Mary Lou McDonald könnte als Vorsitzende von Sinn Fein die strahlende Wahlsiegerin in Irland werden. Foto: AP/Peter Morrison

Eine Sensation deutet sich an: Die Partei Sinn Fein, früher Sprachrohr der Terrororganisation IRA, könnte bei den Wahl in Irland stärkste Partei werden. Doch mit der Vergangenheit hat die Partei wenig zu tun.

Dublin - Es wäre eine Zäsur: Die Partei der irischen Republikaner, könnte bei den Parlamentswahlen die meisten Stimmen auf sich vereinigen. Darauf deuten Umfragen im Vorfeld der Wahl des irischen Parlaments hin. Sinn Fein, früher das Sprachrohr der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), gilt neuerdings als Speerspitze der linken Opposition.

Der Spitzenplatz bei der Wahl würde zwar nicht bedeuten, dass Sinn Fein sofort die Regierung übernähme oder auch nur an einer neuen Koalition beteiligt wäre. Es wäre aber ein Signal für die tief greifendsten Umbrüche in der irischen Politik und Gesellschaft seit fast 100 Jahren.

Noch zu Beginn des Wahlkampfs vor drei Wochen war Sinn Fein weit hinter den beiden konservativen Parteien des Landes, Fine Gael und Fianna Fail, gelegen. Die Partei kam zu diesem Zeitpunkt in Umfragen nur auf einen Bruchteil der Stimmen, die der Regierungspartei Leo Varadkars, Fine Gael, zugesprochen wurden. Aller Augen waren daher auf Fianna Fail, die andere Partei der rechten Mitte, gerichtet, deren Vorsitzender Micheal Martin Varadkar abzulösen hoffte.

Premier Leo Varadkar abgeschlagen

Nun aber, kurz vorm Wahltag, deuten drei separate Umfragen darauf hin, dass die linksnationalen Republikaner beide konservativen Parteien eingeholt und möglicherweise sogar schon überholt haben. Die letzte dieser Umfragen für die Zeitung Irish Times in Dublin gibt Sinn Fein 25 Prozent, Fianna Fail 23 Prozent und Varadkars Fine Gael nur noch 20 Prozent der Stimmen. Den Grünen sagt die Umfrage 8 Prozent und der irischen Labour Party 4 Prozent voraus. Der Rest ginge an Kleinparteien und an eine Vielzahl unabhängiger Kandidaten.

Bei Sinn Fein gibt man sich zurückhaltend. Schon bei früheren Wahlen blieben Ergebnisse für die Republikaner am Ende deutlich hinter den Umfragen zurück. Die Partei hat außerdem das Problem, dass sie einen solchen Durchbruch nicht erwartet hat und nur mit einer sehr begrenzten Zahl von Kandidaten antritt. Aus diesem Grund käme sie selbst bei einem Rekord-Ergebnis wohl kaum über 30 Sitze hinaus – und 80 Sitze werden benötigt für eine Mehrheit im irischen Parlament, dem Dail. Aber auch Fianna Fail und Fine Gael würden die Mehrheit weit verfehlen.

Niemand will mit Sinn Fein zusammen arbeiten

Beide Parteien haben beteuert, keine Koalition mit Sinn Fein eingehen zu wollen. Sie schließen ein solches Bündnis aus, weil Sinn Fein ihrer Ansicht nach aus IRA-Zeiten noch immer „Blut an den Händen“ hat. Allerdings sind seit dem ersten Waffenstillstand der Terrorgruppe bei den nordirischen „Troubles“ 26 Jahre vergangen. Die IRA hat längst ihre Waffenarsenale aufgegeben. Und Sinn Fein ist seit langem an der nordirischen Regierung in Belfast beteiligt und wird dort von den Unionisten als politischer Partner akzeptiert. In der Republik hat sich die Partei in ihrer Programmatik zu einer Kraft im progressiven Umfeld entwickelt.

Seit Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams vor zwei Jahren zurücktrat, liegt die Führung in den Händen einer Generation, die mit den Aktionen der IRA nichts zu tun hatte. Parteichefin Mary Lou McDonald ist gegenwärtig die beliebteste Politikerin in der Republik. Vor allem bei jüngeren Iren und in städtischen Gebieten findet Sinn Fein Anklang. Sollten die Republikaner am Samstag auch nur annähernd so gut abschneiden, wie ihnen nun prophezeit wird, würde außerdem der Ruf nach einer Volksabstimmung zur Wiedervereinigung mit Nordirland lauter werden.

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