Noah, Samantha, Oskar und Alisa (von links) schauen sich die Wahlversprechen genau an, bevor sie entscheiden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Denken Jungs konservativer als Mädchen? Welchen Politikern begegnen sie auf Tiktok? Und: Gehen sie überhaupt zur Wahl? Noah, Alisa, Oskar und Samantha aus Stuttgart, die am 9. Juni zum ersten Mal wählen dürfen, geben Antworten.

Sie dürfen am 9. Juni zum ersten Mal wählen: Samantha (16), Alisa (18), Noah (18) und Oskar (17) aus Stuttgart erzählen, welche Themen Politikerinnen und Politiker angehen sollten, wie sie sich vor den Wahlen informieren und ob Jungs wirklich konservativer denken als Mädchen. Die vier kannten sich vor dem Gespräch nicht.

 

Noah, Samantha, Alisa und Oskar: Sind die Kommunal- und Europawahlen bisher ein Thema für euch? Sprecht ihr mit Freunden darüber?

Noah: Im breiten Freundeskreis interessieren sich ehrlich gesagt die wenigsten für Politik. Ich schätze, dass von zehn Freunden zwei wählen gehen. Für mich ist es wichtig, aber für die anderen nicht.

Oskar: Mit meinen Freunden habe ich ein paar Mal über die Wahl gesprochen. Einige haben schon den Wahl-O-Mat ausprobiert, und ich denke, dass die meisten, wenn auch vielleicht nicht alle, wählen gehen werden.

Alisa: In meiner Freundesgruppe sind die Wahlen ein relativ wichtiges Thema. Wir reden allgemein oft über politische Themen und vergleichen unsere Meinungen. Für uns ist es wichtig, unsere Zukunft mitgestalten und auch Einfluss nehmen zu können auf die Politik.

Samantha: In meinem Umfeld ist es kein großes Thema, meine Freunde reden nicht wirklich darüber. Aber im Unterricht wird darüber gesprochen, dass die Europawahlen bald sind.

Ihr habt kürzlich eure erste Wahlbenachrichtigung im Briefkasten gehabt. War das etwas Besonderes für euch?

Alisa: Natürlich war es in gewisser Weise klar, dass ich den Brief bekomme, also dass ich jetzt wählen darf, aber es war trotzdem schön, das selbst zu sehen.

Samantha: Ich bin ja 16 und kann schon wählen. Ich finde es schon bemerkenswert, dass man 16-Jährige ernst nimmt und ihnen die Chance gibt, wählen zu können.

Welche Themen sind euch wichtig, was sollten Politikerinnen und Politiker in Stuttgart anpacken?

Noah: Die Digitalisierung an Schulen sollte verbessert werden. Wir haben theoretisch WLAN an der Schule, aber wir Schüler dürfen es nicht benutzen, was superärgerlich ist.

Oskar: Das ist bei uns auch so. Wir haben nur WLAN für die schuleigenen, aber nicht für die privaten Geräte. Das liegt an bürokratischen Problemen. Man sollte den Schulen mehr Freiheiten geben, solche vorhandenen Dinge zu nutzen.

Alisa: Mehr Freiheiten für die Schulen und die Schülervertretung SMV fände ich auch wichtig. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft die Fahrradwege ausgebaut und die öffentlichen Verkehrsmittel etwas besser funktionieren würden. Allgemein könnte man mehr für eine grünere Stadt machen.

Samantha: Mich interessiert das Thema Sicherheit in Stuttgart, vor allem an den Bahnhöfen. Schülerinnen und Schüler benutzen ja oft den öffentlichen Nahverkehr zu den Schulen. Da kommt man oft in unangenehme Situationen.

Wie sicher fühlt ihr anderen euch in Stuttgart?

Noah: Öffentliche Bahnhöfe und der Schlossplatz sind Gegenden, die nachts relativ schnell unangenehm werden können. Aber ich habe noch keine wirklich negativen Erfahrungen gemacht. Für eine Jungsgruppe aus lauter 19-Jährigen ist es sicherlich eine andere Situation als für 16- oder 17-jährige Mädchen.

Oskar: Ich fühle mich generell schon sehr sicher in Stuttgart.

Alisa: Ich würde sagen, dass es sehr auf den Tag und auf die Uhrzeit ankommt. Abends wäre es mir auch unangenehm, allein am Hauptbahnhof rumzulaufen, oder an Tagen, wo relativ viele Leute betrunken sind.

Wie ist es generell mit Plätzen für Jugendliche und Angeboten in der Stadt: Gibt es genug?

Oskar: Ich habe schon das Gefühl, dass es gute Möglichkeiten gibt, jetzt gerade auch in Bezug auf Clubs oder Bars. Ich finde, dass das Angebot reicht. (Die anderen nicken.)

Wie informiert ihr euch eigentlich über Politik? Welche Kanäle nutzt ihr?

Oskar: Ich gucke regelmäßig in die „Tagesschau“-App. Bei Instagram werden mir oft politische Sachen vorgeschlagen. Aber da gucke ich nicht aktiv danach. Ich habe das Gefühl, dass die Beiträge unseriöser sind als die der Zeitungen, deren Online-Websites ich nutze.

Alisa: Ich schaue Nachrichten, und wenn mich ein Thema besonders interessiert oder ich gerne mehr erfahren möchte, recherchiere ich. Vor allem tausche ich mich sehr viel mit Freunden aus über alles, was gerade so aktuell passiert. Social Media nutze ich nicht.

