Seit vergangenem Oktober wird eine Tübingerin gegen ihren Willen im syrischen Kriegsgebiet festgehalten: Audionachrichten und – manchmal – ein Telefonanruf sind die einzige Verbindung nach Hause Foto: SRF/StN-Bearbeitun

Mit Video - Johanna aus Tübingen liebte den Islam, als sie Muslima wurde. Dann lockte ihr Mann sie ins syrische Kriegsgebiet und hält sie seit Monaten gefangen – die Geschichte eines Dramas.

Idlib - Johanna flüstert. Als wolle sie den Lärm nicht stören, der um sie herum tobt: den ohrenbetäubenden Knall, mit dem ein Düsenjet die Schallmauer durchbricht. Das Heulen der Triebwerke, wenn der Jet steil in den Himmel steigt, eine Kurve zieht und die Geschwindigkeit drosselt. „Das Flugzeug kommt zurück! Ich weiß nicht, ob ihr das hört“, flüstert Johanna.

Die Triebwerke röhren. „Oh Mann“, kreischt Johanna. Ein „Wuummm“ übertönt das Kreischen der jungen Frau. „Scheiße. Mein Haus. Was geht hier ab?“, schreit sie. Ihre Stimme überschlägt sich. Salven aus schweren Maschinengewehren sind zu hören. „Das ist mein Dorf!“ Plötzlich ist der Krieg in Baden-Württemberg. Fast live kommt er aus dem weißen Gehäuse eines Mobiltelefons. So hat er die 3500 Kilometer überwunden, die Tübingen vom syrischen Idlib trennen.

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Seit vergangenem Oktober sind solche Audionachrichten und – manchmal – ein Telefonanruf die einzige Verbindung, die die junge Tübingerin nach Hause hat. Seit Mitte Oktober wird die 22-Jährige, die in dieser Geschichte Johanna heißen soll, gegen ihren Willen im syrischen Kriegsgebiet festgehalten. Von dem Mann, den sie im Februar vor einem Jahr im Schweizer Arbon standesamtlich geheiratet hat. Fünf Monate zuvor hatte sich das Paar in Stuttgart nach islamischem Ritus die Treue versprochen. In der als salafistisch geltenden Moschee in der Regerstraße in Stuttgart-Botnang. Jenem Gotteshaus, aus dem schon zahlreiche Männer in ihren Dschihad, den Heiligen Krieg, nach Syrien und in den Irak aufgebrochen sind. Wie im vergangenen Spätsommer auch Johannas Mann, der hier Onur heißen soll.

Auch eine Konstanzerin zieht in den Dschihad

Onur macht sich im September 2014 auf den Weg auf die Schlachtfelder Syriens. Seine Begleiter: ein aus Italien stammender Hamburger, dessen Frau und eine junge Konstanzerin. Die hatte 2013 erstmals versucht, sich gemeinsam mit ihrer damals 16-jährigen Freundin Sarah O. nach Syrien abzusetzen. Seinerzeit waren ihr noch Zweifel an diesem Plan gekommen, während Sarah wenig später ihre Ankunft in Syrien meldete. Und glücklich auf Facebook verkündet, einen Mudschahed, einen Gotteskrieger, als Mann gefunden zu haben. Ein Bild des Hochzeitsgeschenks lädt sie gleich ins Internet: eine silberne Pistole.

Im letzten September war auch ihre Konstanzer Freundin bereit, sich in den Krieg zu stürzen. Das Ziel des Quartetts um den Schweizer und türkischen Staatsbürger Onur: die Dschihad-Gruppe Jabhat al-Nusra, der syrische Arm der Terrororganisation El Kaida.

Johanna folgt Onur im Oktober 2014 – zunächst in die Türkei. Ihrer Schwester vertraut die 22-Jährige an, sie wolle dort mit ihrem Mann Urlaub machen, bevor im Februar das gemeinsame Baby geboren werde. Eine andere Version besagt, sie habe Onur zur Rückkehr in die Schweiz bewegen wollen.

Vor dem Wiedersehen mit ihrem Mann beschleicht Johanna ein ungutes Gefühl. Ihrer Schwester schreibt sie eine SMS: „Wenn ich Dir unser Code-Wort schreibe, dann hält er mich fest und lässt mich nicht gehen.“ Was genau in der Türkei passiert, ist nicht sicher. Entweder beschließt das Paar, gemeinsam nach Syrien zu gehen. Oder aber die Tübingerin wird ins Kriegsgebiet verschleppt. Fest steht, dass Johanna ihre Mutter und Schwester darüber informiert hat, sie werde in der dritten Oktoberwoche „über Kilis, Istanbul und Friedrichshafen zurück nach Hause kommen“.

Onur absolviert eine Kampfausbildung

Wenig später schickt Johanna stattdessen ein neuerliches Lebenszeichen: Sie sei nun in Syrien, nur für eine Woche. Sie wolle wiederkommen, aber Onur lasse sie nicht. „Ich kann nicht mehr. Ich hasse es hier“, schreibt Johanna.

Genau zu der Zeit, als Journalisten des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF) und unserer Zeitung beginnen, den Leidensweg Johannas und die Taten ihres Peinigers und Ehemanns Onur nachzuzeichnen. Die Reporter haben dazu Gespräche mit Verwandten und Freunden geführt, das Internet nach Spuren durchsucht, vertrauliche Dokumente studiert und sind den Dschihadisten nach Syrien gefolgt.

