Der Theresienturm soll künftig Geschichte lebendig vermitteln. Foto: Brigitte Fritz-Kador

Der Hochbunker Theresienturm in Heilbronn ist ein Erbe der Nazizeit. Im Krieg hat er vielen das Leben gerettet. Nun wird er für Besucher geöffnet.

Heilbronn - Am 4. Dezember 1944 wurde die Innenstadt von Heilbronn bei einem Bombenangriff der Royal Air Force nahezu vollständig zerstört. Vermutlich mehr als 6500 Menschen, darunter tausend Kinder, starben im Bombenhagel und dem dadurch ausgelösten,„strategisch“ gewollten Feuersturm. Am Tag danach war Heilbronn nur noch eine Trümmerwüste.

Etwa 1000 Menschen verdankten ihr Überleben einem Hochbunker. Bis zum vergangenen Jahr hieß dieser noch General-Wever-Turm, dann hat ihn der Gemeinderat in Theresienturm umbenannt. Der neue Name bezieht sich auf den Standort Theresienwiese, der frühere verwies auf seine Geschichte: Der Namensgeber auf Wunsch Hermann Görings war Walther Wever (1887 bis 1936), er leitete das Luftkommandoamt in dessen Reichsluftfahrtministerium. Dort entwickelte er unter anderem die Strategien für einen Luftkrieg. Wie perfekt Verdrängung funktionieren kann, zeigt die Tatsache, dass man in Heilbronn bis in dieses Jahrtausend hinein annehmen durfte, General Wever sei ein Amerikaner gewesen.

Auf dem Dach war eine Flak-Stellung

Vor einem Jahr hat sich die Heilbronner Bürgerstiftung des unter Denkmalschutz stehenden und der Stadt Heilbronn gehörenden Bauwerks in historischer Verantwortung angenommen und nun mit dem Stadtarchiv die ersten konkreten Pläne für dessen künftige Nutzung entwickelt. „Es gibt keinen vergleichbaren Ort in Heilbronn“ – und seines Wissens auch nicht weit über die Stadt hinaus, sagt der Archivdirektor Christhard Schrenk, „der so authentisch“ eine Vorstellung vom Grauen der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges vermittle. Der im Jahr 1940 fertiggestellte Hochbunker war ursprünglich für die Mitarbeiter des benachbarten Schlachthofes, dann für die Wehrmacht gedacht, auf seinem Dach befand sich eine Flakstellung.

Wer den Theresienturm betritt, geht auf eine Zeitreise. Fast alles in dem Gebäude ist noch original erhalten, die Mannschaftsräume und die spiralförmig entlang eines sich nach oben windenden Ganges befindlichen Kasematten, gerade mal 2,20 Meter hoch, die Waschrinnen, die Hinweise „Abort“, teilweise die sparsame Beleuchtung, die als einziges „modernisiert“ werden soll. Allein die Vorstellung, dass dort am Abend des 4. Dezember 1944 mehr als tausend Menschen Schutz suchten, zusammengepfercht, sprachlos und ohne Verbindung nach außen, löst Schauer aus. Noch mehr aber die, dass viele, die noch über eine Art Brücke Zugang suchten und wegen Überfüllung abgewiesen wurden, später im Flammeninferno starben.

Maximal 15 Leute dürfen in den Turm

Schrenk ist sich sicher, dass man „an diesem hochemotionalen Ort“ besser als sonst, gerade auch Jugendlichen, „so unglaublich direkt“ die Schrecken des Krieges nacherlebbar machen kann und dies „besser als in jeder noch so gut gemachten Ausstellung“. Wegen des Brandschutzes werden nur Gruppen bis maximal 15 Personen den Bunker für Führungen betreten können. Schrenk und die Bürgerstiftung wollen Führer schulen und ein Programm anbieten, dessen Inhalte an die Besucher angepasst sind, um so alle Möglichkeiten von Informationen wie auch von Emotionen zu bieten. Schrenk sagt, er kenne keine andere Stadt, die so wie Heilbronn immer noch dieses Gedenken aufrecht erhalte: „Andere, ähnlich stark zerstörte Städte haben das längst abgehakt, Heilbronn aber ist da sehr, sehr aktiv!“

Er ist der Bürgerstiftung dankbar für das Engagement. Deren Vorstand Karl Schäuble hat sich im vergangenen Jahr für das Projekt erwärmt und Mitstreiter gewinnen können. Im neuen Jahr wird er sich um die Geldbeschaffung – eingeplant sind zurzeit 250 000 Euro – um Sachunterstützung und die Realisierung eines anspruchsvollen Entwurfs für eine Zugangsrampe kümmern. Gestalterisch dafür verantwortlich ist Kyrill Keller (Architekturbüro Joos Keller, Stuttgart).

Eine Rampe in acht Metern Höhe

„Die Rampe steht als schlanke Form abgerückt vom Turm entlang der Theresien­straße. So bleibt der denkmalgeschützte Hochbunker in seinem Äußeren unberührt, er bekommt aber eine markante Erweiterung“, sagt er. Die Verkleidung der Rampe, die einen Zugang zum Turm in acht Metern Höhe ermöglicht, soll transparent und reflektierend gestaltet werden.

Geschichte „reflektieren“ können vom Ende des nächsten Jahres an Besucher auch anhand interaktiver Infotafeln und Zeitzeugenberichten. Im Turm wird es absichtlich keine, im stets zugänglichen Vorbereich nur Basis-Informationen geben. Im vergangenen Jahr war der Turm kurz für Besucher zugänglich. Der Andrang war so groß, dass das Los entscheiden musste.

Hochbunker mit vielen Seiten

Der Architekt Kyrill Keller bezeichnet den Theresienturm als „eines der auffälligsten und prägnantesten Gebäude von Heilbronn“. Der Turm ist seit 1990 im Besitz der Stadt und steht unter Denkmalschutz. Errichtet wurde er in der sogenannten Bauweise Dietel, er ist dreißig Meter hoch, verjüngt sich von zwölf Metern Durchmesser des Sockels leicht nach oben, die Betonaußenwände sind eineinhalb Meter dick, das Dach ist zwei Meter stark.

Der Turm enthielt alle überlebensnotwendigen Einrichtungen wie einen Brunnen und ein Dieselaggregat. Nach dem Krieg diente er als Notunterkunft. Vorschläge zur Weiternutzung gab es anschließend viele – bis hin zu dem einer „Bunker-Bar“. Vor einem Jahr investierte die Stadt 100 000 Euro in die Renovierung, bis zur Bundesgartenschau will sie auch das Umfeld neu gestalten. In unmittelbarer Nähe des Turmes geschah der Mord des NSU an der Polizistin Michele Kiesewetter.

Es gibt nur noch einen solch außergewöhnlichen Hochbunker in Darmstadt, Mozartturm genannt wegen eines darin befindlichen Tonstudios.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: