Lang ist es her: Jürgen Klinsmann (li.) und Thomas Hitzlsperger im Vorfeld der WM 2006 Foto: AFP

Übernimmt Jürgen Klinsmann einen Posten beim VfB Stuttgart? Die entsprechenden Signale sind gesendet – doch es stellen sich auch noch einige Fragen.

Stuttgart - Noch ist nicht schlussendlich geklärt, wie es zur technischen Panne kommen konnte, die am vergangenen Sonntag zum denkwürdigen Abbruch der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart geführt hat. Noch ist nicht klar, wer auf den zurückgetretenen Wolfgang Dietrich als Präsident folgt. Und offen ist auch, ob sich die sportliche Neuausrichtung der vergangenen Wochen schon in einer Woche in erste Ligapunkte ummünzen lässt – am 26. Juli (20.30 Uhr) steigt bereits der Zweitligaauftakt gegen Mitabsteiger Hannover 96.

In einem aber gibt es für viele Fans des VfB Stuttgart Gewissheit. Dass Jürgen Klinsmann einer wäre, der den VfB nun einen und voranbringen könnte.

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Die Nummer klingt ja auch recht simpel. Die Signale aus Kalifornien sind gesendet. Der frühere Stürmer, als Spieler Welt- und Europameister, kann sich vorstellen, zu seinem früheren Verein zurückzukehren. Am ehesten in der Rolle des Vorstandsvorsitzenden der VfB-AG, die den Profifußball managt. Also: Anrufen, verhandeln – und verpflichten?

Der Aufsichtsrat der AG entscheidet

So einfach kann und will es sich der VfB Stuttgart trotz seiner misslichen Lage nach der turbulenten Mitgliederversammlung nicht machen – so verlockend die Variante mit dem früheren Torjäger auf den ersten Blick auch ist. Und so zustimmend die Reaktionen von Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann und früheren VfB-Profis auch waren. Das Prozedere verlangt Antworten auf verschiedenste Fragen. Die erste: Wer ist nach dem Rückzug Dietrichs eigentlich derjenige, der für die Auswahl des Vorstandschefs der VfB-AG verantwortlich zeichnet?

Der Aufsichtsrat ist das Gremium, das bis Jahresende die neue Position schaffen und auch besetzen will. „Es ist noch nichts fixiert, der Auswahlprozess läuft weiter“, sagt Bernd Gaiser, der nach dem Rücktritt von Wolfgang Dietrich aktuell das Präsidium und den Aufsichtsrat anführt. Einen direkten Draht zu Jürgen Klinsmann hatte der Wirtschaftsexperte bislang nicht. Das könnte sich nun ändern, allerdings wurde auch schon mit anderen Kandidaten verhandelt, unter anderem mit Robert Schäfer, dem früheren Vorstandschef von Fortuna Düsseldorf.

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Der wäre kein Mann mit einer Vergangenheit als Profi oder Trainer – im Gegensatz zu Klinsmann. Weshalb sich auch die Frage stellt, ob der frühere Bundestrainer die gerade verkündete sportliche Neuausrichtung gleich wieder umkrempeln würde – wie er es einst in der Nationalmannschaft tat. Den VfB-Sportvorstand Thomas Hitzlsperger kennt Klinsmann als Spieler, er holte ihn in die DFB-Auswahl und in den WM-Kader 2006. Eine Basis wäre also gegeben. Und die bisherigen Eckdaten des VfB-Neustarts würde der frühere Angreifer wohl auch nicht verteufeln: offensive Spielweise, offener Trainer unter Dauerstrom (Tim Walter), entwicklungsfähige Mannschaft. Dennoch wäre fraglich, wie das Duo Thomas Hitzlsperger/Sven Mislintat (Sportvorstand und Sportdirektor) auf einen Vorgesetzten Jürgen Klinsmann reagieren würde.

Präsident wird am 15. Dezember gewählt

Im Aufsichtsrat könnte Wilfried Porth derjenige sein, der Klinsmann am kritischsten gegenüber steht – seit dieser seinem alten Freund Guido Buchwald beigesprungen ist. Der frühere Defensivspieler, der mit Klinsmann 1990 Weltmeister wurde, war nach einem heftigen Streit mit dem Daimler-Personalvorstand aus dem AG-Kontrollgremium ausgeschieden. Porth hatte später die Rolle ehemaliger Spieler in Führungsfunktionen von Fußballclubs infrage gestellt. Andererseits pflegte Klinsmann lange Jahre gute Kontakte ins Hause Daimler.

Knifflig ist auch die Frage der Abfolge der Entscheidungen. Der VfB wird mit der Festlegung auf einen Vorstandsvorsitzenden kaum warten können, bis der neue Präsident gewählt ist. Die Mitgliederversammlung findet erst am 15. Dezember statt – mit vermutlich zwei Kandidaten für das Amt des Vereinschefs. Der allerdings als künftiger Aufsichtsratsvorsitzender eng mit dem Vorstandsvorsitzenden zusammenarbeiten muss.

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Als Chef des AG-Vorstands stünde Jürgen Klinsmann nicht nur Thomas Hitzlsperger vor, sondern auch Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing). In deren Kernkompetenzen hat der 54-Jährige wenig Erfahrung, könnte aber vermutlich zumindest im Umgang mit Sponsoren und Partnern durch seine offene Art viel zu einer weiter positiven Entwicklung beitragen. Aber ohnehin geht es in den kommenden Monaten auch und vor allem darum, einen atmosphärischen Umschwung hinzubekommen. Was aber auch Aufgabe des aktuellen und künftigen Präsidiums ist.

Mehrheitsfähig in der öffentlichen Meinung wäre Jürgen Klinsmann sicher. Nur: Ein Vorstandsvorsitzender wird nicht gewählt, sondern bestellt. Der VfB also muss sich entscheiden, ob er beim früheren Stürmer in die Offensive geht.

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