Samantha: Ich nutze dagegen oft soziale Medien. Darüber kann ich mich gut informieren, vor allem über Instagram. Tiktok nutze ich auch, manchmal auch Twitter. Auf Instagram findet man zum Beispiel Sitzungen im Bundestag. Mir werden Politiker vorgeschlagen, die verschiedene Themen erklären. So, dass es auch Spaß macht, sie anzuschauen.

Noah: Ich folge auf Instagram seriösen Medien wie „Tagesschau“ oder ZDF, da kriegt man schon viel und schnell mit, gerade wenn ein Thema brandaktuell ist. Aber bei sozialen Medien muss man immer aufpassen, dass man nicht negativ beeinflusst wird. Nicht alles, was dort steht, ist politisch neutral.

Wer verkauft sich im Netz am besten? Wer taucht bei euch so auf?

Oskar: Also mir werden Beiträge von den jungen Sozialisten vorgeschlagen, also der Jugendorganisation der SPD, und auch Videos von der AfD und manchmal noch von den Grünen. Aber von Parteien wie der CDU wird mir nichts vorgeschlagen.

Noah: Ich würde schon sagen, dass die AfD eine sehr starke Onlinepräsenz hat. Es ist die aktivste Partei auf Social Media. Und auch wenn man die Partei nicht unterstützt, muss man sagen, dass die Social Media besser verstanden hat als viele andere Parteien.

Es gibt Studien, dass junge Männer konservativer werden und junge Frauen linker. Wie nehmt ihr das wahr?

Noah: Auf meinen engen Freundeskreis trifft das nicht zu, da sind alle sehr mittig platziert. Es gibt niemanden, der superrechts ist, und niemanden, der superlinks ist. Bei den letzten Bundestagswahlen war die FDP sehr beliebt bei vielen, die ich kenne. Wir sagen uns, was wir wählen.

Samantha: Mir ist so ein Unterschied bisher nicht aufgefallen.

Oskar: Man muss schon sagen, dass konservative und auch sehr rechte Influencer wie Andrew Tate in den letzten Jahren sehr populär waren unter jungen Männern.

Alisa: Ich denke auch, dass es junge Männer gibt, die sich von Influencern oder Podcast-Typen angesprochen fühlen und nun in die rechtere Richtung gehen. Weil ihnen die rechten Parteien Versprechen machen und ihnen halt sagen, was die hören wollen. Mein Freundeskreis geht aber eher in die linke Richtung.

Welche politischen Themen sind euch bei den Europawahlen wichtig?

Alisa: Bei mir sind das Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Frauenrechte und die Rechte von queeren Menschen. Mir sind Gleichberechtigung, faire Chancen für alle und die Erhaltung der Welt wichtig. Flüchtlingspolitik würde ich auch noch nennen.

Samantha: Ich würde auch Gerechtigkeit sagen, dass etwas gegen soziale Ungleichheit getan wird. Das Runterschauen auf Migranten sollte aufhören.

Oskar: Für mich ist Klimaschutz ein wichtiges Thema. Die Verteidigungs- und Außenpolitik ist auch relevant, angesichts der vielen Konflikte in der Welt. Und Wirtschaft.

Noah: Ich kann mich da nur anschließen.

Kennt ihr Politiker, die in den Gemeinderat wollen?

Noah: Klara Fischer von der FDP. Die war früher meine Politiklehrerin.

Alisa: Ich kenne niemanden persönlich. Aber ich werde mich davor informieren, wer was vertritt und wer sich hat aufstellen lassen.

Oskar: Meine Grundschullehrerin tritt auch bei der Gemeinderatswahl an – für die AfD. Da war ich schon etwas überrascht. Sonst kenne ich eher Kandidaten, die bei der Europawahl antreten. Wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP oder Maximilian Krah von der AfD. Der war oft negativ in den Schlagzeilen.

Samantha: Maximilian Krah kenne ich auch. Der war wirklich viel in den Medien.

Es gibt auch unter 18-Jährige, die für den Gemeinderat kandidieren. Ist Alter für euch ein Kriterium?

Oskar: Ich würde mir die schon mal genauer angucken. Junge Menschen treiben Themen wie die Digitalisierung in den Schulen vermutlich eher voran. Aber die Qualifikation zählt auch. Ich müsste ihnen das Regieren schon zutrauen.

Habt ihr eure Wahlentscheidung eigentlich schon gefällt? Oder trefft ihr diese erst in der Wahlkabine?

Noah: Ich schon.

Oskar: Ich auch.

Alisa: Bei mir stehen noch ein paar zur Auswahl, aber die engere Auswahl steht.

Samantha: Ich bin auch schon entschieden.

Die Interviewpartner

Noah (18) besucht die Kursstufe II der Schickhardt-Gemeinschaftsschule. Er macht gerade sein Abitur und will danach „auf jeden Fall studieren“. Was es wird, kommt auf den Schnitt an: das Lehramt kann er sich vorstellen, aber auch Jura. Oskar (17) ist in der Kursstufe I am Dillmann-Gymnasium und wird nach dem Abitur wahrscheinlich einen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang anstreben. Alisa (18) ist in der zwölften Klasse der May-Eyth-Schule und Schülersprecherin. Ihr schwebt ein IT-Beruf vor, Bioinformatik oder Cybersecurity interessieren sie. Samantha (16) ist in der zehnten Klasse der Schlossrealschule für Mädchen, sie macht gerade den Realschulabschluss und strebt danach das Abitur an. Alle vier leben in Stuttgart.