Unermüdlicher Dialektiker: Volker Braun Foto: picture alliance / dpa

Er schuftete im Braunkohletagebau der DDR und wurde einer der großen Autoren unserer Zeit: Zu seinem 80. Geburtstag legt der Büchnerpreisträger Volker Braun zwei neue Bücher vor.

Stuttgart - Die Editionsgeschichte von Volker Brauns rund vierzig Titel umfassenden Werk seit seinem 1965 erschienenen Lyrikdebüt „Provokation für mich“ war bis Herbst 1989 die eines großen Kampfes mit einem Staat, an den er von Anfang an hatte glauben wollen. Als „objektiv konterrevolutionär“ wurden die Gedichte des Leipziger Philosophiestudenten bewertet, der seit seinem Auftritt bei einer Lesung Stephan Hermlins in der Ost-Berliner Akademie der Künste 1962 als einer der profiliertesten Vertreter der „Lyrikwelle“ und später der Sächsischen Dichterschule galt. Braun drohte die Exmatrikulation, dabei hatte er im Sinne des frühen Marx doch nur von „unserem totalen Glück“ gesprochen – eine Kampfansage an die Grauwerte des „realen“ Sozialismus. Die DDR betrachtete er in all ihren Widersprüchen als „Unvollendete Geschichte“, wie sein schonungsloses, stilistisch brillantes Prosastück über die repressive Zerstörung einer jungen Liebe heißt. 1965 holte ihn Helene Weigel ans Berliner Ensemble.

Unermüdlicher Dialektiker

Die trotz des Zustands unserer Zivilisation nicht resignative, sondern aufrührerische Zeitgenossenschaft Volker Brauns zeigen trefflich die beiden Publikationen, mit denen der Suhrkamp-Verlag den achtzigsten Geburtstag seines Autors feiert: Aphoristisch freche und vitale „Handstreiche“ (112 Seiten, 18 Euro) sowie gesammelte Reden und Schriften unter dem Titel „Verlagerung des geheimen Punkts“ (320 Seiten, 28 Euro). Diesen Punkt als Initialzündung seines Schreibens sieht Braun in einer Gesellschaft, der die Arbeit auszugehen droht, auf gefährliche Weise verschoben. Für ihn, der vor dem Studium als Tiefbauarbeiter und Maschinist im ­­Braunkohletagebau „Schwarze Pumpe“ seinen freiwilligen ­­­­„Bitterfelder Weg“ absolvierte, ist Arbeit mit Würde gleichzusetzen.

Davon handeln schon seine so sinnlichen wie nachdenklichen Werktags-Liebesgeschichten „Das ungezwungene Leben Kasts“ (1972), vor allem aber die frühen, von der Zensur stark behinderten Produktionsstücke wie „Die Kipper“ oder „Tinka“. Mit seiner ersten Komödie „Die Übergangsgesellschaft“ prägte Braun 1982 einen Epochenbegriff für die Endphase der DDR. „Mich zog der Widerspruch groß“, schreibt er es einleitend in dem Band „Verlagerung des geheimen Punkts“, der Texte von 1977 bis 2018 versammelt.

Volker Braun wurde als vierter von fünf Brüdern „an einem Sonntag vor dem Krieg geboren“. Sein Vater fiel im Mai 1945. „Sie waren fünf. Jeder nahm einen Weg. Er wählte den schwersten. Er hatte kein Ziel.“, heißt es in „Handstreiche“.

Braun bleibt ein unermüdlicher Dialektiker, der sich durch alle Widersprüche hindurch zum „Goldgrund der Utopie“ gräbt, wenn er nicht gerade mit seinem Enkel durch die Elbauen spaziert. Oder sich an seinem heutigen achtzigsten Geburtstag in Berlin-Pankow gebührend feiern lässt.

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