Ein Rohingya trägt seine Mutter Foto: AP, dpa, DRK

Brutal werden die Rohingya aus Myanmar vertrieben. Sie flüchten nach Bangladesch, wo sie auch nicht sicher sind und unter erbärmlichen Bedingungen hausen. Endlich will sich Myanmars mächtigste Frau Aung San Suu Kyi zur Lage äußern.

Bangkok - Wochenlang hat Aung San Suu Kyi geschwiegen, während die Welt fassungslos und weitgehend tatenlos der brutalen Vertreibung von mehr als 400 000 islamischen Rohingya aus dem Rakhine-Staat an Myanmars Grenze zu Bangladesch zusah. Berichte über das Leiden der Minderheit wischte die 72-jährige Friedensnobelpreisträgerin und De-facto-Regierungschefin als „ einen riesigen Eisberg von Falschinformationen“ beiseite; einen Auftritt vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sagte sie ab. Nun will sie an diesem Dienstag bei einer Fernsehansprache zur Lage von Myanmar den Befreiungsschlag vollbringen – vor einem überwiegend sympathisierenden heimischen Publikum.

Aung San Suu Kyi steht vor einem Schicksalstag, der über ihr politisches Erbe entscheidet. „Wenn sie bei ihrer Rede die Vertreibung der Rohingya nicht rückgängig macht, werden wir eine furchtbare Tragödie erleben“, warnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Wochenende. „Und ich kann nicht sehen, wie das Problem in der Zukunft gelöst und das alles rückgängig gemacht werden kann.“

Menschenrechtsorganisationen werfen Myanmar eine ethnische Säuberung vor

Zusätzlich zu den mehr als 80 000 Rohingya, die bereits im vergangenen Jahr aus dem Norden des Rakhine-Staats vertrieben worden sind, flohen in den vergangenen vier Wochen laut UN-Angaben mehr als 400 000 Angehörige der Minderheit nach Bangladesch, wo nun eine Katastrophe für die Menschen droht. Damit übersteige die Zahl der Rohingya, die seit dem 25. August geflohen sind, die Zahl der Flüchtlinge, die im Jahr 2016 per Boot über das Mittelmeer nach Europa gelangten, erklärte die Menschenrechtsorganisation Amnesty am Montag.

Die Vertriebenen erzählen, dass Soldaten und Selbstjustizmobs ihre Dörfer niedergebrannt und wahllos Menschen erschossen hätten. Menschenrechtsorganisationen werfen Myanmar eine ethnische Säuberung vor. Bereits zuvor galt die muslimische Minderheit der Rohingya als meistverfolgtes Volk der Welt. Seit ihnen das damalige Birma 1982 die Staatsbürgerschaft entzog, sind sie staatenlos. Staatsrätin Aung San Suu Kyi ist in der Rohingya-Frage politisch eine Gefangene des Mannes, der während der vergangenen zwei Jahre durch die Hauptstädte der Welt reiste und eifrig hofiert wurde: Armeechef Min Aung Hlaing. „Man verlangt die Anerkennung der Rohingya, die nie eine ethnische Gruppe in Myanmar waren“, verkündete der Superior General am Wochenende über sein offizielles Facebook-Konto: „Die Frage der Bengalen ist eine nationale Frage, und wir müssen vereint die Wahrheit verkünden.“ Soll heißen: Der Offizier wird sich vom Ausland nicht in seine Strategie der verbrannten Erde hineinreden lassen. Die Dörfer der aus seiner Sicht illegalen Einwanderer werden niedergebrannt, die Bevölkerung wird vertrieben. Und er verlangt von Aung San Suu Kyi, seinen Vorgaben zu folgen.

Rohingya werden seit Jahren unterdrückt

Sogar Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) folgte ein Stück weit seiner Argumentation, indem er erklärte: „Ich bin in großer Sorge über die erneuten Kämpfe im Rakhine-Staat, die durch Angriffe auf Militär- und Polizeistationen ausgelöst wurden.“ Dabei werden die Rohingya schon seit Jahren von den Sicherheitskräften und radikalen buddhistischen Mönchen verfolgt und unterdrückt.

„Der Angriff einer Gruppe von Islamisten auf Polizeistationen am 25. August war der Vorwand, einen lange entwickelten Plan in die Tat umzusetzen“, sagen inzwischen auch Mitarbeiter des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan. Während dieser an Empfehlungen für Aung San Suu Kyi feilte, den Konflikt politisch zu lösen, wurde Menschenrechtsbeauftragten der Vereinten Nationen die Einreise nach Myanmar verweigert.

Myanmars Generäle legen die Lunte an ein explosives Fass

Zudem hatten Myanmars Streitkräfte in der ersten Augusthälfte die Zahl der Soldaten im Norden Rakhines erhöht – ganz so, als ob die Generäle bereits zuvor über Angriffspläne der Islamisten informiert waren. Mit der Gewalt gegen die Rohingya, die der UN-Generalsekretär Antonio Guterres als „ethnische Säuberung“ verurteilt, legten Myanmars Generäle die Lunte an ein explosives Fass regionaler Spannungen. In Bangladeschs Militärkreisen wird diskutiert, ob man einige Hubschrauber Myanmars aus Vergeltung abschießen solle. Auch gibt es Überlegungen, die islamistischen Rebellen finanziell und militärisch zu unterstützen, die für die Angriffe vom 25. August verantwortlich sind.

An Rekruten dürfte es nach der Vertreibung nicht mangeln. Auf der Insel Shah Porir Dwip, auf der viele Flüchtlinge per Boot anlanden, führt angesichts mangelnder Hilfe aus dem Ausland der erste Weg der Vertriebenen zu den Moscheen der islamistischen Organisation Hefazat-e-Islam, die in der Region großen Einfluss hat. Ihre Mullahs koppeln die erste Nothilfe an ihre Botschaften. Den islamischen Geistlichen um den Führer Ahmad Shafi dürfte eine Entscheidung der Regierung in Dhaka in die Hände spielen: Premierministerin Sheikh Hasina hat gerade beschlossen, die geflohenen Rohingya in 14 000 Notunterkünften unterzubringen und die Lager bewachen zu lassen. Beobachter vermuten, sie belasse die Lager als Erinnerung – und als Mahnung, die internationale Unterstützung nicht zu vergessen. Das gäbe Shafi und seinen Gefolgsleuten Gelegenheit, dort in aller Ruhe Nachwuchs für die islamistische Sache heranzuziehen.

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