Paige Tapp und Deborah van Daelen versuchen, die Schwerinerin McKenzie Adams zu blocken. Geht der Angriffsschlag ins Aus, ist die Frage wichtig, ob eine von ihnen den Ball berührt hat – das lässt sich am Bildschirm gut sehen. Foto: Baumann

Das technische Hilfsmittel genießt im Volleyball hohe Akzeptanz, kommt in der Finalserie um die deutsche Meisterschaft aber nicht zum Einsatz. Das können die Beteiligten nicht verstehen.

Stuttgart - Handspiel im Strafraum? Elfmeterwürdiges Foul? Abseits? Nach den Fehlurteilen der Schiedsrichter und ihrer Assistenten im Kölner Keller verliert der Videobeweis im Fußball zunehmend an Akzeptanz. Im Volleyball ist das anders. Weil das technische Hilfsmittel dort fast immer für Durchblick sorgt, sagt Klaus-Peter Jung, der Geschäftsführer der Bundesliga (VBL): „Bei uns funktioniert es definitiv besser als im Fußball.“ Allerdings nicht in den Finalserien der Männer und Frauen, die aktuell laufen. Denn im Gegensatz zu den Endspielen im Supercup und Pokal werden die Meister ohne Videobeweis ermittelt. Und das verstehen nicht alle Beteiligten.

Felix Koslowski ist nicht nur der Coach des SSC Schwerin, sondern auch Frauen-Bundestrainer. In internationalen Spielen hat er die Möglichkeit, zweimal pro Satz eine Entscheidung des Schiedsrichters am Bildschirm überprüfen zu lassen. „Ich spreche mich klar für den Videobeweis aus“, sagt Koslowski, „es gibt diese Technik – sehr schade, dass sie in den Finalspielen um die Meisterschaft nicht eingesetzt wird.“ Das findet auch Kim Renkema, die Sportchefin des Play-off-Gegners Allianz MTV Stuttgart, der nach drei Spielen mit 2:1 in Führung liegt und mit einem Sieg an diesem Donnerstag (18.30 Uhr/Sport 1 live) in Schwerin seinen ersten DM-Titel holen könnte: „Wir hätten den Videobeweis unbedingt haben müssen, er gehört zu einem solchen Finale dazu. Erst recht nach den Vorkommnissen vor einem Jahr.“

Die Liga hat kein Geld für den Videobeweis

Damals fühlten sich die Stuttgarterinnen betrogen, nachdem sie das erste Play-off-Duell gegen Titelverteidiger SSC Schwerin auch deshalb 2:3 verloren hatten, weil vom Schiedsrichter-Gespann im Tie-Break zwei höchst umstrittene Entscheidungen gegen sie getroffen worden waren. Folglich hat der viermalige Vizemeister eine Woche vor dem ersten Endspiel bei der VBL eine schriftliche Anfrage gestellt – mit dem Ziel, dass den Unparteiischen in den Partien gegen den SSC Schwerin das Videosystem zur Verfügung steht. „Die Schiedsrichter wollen diese Hilfe, und ich halte ebenfalls viel vom Videobeweis“, sagt Klaus-Peter Jung, „doch in der Kürze der Zeit war dies natürlich nicht mehr umsetzbar.“

Nach Auskunft des VBL-Geschäftsführers hätte sich innerhalb nur weniger Tage kein Anbieter finden lassen, und es wäre auch ein Problem gewesen, womöglich fünf Spiele lang nur Schiedsrichter einsetzen zu können, die mit der Technik vertraut sind. Zudem hätte die Finanzierung kurzfristig geklärt werden müssen. „Die Liga“, sagt Jung, „hat kein Geld für den Videobeweis.“

In der Gegenwart bleibt nur die Hoffnung

Dessen sind sich die Vereine bewusst, auch wenn Aurel Irion, der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart, meint: „Wir sind eine aufstrebende Sportart. Da müsste die Liga doch irgendwann mal in der Lage sein, ein solches Projekt zu stemmen.“ Aber selbst auf die Gefahr hin, dass die Kosten (rund 3500 Euro pro Spiel) wie bei den Partien der Champions League aus der eigenen Kasse bezahlt werden müssen, wird der ambitionierte Verein den Antrag stellen, künftig zumindest in der Finalserie den Videobeweis einzusetzen. Das nächste mal gesprochen wird darüber laut Jung bei der Tagung des Arbeitskreises Bundesliga am 13. Mai: „Wir begrüßen die Initiative von Allianz MTV Stuttgart“, erklärt der VBL-Geschäftsführer, „weil es die Spitzenvereine jetzt wollen, glaube ich daran, dass die Finalserie 2020 mit Videobeweis gespielt wird.“

Der Blick in die Zukunft verspricht Klarheit bei umstrittenen Szenen. In der Gegenwart bleibt nur die Hoffnung, dass die Finalserien (bei den Männern führt der VfB Friedrichshafen 2:1 gegen die BR Volleys) nicht durch einen fragwürdigen Pfiff entschieden werden – erst recht nicht in einer Szene, die per Video problemlos zu klären wäre. Ballberührung des Blocks? Spielerin im Netz? Ball im Aus? Im Volleyball gibt es, wenn die Technik mitspielt, kaum noch Diskussionen. Und folglich eine hohe Akzeptanz. „Der Videobeweis“, meint Irion, „macht unseren Sport gerechter.“ Sofern er eingesetzt wird.

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