Verena Bentele tritt als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung an. Foto: dpa

Mit Elan stürzt sich die zwölfmalige Paralympicssiegerin Verena Bentele (31) in ihre neue Aufgabe als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung – keine leichte Aufgabe.

Mit Elan stürzt sich die zwölfmalige Paralympicssiegerin Verena Bentele (31) in ihre neue Aufgabe als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung – keine leichte Aufgabe.

Berlin/Stuttgart - Als Verena Bentele vor knapp zwei Jahren überraschend ihre Karriere als Sportlerin beendete, verstand dies zunächst kaum jemand. Die von Geburt an blinde Biathletin und Langläuferin aus Tettnang im Bodenseekreis war schließlich gerade erst zum Sportstar aufgestiegen, hatte den Bambi und den Laureus-Award gewonnen, war zur Weltbehindertensportlerin gewählt und das Gesicht der paralympischen Bewegung geworden.

Doch wenn die zwölfmalige Paralympicssiegerin sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann geht sie ihren Weg. Das Energiebündel Bentele stürzte sich immer mit Inbrunst in die nächsten Aufgaben. Nun wurde die 31-Jährige vom Bundeskabinett als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung ernannt. In dieser Funktion wird sie nach Regierungsangaben künftig Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und aktiv die Gesetzgebung auf Bundesebene begleiten: Sie hat immer dann mitzureden, wenn die Belange von Menschen mit Behinderungen betroffen sind. Egal, ob es dabei um Barrierefreiheit, Bildung, Rehabilitation, Teilhabe, Gesundheit oder Pflege geht.

Neben ihrer Tätigkeit als Spitzensportlerin betreute Bentele bislang Führungskräfte, am 24. Februar veröffentlicht sie ihr erstes Buch. Eine Politikerin wie ihr künftiger Vorgänger, der Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe, ist sie also nicht. Ist die neue Aufgabe deshalb nicht eine Nummer zu groß für die Sportlerin?

Keineswegs, da ist die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sicher. Die Vizepräsidentin des Bundestags ist gleichzeitig Bundesvorsitzende der Selbsthilfevereinigung Lebenshilfe und beruft sich auf die Erfolge Benteles als Biathletin: „Solch eine erfolgreiche Sportlerin hat schon eine ganze Portion an Energie, Disziplin und Zielstrebigkeit aufbringen müssen, sonst hätte sie das nicht erreicht.“ Tugenden, die ihr bei ihrer neuen Aufgabe nützen würden. Schmidt kennt Bentele persönlich aus Diskussionen darüber, wie die Inklusion, also die Einbindung behinderter Menschen etwa in Kindergärten und Schulen, vorangebracht werden kann: „Sie hat sich in den vergangenen Jahren in der Politik engagiert und hat immer sehr darauf gepocht, dass es in der Teilhabe nicht um Fürsorge geht, sondern um die Rahmenbedingungen der Menschen“, sagte Schmidt den Stuttgarter Nachrichten.

Skepsis beim Körperbehindertenverein

Menschen mit Behinderung seien nicht generell pflegebedürftig, sondern könnten sich auch gut einbringen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. „Das hat Bentele im Spitzensport gelernt, und das wird sie auch auf politischer Ebene umsetzen“, glaubt Schmidt. Vor allem die Inklusion, die im Koalitionsvertrag verankert ist, ist eine wichtige Aufgabe der Behindertenbeauftragten.

Nicht alle sehen das ohne Skepsis. Carmen Kohr ist beim Körperbehindertenverein Stuttgart (KBV) für den Alex-Club zuständig, in dem Menschen mit Behinderung Freizeitgestaltungsmöglichkeiten angeboten werden. „Bei uns ist Inklusion fast schon ein Schimpfwort“, wettert sie, „weil man im Moment das Gefühl hat, dass versucht wird, alles zu inkludieren, was nur geht.“ Die Regierung würde meist nicht darüber nachdenken, wo eine Inklusion sinnvoll sei. Im Schulwesen sei es etwa nicht sinnvoll, jedes Kind mit einer Behinderung in einen Regelschulplatz zu drängen. „Man müsste stattdessen beides anbieten – Sonderschulen und eine Inklusion in die Regelschule.“

Unabhängig von dieser Debatte freuen sich die Mitglieder des KBV Stuttgart aber auf die neue Behindertenbeauftragte: „Jemand, der selbst eine Behinderung hat, kann sich besser in Menschen mit Behinderung hineinversetzen“, glaubt Kohr. „Frau Bentele kennt die Probleme im Alltag, in der Gesellschaft und im Arbeitsleben.“ Kohr verweist darauf, dass es etwa Ermäßigungen für Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern in Stuttgart häufig gar nicht gebe. „Da erhoffen wir uns, dass es bald zu einheitlichen Lösungen kommt“, sagt Kohr.

Auch Ulla Schmidt hofft darauf, dass Verena Bentele dabei helfen wird, Barrieren schneller abzubauen. Der Unterstützung weiterer Bundesverbände kann sie sich jedenfalls sicher sein: „Wir sind bereit und fähig, ihr mit Konzepten und sonstigen Erfahrungen von Experten zur Seite zu stehen“, sagt der Vorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland, Ilja Seifert. Auch er glaubt, dass Bentele genug politische Erfahrung mitbringt und vor allem von ihren sportlichen Erfolgen zehren wird: „Bei großen öffentlichen Veranstaltungen erwies sie sich als kenntnisreiche, charmant-empathische und sachkundige Sympathieträgerin“, so Seifert.

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