Salafismus Geschenke von lächelnden Jungs

Von Sylke Gruhnwald, Georg Häsler, Rainer Feuerstein, Franz Feyder 

Ein Mann verteilt in der Innenstadt von Hannover kostenlose Koran-Exemplare an Passanten Foto: dpa
Ein Mann verteilt in der Innenstadt von Hannover kostenlose Koran-Exemplare an PassantenFoto: dpa

Europäische Sicherheitsdienste warnen vor der salafistischen Lehre – einer Ideologie, die sich am Islam des 7. Jahrhunderts orientiert. Nicht jeder Salafist sei ein Terrorist, warnte einst Niedersachsens oberster Verfassungsschützer. „Aber jeder Terrorist ist ein Salafist!“ Die wollen den Islam von Neuerungen reinigen.

Stuttgart/Zürich - Woche für Woche stehen sie da. Am liebsten in Fußgängerzonen. In Stuttgart und Karlsruhe ebenso wie in Basel und Zürich: Junge Männer, weiße Jacken, die Hosenbeine enden kurz über den Fußknöcheln. Freundlich lächeln sie. Einigen kräuselt sich gerade einmal der Flaum ums Kinn. Bei anderen wippt der Bart bis zur Brust: „Kennen Sie den heiligen Koran?“

„Lies!“ heißt das Projekt, das der aus dem Gazastreifen stammende deutsche Prediger Ibrahim Abou Nagie vor fast drei Jahren begonnen hat. Das Ziel: 25 Millionen Exemplare des Korans, der heiligen Schrift der Muslime, sollen kostenfrei an deutsche Haushalte verteilt werden. Inzwischen werden die Bücher in die jeweiligen Landessprachen übersetzt in halb Europa verschenkt – seit zwei Jahren auch in der Schweiz. Wer das millionenteure Projekt finanziert, ist unklar. Denn Abou Nagie lebte bis 2012 offiziell von staatlicher Sozialhilfe. Die Kölner Staatsanwaltschaft klagte den Salafisten-Prediger wegen Betrugs und Veruntreuung an, das Verfahren soll in den kommenden Wochen beginnen.

Es ist nicht das einzige Unbehagen, dass der Prediger mit dem akkurat gestutzten grauen Bart den Sicherheitsbehörden bereitet. Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) klagte 2013 erstmalig, dass aus seinem Bundesland stammende und in Syrien kämpfende Dschihadisten zuvor für „Lies!“ den Koran verschenkt hätten. Ziel des Projekts sei es, sind Verfassungsschützer des Bundesamts überzeugt, „potenziell neue Anhänger“ für den Salafismus zu gewinnen. Kontakte, die „im weiteren Verlauf zur Indoktrinierung und weiteren Radikalisierung der Betroffenen führen“.

Der Begriff des „Salafismus“ steht für eine Ideologie, nach der sich Muslime in Glaubens- und Lebensfragen ausschließlich an die Prinzipien des Korans, des Propheten Mohammed und den ersten Muslimen der islamischen Frühzeit – den sogenannten rechtschaffenen Altvorderen, den „al-salaf al-salih“, auszurichten haben. Salafis sind überzeugt, den Islam von Neuerungen reinigen zu müssen, die nach dem Tod Mohammeds im Jahre 632 und der ersten drei ihm folgenden Generationen eintraten.

Ziel der Salafis, sagt der amerikanische Islamwissenschaftler Aaron Y. Zelin, „ist es, Staaten, Gesellschaften und Werteordnungen so nach einem salafistischen Regelwerk umzugestalten, dass eine in ihren Augen gottgewollte Welt entsteht“. Eine, in der eine von Gott gesetzte Ordnung, die Scharia, als einzig gültiger Maßstab herrscht. Ein göttliches Werk, das von Menschen nicht infrage gestellt oder diskutiert werden kann. Unverletzlich, unaufhebbar und undiskutierbar. Salafis, sagt Zelin, „bekämpfen die in einer Demokratie garantierten Grundrechte und Werte, weil sie vom Menschen und nicht von Gott kommen“.

