Au Backe: Dem Real-Trainer Zinédine Zidane drohen bei weiteren Niederlagen unruhige Zeiten. Foto: AFP/Gabriel Bouys

Vor dem Clásico gegen den FC Barcelona taumelt das große Real Madrid, im Umfeld des Clubs brodelt es. Doch Trainer Zinédine Zidane glaubt, das Ruder herumreißen zu können.

Stuttgart/Madrid - Immerhin, wer für diesen Samstagmittag geplant hat, den Clásico zu schauen, der kann das tun. Denn zumindest Zinédine Zidane, der Trainer von Real Madrid, gab grünes Licht für die Austragung des ewigen Duells im Camp Nou beim FC Barcelona. „Wir werden am Samstag um 16 Uhr da sein und spielen“, sagte Zidane also – und was ansonsten, nun ja, selbstverständlich klingt, bekommt nun eine besondere Note. Denn Zidanes Ankündigung anzutreten, das klingt für nicht wenige Real-Fans nach den jüngsten Darbietungen wie eine Drohung.

Und andererseits, das klang in Zidanes Subtext durch, will und muss er in diesen Tagen offenbar irgendwie versuchen, die helle Aufregung rund um die Königlichen herunterzuspielen – was er dann mithilfe von Allgemeinplätzen versucht.

Das große Real taumelt also in den Clásico, und nicht nur der Trainer ist ratlos. 0:1 daheim verloren in der Liga gegen den Aufsteiger FC Cadiz, der damit nach Punkten gleichzog, und dann am Mittwoch noch das peinliche 2:3 in der Champions League gegen das Corona-bedingt letzte Aufgebot von Schachtjor Donezk, das ist die jüngste Bilanz – über die Zidane, der Weltmeister von 1998, dies sagt: „Ich bin der Verantwortliche, so etwas darf nicht passieren.“ Und weiter: „Ich halte mich für fähig, diese Situation zu lösen.“

Viel Spott nach der peinlichen Pleite gegen Schachtjor Donezk

Das wird Zidane gegen Barcelona und dann am Mittwoch in der Königsklasse bei Borussia Mönchengladbach beweisen müssen, ansonsten drohen ihm zumindest unruhige Zeiten. Denn in der heimischen Liga steht Real in Barcelona unter Druck – ebenso wie vier Tage später in Mönchengladbach nach der Auftaktniederlage in der Champions League. „Angriff auf die Europa League“, schrieb die Sportzeitung „AS“ nach der peinlichen Vorstellung gegen Donezk. Sollte es so weitergehen, dürfte der Ton noch zynischer werden. Das weiß auch Zidane, der betonte, dass „uns gerade ein bisschen von allem fehlt“. Und davon offenbar ein bisschen viel.

Einige Medien berichten nun, dass es für den Franzosen eng werden könnte, wenn er auch die nächsten beiden Partien verliert. Nicht nur die „Gazzetta dello Sport“ spekuliert, dass Ex-Stürmer und Clubikone Raúl (43), der die zweite Mannschaft trainiert, bald neuer Trainer werden könnte.

Fakt ist: Bei den jüngsten Auftritten ließ Real defensiv wie offensiv nahezu alles vermissen. Der französische Startrainer stellte sich dennoch schützend vor seine Profis. „Wir verdienen die Kritik, wir alle, und ich zuerst“, sagte Zidane: „Ich bin der Trainer, ich muss die Lösung finden. Ich habe sie aber nicht gefunden, und deshalb war es schwierig für meine Spieler.“ Noch kann Zidane vom Kredit seiner ersten Amtszeit mit drei Champions-League-Siegen in Serie zehren. Die Frage ist, wie lange. Zidane rotierte zuletzt gegen Donezk Stammkräfte wie Toni Kroos oder Karim Benzema aus der ersten Elf, wofür er nach dem peinlichen Auftritt, na klar, Kritik erntete. „Wir haben einen sehr engen Zeitplan und alle drei Tage ein Spiel“, sagte der Coach dazu trocken.

Real-Legenden machen sich große Sorgen

Es brodelt also rund um Real, und wie das so ist bei diesem pulsierenden Weltclub mit den höchsten Ansprüchen, melden sich in Krisenzeiten gerne auch ehemalige Größen zu Wort. „Ich habe Real lange nicht mehr so schlecht gesehen“, sagte nun etwa Predrag Mijatović, einst Stürmer und später Sportdirektor bei den Königlichen. Und die Linksverteidigerlegende Roberto Carlos befand in einer Schnelldiagnose dies: „Mental und körperlich herrscht eine enorme Müdigkeit.“

Und das nicht erst seit ein paar Tagen. Klar, das große Real feierte in diesem Jahr nach drei erfolglosen Anläufen mal wieder die spanische Meisterschaft, das schon. Allerdings: Die goldene Zeit der goldenen Generation in der Königsklasse, sie scheint sich dem Ende zuzuneigen. Nach den drei Titelgewinnen von 2016 bis 2018 scheiterte Real in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils im Achtelfinale und wirkte auf der großen europäischen Bühne, nun ja, decodiert und, genau: irgendwie müde – was ja vielleicht nur menschlich ist nach drei großen Triumphen nacheinander.

Noch immer können große Kicker wie Sergio Ramos, Raphael Varane, Toni Kroos, Casemiro, Luka Modric oder Karim Benzema auch in der Champions League den Unterscheid ausmachen und den nächsten großen Wurf landen, klar. Über Real aber schweben spätestens nach dem Aus im Achtelfinale gegen Manchester City in diesem Jahr die großen Fragen nach dem Umbruch: Wann kommt er, mit wem, wie radikal fällt er aus – und ist dann auch der langjährige Erfolgscoach Zidane betroffen? In diesem Sommer gab es Corona-bedingt nicht einen externen Neuzugang. Das dürfte sich in den nächsten Transferperioden ändern, wenn die Königlichen so weiterspielen wie zuletzt.

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