Spiegelungen: Katharina Hauter als Olivia (links) und Paula Skorupa als Viola Foto: Schauspiel Stuttgart/Toni Suter

Wer liebt hier wen und warum? Burkhard C. Kosminskis witzige wie berührende Inszenierung des Shakespeare-Klassikers „Was ihr wollt“ hat am Schauspiel Stuttgart Premiere gefeiert.

Der Herbst macht sich bemerkbar, die Tage werden kürzer. Falls Ihnen das, gepaart mit der Weltlage (und der nicht funktionieren Ausländerbehörde in der Stadt, dem ausgedünnten S-Bahn-Verkehr, und und und) schlechte Laune macht: Es gibt Abhilfe. Gehen Sie ins Theater! Die Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ im Schauspiel Stuttgart, vorgenommen von Intendant Burkhard C. Kosminski, hebt die Stimmung.

 

Verwechslungsgeschichte um fließende Geschlechteridentitäten

Als Dark Comedy, als dunkle Komödie, wird diese Verwechslungsgeschichte um fließende Geschlechtsidentitäten in der Theatergeschichte bezeichnet. Nicht, dass Kosminski die dunklen Aspekte dieses Spiel um vergebliches und erfolgreiches Liebeswerben ausgeblendet hätte, im Gegenteil. Es sind nicht nur schnelle Gags, über die sich das Premierenpublikum am Freitag herzlich und ausgiebig amüsiert hat. Aber in dieser Inszenierung voller Witz und Spielfreude hat das glänzende Ensemble ausnahmslos gezeigt, wie viel komisches Potenzial in ihm steckt. Was für ein Vergnügen, dabei gewesen zu sein!

Zum Inhalt: Die schiffbrüchige Viola beschließt, sich als Mann zu verkleiden und sich in den Dienst des Herzogs Orsario zu stellen und nennt sich fortan Cesario. Paula Skorupa meistert die Doppelrolle souverän und mit der angemessen, der Figur innewohnen Verwirrung – und tut, was der Herzog von ihr verlangt: Sie soll sein glühendes Verlangen der Gräfin Olivia nahebringen, die sich hartnäckig weigert, Orsarios Werben zu erhören. Den Boten Cesario findet die Gräfin dagegen äußert attraktiv: Als der ihr verbal und auch körperlich anschmiegsam die Liebesworte überbringt, schmilzt sie dahin, muss erst leise und dann hörbar lauter stöhnen. Nur ist es eben nicht der Herzog, dem sie ihr Herz überantwortet, sondern sein Bote, der eigentlich eine Botin ist. Katharina Hauter als anfangs schwarze Witwe Olivia, die verbissen ihrem toten Bruder nachtrauert, ist eine Diva par excellence mit wasserfallartigen roten Locken und schwarzer Sonnenbrille. „Von welch anmutiger Schönheit ihr seid“ entfährt es Cesario/Viola, als die Gräfin in den Spiegel schaut.

Liebe als die Projektion der eigenen Wünsche

Spiegel sind das zentrale Element des sparsamen, aber eindrücklichen Bühnenbilds Florian Ettis. Denn wer sich in „Was ihr wollt“ in wen verliebt, das hat auch immer mit einer Projektion, einer Spiegelung der eigenen Wünsche zu tun. „Ich will, dass Du so bist, wie ich dich gerne hätte“, sagt Olivia trotzig wie ein Kind zu Cesario, der/die ihrerseits ihren Dienstherrn, den Herzog begehrt. Da hat sich die schwarze Witwe längst (fast) nackig gemacht: Den Rest von Kleidung, die sie noch trägt, ist weiß, genauso wie sich auch Cesario/Viola kleidet. Das Verwirrspiel um Geschlechtsidentitäten und Rollentausch wird durch die Kostüme (Ute Lindenberg) lesbarer gemacht. Man mag sich kaum ausdenken, wie verwirrend dieses Spiel um fluide Geschlechtsidentitäten zu Shakespeares Zeiten gewesen sein muss, als Frauenrollen sowieso ausschließlich von Männern gespielt wurden.

Kosminski dreht den Spieß um: Der versoffene, schmierige und allseits für einen Quickie mit der Kammerzofe bereite Onkel der Gräfin Toby wird von Anke Schubert gespielt. Sie gibt eine grandiose Vorstellung als boshafter Schmarotzer im gräflichen Haushalt, der sich gemeinsam mit der Kammerzofe Maria (Christiane Roßbach, die ebenfalls ihr komisches Talent voll ausspielt) eine böse Intrige gegen den blasierten Hofmeister Malvolio ausdenkt.

Lou Reeds „Perfect Day“ als eine Art Leitmotiv

Wie Matthias Leja, der den Malvolio spielt, erst als Karl-Lagerfeld-Verschnitt hochnäsig mit Parfüm um sich sprüht, um später im Liebesrausch der vermeintlich in ihn verliebten Gräfin mit anzüglicher Körpersprache zu demonstrieren, was für ein toller Hecht er sei – das hat Klasse und treibt einem Lachtränen in die Augen. Aber dass Leja den gebrochenen Hofmeister später auch als tief leidende Figur zeigt, die eben mehr ist als nur ein Hanswurst, gehört ebenfalls zu den Stärken dieser Inszenierung. Sie lässt bei aller Komik auch tief berührende und zarte Elemente zu.

Stichwort berührend: Die Musik, für die Hans Platzgumer verantwortlich ist, setzt nie aufdringlich, aber passgenau die richtigen Akzente. Fast leitmotivisch zieht sich Lou Reeds Lied „Perfect Day“ durch die Inszenierung. Wer danach einen Ohrwurm im Kopf hat: Es gibt wahrlich schlechtere Songs. Gesungen und gespielt wird dieser von Felix Strobel, der als weiser Narr mit schnurrend bayerischer Intonation die Fäden in der Hand hält an diesem etwas über zwei Stunden dauernden Theaterfest. Er macht dabei eine extrem gute Figur. „Worte sind Füchse und die sind schwer in Fesseln zu legen“, sagt er einmal über sich, den Verdreher und Zurechtrücker von Liebeswahn und Wirklichkeit. „Er weiß genau, wie man den Narren spielt. Und dazu braucht es Verstand“, heißt es an anderer Stelle über ihn. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Termine und Premieren am Schauspielhaus Stuttgart

Termine
„Was ihr wollt“ wird wieder am 7., 10., 16., 22. und 29. Oktober gespielt.

Premieren
Als nächste Premiere im Schauspielhaus steht am 28. Oktober die aus den 1980ern stammende Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo und Franca Rame an. Hier soll das Publikum Stellung zu einer scheiternden Partnerschaft beziehen. Es inszeniert Andreas Kriegenburg, Therese Dörr und Gabor Biedermann spielen. Frei nach Shakespeare könnte man die Theaterplaudereien von Harald Schmidt auch „Wie es mir gefällt“ nennen. Das nächste Mal ist der Zyniker mit seiner „Spielplananalyse“ am 14. Oktober im Schauspiel zu Gast.

Tickets
Karten für alle Vorstellungen gibt es online unter www.schauspielhaus.de oder telefonisch unter 0711 20 20 -90.