Walter Schultheiß als schwäbischer Unter­nehmer in „Global Player“. Foto: Movienet

Mit 89 Jahren kommt der vor allem durch seine Mundartrollen bekannte Schauspieler Walter Schultheiß auf die große Leinwand. In der Regie von Hannes Stöhr agiert Schultheiß als Chef einer Textilmaschinenfabrik.

Herr Schultheiß, man identifiziert Sie gern mit der Rolle des Mundart-Grantlers. Ist das Schwäbisch auch ein wenig zum Fluch für Sie geworden?
Als ich nur einmal etwas anderes gemacht hatte, hieß es sofort: „Das ist aber nicht der Schultheiß.“ (Lacht) Am Anfang war ich mit dieser Schwaben-Schublade tatsächlich nicht immer so ganz glücklich, ich ging ja schließlich zum Theater, weil mich der Faust gereizt hatte oder um den Mephisto zu spielen. Aber mittlerweile kann ich mit dem Schwäbisch ganz gut leben, denn ich habe festgestellt, dass man mit diesem Dialekt sehr viel mehr sagen kann, weil er einfach plastischer ist als Hochdeutsch.
Sehen Sie nach dem enormen Erfolg von „Die Kirche bleibt im Dorf“ einen neuen Trend für die schwäbische Mundart?
Dazu fällt mir ein Zitat von Gustav Gründgens ein, der gesagt hat: „Wir müssen das Publikum zu uns heraufholen und nicht zu ihm hinabsteigen.“
Angeblich haben Sie bei diesem Film auch Chinesisch gelernt?
Nur angeblich. Ich hörte der Unterhaltung unserer chinesischen Kollegen eine Weile lang zu und habe dann versucht, die Laute der Sprache irgendwie nachzumachen. Darauf sagte die Dolmetscherin plötzlich zu mir: „Sie sprechen aber mehr Kanton-Chinesisch.“
Sie sind nicht nur verdammt zur Mundart, sondern auch zum Alter. Bereits mit 22 Jahren haben Sie im Radio einen Großvater gespielt.
Allerdings! Diese Opa-Rolle war sogar so populär, dass ich bei der Bestellung eines Motorrollers Probleme bekam. Der Verkäufer am Telefon fragte, ob ich alter Kracher überhaupt noch fahren könne. Der Herr kannte meine Stimme eben nur als Großvater aus dem Radio. (Lacht) Eigentlich bin ich erst jetzt endlich in dem Alter für die Rollen, die ich schon immer gespielt habe.
Warum hat man Sie nie als jugendlichen Liebhaber erlebt? Fehlte es Angeboten oder an der Lust dazu?
Der Liebhaber liegt mir gar nicht, solche Rollen wollte ich nie gerne spielen. Einmal bin ich dafür bei einem Stück eingesprungen, aber das war überhaupt nichts für mich: Die Partnerin war wie ein Stock.
So freundlich Sie im realen Leben wirken, so grantig sieht man Sie meist in Ihren Rollen. Wo nehmen Sie den mürrischen Miesepeter her?
Das lernt man ja als Schauspieler, das ist das Handwerk. Wenn das Drehbuch eine Figur so vorgibt, dann spielt man sie auch entsprechend. Bisweilen muss man dann eben von jetzt auf gleich umschalten. Wobei dieser Patriarch in „Global Player“ ja nicht nur der mürrische Typ ist, sondern viele Charakter-Facetten bietet, was die Rolle gerade so interessant macht.
Wie gefällt es Ihnen, sich so auf der Leinwand zu erleben?
Das ist immer eine merkwürdige Angelegenheit. Man denkt ständig, was man vielleicht anders oder besser hätte machen können.
Der betagte Herr Bogenschütz in „Global Player“ hat seine Kriegserlebnisse bis heute nicht verarbeitet – wie ging es Ihnen selbst mit diesen Erfahrungen?
Gott sei Dank musste ich nie auf jemanden schießen. Allerdings gilt wie bei dem Bogenschütz im Film auch bei mir und vielen dieser Generation, dass wir keine Jugend gehabt haben. Über dieses Thema habe ich mich mit dem Regisseur Hannes Stöhr sehr lange und intensiv unterhalten.
Wie leicht fällt die Schauspiel-Arbeit mit 89 Jahren? Ihr junger Kollege Christoph Bach erzählt, dass Sie am ersten Drehtag bereits die Texte aller Schauspieler auswendig kannten.
So ziemlich, ja. Wobei ich die Texte gar nicht großartig lernen muss. Ich arbeite die Rolle durch und studiere die Figuren. Dann überlege ich, mit wem ich welche Dialoge habe. Was ich selbst in dieser Situation sagen würde und was meine Figur dann tatsächlich sagt. Und auf einmal ist das alles da – wie das funktioniert, kann ich gar nicht ­sagen.
Was war für Sie das Besondere beim Drehen von „Global Player“?
Das Besondere und Neue an den Dreharbeiten für mich war, dass es einen Monat vor Drehbeginn eine Woche lang gemeinsame Proben in Berlin gegeben hat. Dadurch bekam man ein Gefühl für die Gestaltung der Rolle im Zusammenspiel mit den Kollegen und Kolleginnen, was die eigentlichen Dreharbeiten wesentlich erleichtert hat. Bei all dem lernte ich die unaufdringliche Regie von Hannes Stöhr kennen. Er erzählt ganz harmlos Geschichten, von denen man glaubt, dass sie nichts mit der Arbeit zu tun haben – und plötzlich, ganz unbemerkt, hat er die Darsteller dort, wo er sie haben will.
Ist die Arbeit heute für Sie einfacher oder schwieriger?
Die Arbeit ist für mich heute schon leichter, ganz einfach wegen der Erfahrung. Technische Dinge, etwa die Markierungen auf dem Boden genau zu treffen oder im richtigen Licht zu stehen, gelingen mit zunehmender Routine viel besser – übrigens ein Grund, weshalb man im Fernsehen so oft dieselben Darsteller sieht. Die Arbeit mit neuen Leuten hält zu sehr auf, und diese Zeit hat man heute nicht mehr.
Sind Sie heute noch nervös?
Natürlich gibt es auch heute noch Lampenfieber, das gehört einfach dazu. Es braucht einfach eine gewisse Zeit, bis man weiß, wie die Sache läuft und wie man mit den Kollegen auskommt. Das Entscheidende, ob beim Film oder beim Theater, ist immer, dass man sich im Team wie in einer Familie fühlt. Da darf keiner sein, der plötzlich den Boden verliert und abhebt – und wenn doch, dann hole ich den schon schnell wieder herunter. (Lacht)
Was ist für die Schönste an Ihrem Beruf?
Das kann ich mit einem Beispiel erzählen: Mit meiner Frau zusammen spielte ich einmal ein Stück in einer Psychiatrie. Später erzählte uns der Chefarzt, dass Gemütskranke, die seit zehn Jahren nicht mehr gelacht haben, den ganzen Abend noch fröhlich gewesen seien. Solche Erfolge freuen einen, das ist Applaus der ganz besonderen Art.
Was wären Sie denn geworden, wenn Sie nicht den Weg zum Schauspieler eingeschlagen hätten?
Das kann ich gar nicht sagen, für mich war die Schauspielerei schon als Kind immer mein größter Wunsch. Ich habe mir schon früh ein kleines Marionettentheater gebaut und mit den Kasperle-Figuren meines Vetters damit Stücke gespielt.
Und wie kam es von den Kasperle-Figuren zu dieser Karriere?
Ich habe mich nie irgendwo beworben, sondern ich habe immer gewartet. Mein Vater sagte damals schon immer: „Geh nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst!“, so habe ich es mit meiner Karriere gehalten und sagte: Wenn jemand etwas von mir will, dann kommt er von selber.
Was ist das Geheimnis eines guten Schauspielers?
Er muss über die Rampe kommen, wie es beim Theater so schön heißt. Der Regisseur Fritz Kortner tadelte seinen Schauspieler einmal: „Ich habe gesagt, Sie sollen hereinkommen. Aber Sie sind aufgetreten!“ – darin liegt viel Wahres.
Sind Sie auf dem Laufenden, was sich in Film und Fernsehen aktuell tut?
Ins Kino kommen meine Frau und ich selten. Im Fernsehen schauen wir vor allem 3 Sat und Arte. Bei Comedy schalten wir meistens ab.
Denken Sie manchmal ans Aufhören?
Ich mache einfach weiter, solange der Geist noch mitspielt. Wenn der Geist einmal nicht mehr mitmacht, kann ich immer noch in die Politik.
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