Wissenschaftler unterteilen das Phänomen des Salafismus in einen politischen und in einen dschihadistischen Bereich. Politische Salafis konzentrieren sich darauf, intensiv ihre Propaganda – die „da’wa“ genannte Missionierung, den „Ruf zum Islam“ – zu verbreiten. So wollen sie gesellschaftlichen wie politischen Einfluss gewinnen, um die Welt zu einer „göttlichen“ zu machen. Viele Anhänger des „politischen Salafismus“ lehnen Gewalt, den Dschihad, ab, um ihre Ziele zu erreichen. Aber, warnt Islamexperte Zelin, „die Übergänge zwischen beiden Kategorien sind nicht nur fließend. Die eine ist oft der Durchlauferhitzer, in dem sich Menschen radikalisieren und sich dann dem Dschihad anschließen“.

Denn Anhänger beider Strömungen berufen sich auf dieselben Gelehrten, Vordenker und islamischen Autoritäten. Ihre Ziele, den weltweiten Umbau aller Gesellschaften und politischen Systeme in einen „Gottesstaat“, sind dieselben. Oft finanzieren und unterstützen sich beide Gruppen. Sie nutzen dieselben Netzwerke und Begriffe.

Auch dafür, wer ein wirklicher Muslim sei. Für einen Star der Bewegung, den Kölner Vorbeter Pierre Vogel, ist ein wahrer Gläubiger einer, der „nach einer vollständigen Neugestaltung seines Lebens gemäß den offenbarten Anweisungen Gottes strebt und für die Gründung einer Gesellschaftsordnung arbeitet, in der die Rechtleitung Gottes verwirklicht wird“.

Ein im Südwesten Deutschlands beliebter Vordenker der Salafi-Lehre, Abdul Rahman Bin Hammad al-Omar, Professor für islamische Theologie an der König-Fahd-Universität im saudi-arabischen Riad, lehrt: „Wer glaubt, dass ein von Menschen gemachtes Gesetz besser ist, als die Gesetze des Islam oder dass ein System besser ist als das, was Mohammed offenbart wurde, ist ein Ungläubiger.“

Wie mit denen umzugehen ist, gibt ein anderer saudischer Vordenker vor, der an verschiedenen Lehreinrichtungen in Riad unterrichtet: Abdul-Rahman al-Sheha versorgt seine weltweit wachsende Gemeinde auch übers Internet mit seinen Botschaften, in denen er die Todesstrafe für alle jene fordert, die „dem Islam als Lebensweise den Rücken kehren und seine Gesetze und Regeln ablehnen“. Im August 2013 schwärmten überall in Deutschland Polizisten aus, um nach einem Beschluss der Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Schriften des 56-jährigen Predigers einzusammeln. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hatte die Werke al-Shehas zuvor als „jugendgefährdend sowie verrohend“ eingeschätzt und indiziert.

Für Islamforscher Zelin eines der wenigen Beispiele, „wo gegen die Lehren einer salafistischen Autorität erfolgreich vorgegangen wurde“. Denn die meisten Vorbeter wissen sehr wohl, wo die Grenzen sind, die ihnen weltliche Strafgesetze setzen. Gerade wenn es darum geht, zum Dschihad, zum „Heiligen Krieg“, aufzurufen. Der Bonner Salafi-Prediger Ibrahim Muhammad Belkaid glaubt daran, dass Bundeswehr und Dschihad miteinander zu vergleichen sind: „Auf Deutsch heißt es Bundeswehr, bei uns heißt es Dschihad. Der Unterschied ist was? Die einen kämpfen für Ungerechtigkeit, und die einen für die Gerechtigkeit. Die einen kämpfen für den Satan, töten Frauen und Kinder und dann sagen sie, wir haben uns bei der afghanischen Regierung entschuldigt.“ Der saudische Salafi al-Sheha weiß: „Allah machte den Dschihad, den Kampf für Seine Sache, zu einer belohnten Handlung, an welche die Muslime glauben und welche sie praktizieren. (. . .) Dem Kampf einzig und allein für die Sache Allahs muss sich der ernsthafte gläubige Muslim in diesem Leben hingeben.“

Davon aber berichten die Männer nichts, die in den Fußgängerzonen in Stuttgart, Karlsruhe, Basel und Zürich ihre Schrift mit den verschnörkelten goldenen Schriftzeichen auf dem Buchdeckel verschenken. Jungs in weißen Jacken und T-Shirts, Hochwasserhosen, Flaum am Kinn. Lächelnd: „Kennen Sie den heiligen Koran?“

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