Karl Geiger (li.) und Andreas Wellinger – können sie den Österreicher Stefan Kraft bei der Tournee besiegen? Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Mit Blick auf die bisherige Saison wird das Rennen um den Gesamtsieg bei der diesjährigen Vierschanzentournee ein Duell zwischen Deutschland und Österreich. Wer hat die besseren Karten?

Weil die jährlich wiederkehrende Frage auch diesmal in den Tagen vor und nach Weihnachten gestellt wird, ist auch Martin Schmitt recht positiv gestimmt. „Es ist ja gut, dass die Öffentlichkeit die Hoffnung noch nie aufgegeben hat“, sagt der ehemalige Skispringer aus dem Schwarzwald – doch es klingt durch, dass man durchaus auch Verständnis für eine gegenteilige Sicht der Dinge aufbringen könnte. Denn: Seit dem Erfolg von Sven Hannawald rund um den Jahreswechsel 2001/2002 hat kein deutscher Skispringer mehr die Vierschanzentournee gewinnen können.

 

Die Durststrecke ist durchaus beträchtlich – aber auch beim anderen Gastgeber des Schanzenvierkampfs dauert das Warten schon eine Weile. Ganze acht Jahre hat es keinen österreichischen Gesamtsieger mehr gegeben. Was beide Wintersportnationen trösten kann, ist der Blick auf die nächsten Tage und die neue Auflage, die an diesem Donnerstag mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnt. Und auf den Stand in der Weltcup-Gesamtwertung.

Auf den ersten fünf Plätzen liegen hier ausschließlich Springer aus Österreich und Deutschland – die sich auch die Siege bei den bisherigen acht Wettbewerben der Saison untereinander aufgeteilt haben. Wenn nun also in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen gesprungen wird, sollte eines sicher sein: Das Rennen um den Gesamtsieg wird ein Duell zwischen Deutschland und Österreich. „Das haben wir seit Anfang der Saison“, sagt der deutsche Springer Andreas Wellinger. Doch die große Frage wird nun sein: Wer hat die besseren Trümpfe auf der Hand?

Karl Geiger demonstriert Selbstbewusstsein

Karl Geiger, der Oberstdorfer, beginnt das Duell auf jeden Fall mit öffentlich vorgetragenem Selbstbewusstsein. „Ich gehe so weit zu sagen, dass wir alle sechs aus dem Weltcup-Team das Potenzial für den Tourneesieg haben“, sagt der Springer, der in diesem Jahr die beiden Weltcups in Klingenthal gewonnen hat. Neben ihm seien das also noch Andreas Wellinger (Zweiter im Gesamtweltcup), Pius Paschke (feierte in Engelberg seinen ersten Weltcup-Sieg), Stephan Leyhe (stand schon auf dem Podest), Martin Hamann und Philipp Raimund. „Das deutsche Team“, sagt auch Martin Schmitt, der die Tournee als Experte beim TV-Sender Eurosport begleiten wird, „ist super in Schuss.“ Das Problem aber ist: Für einen Österreicher gilt das umso mehr.

Stefan Kraft“, betont Schmitt, „ist das Maß der Dinge, er ist wahnsinnig gut in Form.“ Was sich auch an nackten Zahlen ablesen lässt. Fünf der acht Springen dieses Weltcup-Winters hat der 30-Jährige gewonnen, er führt den Gesamtweltcup an – und er weiß auch, wie man die Tournee gewinnt. 2015 war er der bisher letzte Österreicher, der die Gesamtwertung für sich entscheiden konnte. Einzige Schwachstelle, die Schmitt bei Kraft ausgemacht hat: das Neujahrsspringen in Garmisch, „da hatte er immer mal wieder Probleme, das wird für ihn eine mentale Herausforderung“. Können die Deutschen darauf hoffen?

Können sie – aber Martin Schmitt hat einen anderen Tipp parat: „Erst einmal die eigenen Hausaufgaben machen.“ Und sich der Stärke als Team bewusst werden. Das nämlich sei der große Vorteil der aktuellen deutschen Springerriege, meint der Team-Olympiasieger von 2002. „Wenn man mehrere Trümpfe in der Hand hält, verteilt sich der Druck auf mehrere Schultern.“ Auch Geiger sagt gegenüber der „Allgäuer Zeitung“: „Dadurch, dass wir so breit aufgestellt sind, wird einer durchkommen.“ Allerdings: In den vergangenen Jahren ist die Mannschaft des Öfteren mit einer guten Ausgangsposition nach Oberstdorf gereist, konnte aber nie eine bis zum Gesamtsieg durchziehen. „Wir wissen aus Erfahrung, dass wir bei der Tournee nichts erzwingen können – auch wenn die Vorleistungen gut waren“, sagt der österreichische Bundestrainer Stefan Horngacher.

Und: Auch die Österreicher haben nicht nur Kraft in Topform (auch noch Jan Hörl). Das Reservoir der Kaderschmiede in Stams bietet immer Raum für wieder Überraschungen. 2008/2009 rechneten alle mit einem Duell zwischen Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern – es gewann Wolfgang Loitzl. Und 2013/2014 holte sich sensationell Thomas Diethardt den Gesamtsieg bei der Tournee. Siebenmal in Folge gelang den Österreichern in dieser Zeit der Coup. „Sie hatten ein großes Selbstverständnis entwickelt, dass die Tournee ‚ihre‘ Veranstaltung ist“, erinnert sich Martin Schmitt, „für sie war es ganz normal, dass einer von ihnen gewinnt.“

Das sorgte immer wieder für packende Duelle zwischen den Gastgebern. Dieter Thoma gegen Ernst Vettori oder Andreas Goldberger, Jens Weißflog gegen Andreas Felder oder Goldberger, Martin Schmitt gegen Andreas Widhölzl, Severin Freund gegen Michael Hayböck. „Früher waren Brisanz und Rivalität sicher größer“, sagt Martin Schmitt und erinnert sich daran, wie es war, wenn man als Springer noch entlang der Zuschauer den Aufsprunghügel hinaufstapfen musste: „Da hat man schon den einen oder anderen Spruch mitbekommen.“ Mittlerweile hat sich das ein wenig gelegt, wohl auch, weil zahlreiche österreichische Trainer beim Deutschen Skiverband arbeiten.

Viele frühere Duelle der Gastgeber

Nun könnte das Duell Schwarz-Rot-Gold gegen Rot-Weiß-Rot aber mal wieder elektrisieren. Stefan Kraft ist der Topfavorit, für Schmitt ist Andreas Wellinger sein aussichtsreichster Herausforderer. Aber womöglich kommt es ja auch ganz anders.

Die Vierschanzentournee 2023/2024

Oberstdorf
Qualifikation am Donnerstag, 28. 12. 2023, um 16.30 Uhr, Finale am Freitag, 29. 12. 2023, um 17.15 Uhr

Garmisch-Partenkirchen
Qualifikation am Sonntag, 31. Dezember 2023, um 14 Uhr, Finale am Montag, 1. Januar 2024, um 14 Uhr

Innsbruck
Qualifikation am Dienstag, 2. Januar 2024, um 13.30 Uhr, Finale am Mittwoch, 3. Januar 2024, um 13.30 Uhr

Bischofshofen
Qualifikation am Freitag, 5. Januar 2024, um 16.30 Uhr, Finale am Samstag, 6. Januar 2024, um 16.30 Uhr