Parliament Square Union Jacks aufziehen lassen. In der Downing Street wurden die Minuten und Sekunden zum Austrittszeitpunkt – 23 Uhr britischer Zeit – „heruntergezählt“.

Ansonsten aber gab es keine offiziellen Festakte, keine Feuerwerke, kein Glockengeläut im Lande. Nicht einmal Big Ben schlug der EU-Mitgliedschaft Britanniens die Stunde, wie es die Brexit-Hardliner verlangt hatten. Nigel Farage und seine Verbündeten, denen eine zweistündige Party vis-à-vis vom Parlament genehmigt worden war, mussten ohne Alkohol und ohne akustische Verstärker auskommen. Offenbar „schäme“ sich Boris für den Brexit, feixte Farage.

Eine Mehrheit will den Brexit nicht mehr

Untröstlich zogen Gruppen proeuropäischer Briten an der Seite bedrückter EU-Bürger durch die Straßen, um sich zu eigenen „Trauerfesten“ zu sammeln. Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan öffnete in der Stadt ansässigen Europäern die Tore der City Hall, des Rathauses an der Themse, für Kaffee, Gratisrechtsberatung und „Hilfe emotionaler Art“. Unter dem Riesenrad, an der South Bank, war eine „stille Kundgebung“ geplant, bei der kleine Lichter „zum Protest gegen den Austritt“ geschwenkt werden sollten. Manche Brexit-Gegner zündeten, zum Zeichen ihrer weiteren Verbundenheit mit Europa, Kerzen in ihren Fenstern an. Ähnliche Gesten gab es in vielen britischen Städten und Ortschaften.

Just zum „B-Day“ erfuhren die Briten, dass ihre Regierung sie auf künftige Grenzkontrollen und „Extraprozeduren“ im Kontakt zum Kontinent vorbereitete. Der proeuropäische „Guardian“ meldete, seit dem Referendum hätten 350 000 britische Bürger Pässe unterschiedlichster EU-Länder beantragt. Als der ironischste Aspekt der Brexit-Geschichte muss aber gelten, dass zum Zeitpunkt des Abschieds eine Mehrheit der Briten diesen Abschied gar nicht mehr wollte. Umfragen über Monate hin haben ergeben, dass 52 Prozent britischer Wähler gegen Brexit stimmen würden. 2016 stimmten 52 Prozent dafür.

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