Dort, so belegen es Dokumente, die den als gemäßigt geltenden Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) in die Hände fielen, absolviert Onur unter seinem Kampfnamen Muhammad Abdulfattah al-Almani eine vierwöchige Kampfausbildung in einem Trainingscamp der berüchtigten „Khorasan-Gruppe“, einer El Kaida nahestehenden Terrororganisation. US-Nachrichtendienste glauben, dass die Fundamentalisten „eine ebenso große Gefahr darstellen wie der Islamische Staat“. Ein weiteres dieser Dokumente zeigt, dass Onur im November und Dezember nahe der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor eine Ausbildung im Sprengen erhält. In seinem Schlepptau: Johanna. Die klagt über die fortwährenden Misshandlungen durch ihren Mann.

Der postet auf seiner Facebook-Seite das Foto eines Kämpfers im braunen Kaftan und mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr inmitten exekutierter syrischer Regierungssoldaten: „Heute auf dem Militärflughafen Deir al-Zor!! IS tötet mehr als 100 Verbrecher Soldaten von Baschar!!“

Seine verschiedenen Internetauftritte spiegeln das Leben Onurs. Im Sommer 2013 sucht er den Kontakt zur Koranver­schenkaktion „Lies!“ des Kölner Hasspredigers Ibrahim Abou Nagie: „Ich lebe in der Schweiz, die Dawa, die hier herrscht ,ist sehr gering“, klagt er über mangelnde Missionierungsmöglichkeiten in der Alpenrepublik und fordert Unterstützung in Deutschland an: „Ich möchte Brüder zusammensammeln, damit wir wie in Deutschland mehrere Infostände aufbauen können.“

Gemeinsam mit seinen Glaubensbrüdern verteilt er Korane in deutschen und Schweizer Innenstädten. Den Salafi-Propagandisten Sabri ben Abda kutschiert er durch die Schweiz und den Südwesten Deutschlands. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen ihn, weil sie ihn verdächtigt, an der Entführung von zwei deutschen Entwicklungshelfern 2013 in Syrien beteiligt gewesen zu sein.

Johanna trägt jetzt Niqab, einen Gesichtsschleier

Eine weitere Gemeinsamkeit verbindet ben Abda mit Onur: Beide engagieren sich in der islamistischen Organisation „Helfen in Not“. Die Gruppe steht im Verdacht, die Terrorgruppe mit Waffen, Fahrzeugen, Geld und Medikamenten zu versorgen. Im August 2014 kutschiert Onur eine Ambulanz nach Syrien. Zu dieser Zeit ist Johanna im vierten Monat schwanger. Sie war an einem Samstag im August 2013 an einem Stand der Koran-Verschenkaktion „Lies!“ in der Stuttgarter Königstraße zum Islam konvertiert. „Ich habe gestern den Islam angenommen“, jubelt sie und malt den „Lies!“-Aktivisten Herzchen auf die Facebook-Seite: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, so glücklich bin ich.“ Johanna beginnt, die salafistische Moschee in der Stuttgarter Regerstraße zu besuchen. Sie verhüllt sich, das Gesicht bleibt aber offen – noch. In dem Gebetsraum im Stadtteil Botnang lernt sie offenbar eine Heiratsvermittlerin kennen, die Ehen unter salafistischen Gläubigen arrangiert.

Johannas Mutter erfährt von der Eheschließung nach islamischem Ritus erst, als das junge Ehepaar sie wenige Stunden später besucht. Johanna trägt jetzt einen Gesichtsschleier, den Niqab. „Ihren Kokon“, sagt die Mutter. Für Johanna scheint sich ihre Sehnsucht nach einer eigenen Familie mit Onur zu erfüllen: Vater, Mutter, Kind.

Sie folgt ihrem Mann in die Schweiz. Das Paar lässt sich in Arbon standesamtlich trauen und richtet eine Wohnung ein. Und aus Onur wird erstmals Muhammad Abdulfattah al-Almani. Seine Arbeitsstelle hat er da schon gekündigt.

Stattdessen lächelt er jetzt oft in Fußgängerzonen, um Korane zu verschenken. Keine Zeit mehr, um auf den Fußballplätzen der Ostschweiz zu schiedsrichtern. Zu Hause wird aus Zärtlichkeit Gewalt, aus trauter Zweisamkeit Einsamkeit. „Er schlug meine Schwester jeden Tag“, erzählt Johannas Schwester. Und das, obwohl Johanna zu dem Zeitpunkt schwanger ist. Die Nachbarn berichten von Streit, Handgreiflichkeiten, „einem Riesengeschrei“. Plötzlich sei das junge Paar verschwunden gewesen. Und lebt sehr wahrscheinlich in einem Dorf nördlich der Stadt Idlib.

In diesem Februar postet Onur ein Foto von einem Flugfeld für Kampfhubschrauber bei Taftanaz: „Der Dschihad ist Pflicht!“ – wenig später Pistolen und Sturmgewehre auf einem Sofa. Am vergangenen Montagmorgen gebiert Johanna um 4.58 Uhr ein Mädchen.

Vier Stunden und zwei Minuten später feuert El Kaida aus allen Rohren. Seitdem tobt um zwei schiitische Dörfer bei Idlib ein heftiger Kampf. Mittendrin misshandelt und als Geisel festgehalten: Johanna aus Tübingen und ihr Baby.

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