In der Rechten die Fanfare, in der Linken die Zügel: Die Stadtreiter müssen bei ihren Paraden fest im Sattel sitzen, Foto: Cathrin Frick

Die Stadtgarde ist einer der ältesten Vereine Stuttgarts. Doch ohne Finanzspritze könnte bald das Aus drohen.

S-Nord - Sie tragen schmucke blaue Uniformen und haben Säbel. Wenn sie bei offiziellen Feiern, beim Weindorf oder dem Volksfestumzug hoch zu Ross dabei sind und ihre Fanfaren blasen, sind sie der Hingucker fürs Publikum. Die Stadtgarde zu Pferd Stuttgart mit Sitz am Kräherwald ist lebendige Geschichte: Sie wurde 1652 als berittene Bürgerwehr mit 80 Mann gegründet und sollte vor allem die Bevölkerung auf dem Land nach dem 30-jährigen Krieg vor den Übergriffen marodierender Soldaten schützen. Herzog Eberhard III. (1614 – 1674) selbst übernahm es, die Truppe zu mustern. Ende des 17. Jahrhunderts erwarb sich die berittene Kompanie Respekt, auch außerhalb Stuttgarts, da sie nicht nur gegen plünderte Soldaten, sondern auch gegen die einmarschierte französische Armee kämpfte.

Im 18. Jahrhundert war die Garde immer dann Leibwache des Landesherrn, wenn der sich außerhalb der Residenzstadt aufhielt. Und sie übernahm Polizeiaufgaben, sorgt zum Beispiel bei öffentliche Hinrichtungen dafür, dass es nicht zu Tumulten kam, sicherten im Brandfall das Gelände und verhinderten, dass Diebe Hab und Gut der ausgebrannten Bürger stahlen. König Karl von Württemberg (1823 – 1891) gestattete der Truppe sich neueinzukleiden: Die historischen blauen Uniformen und den Tschako (Helm) tragen die Stadtreiter noch heute. Während des Nazi-Regimes behielt die Stadtgarde zwar ihre Eigenständigkeit, ließ sich auch nicht in die Reiter SA eingliedern, sympathisierte aber mit den Nazis. Nach dem zweiten Weltkrieg organisierte sich die Stadtgarde als historischer Verein neu.

„Früher war es unsere Aufgabe, Mitbürger zu schützen. Heute repräsentieren wir die Landeshauptstadt bei bei öffentlichen Festlichkeiten und auch bei Staatsempfängen mit Paraden zu Pferde“, sagt der Gardeoffizier Jürgen Karle. Der 77-jährige ist seit 15 Jahren Mitglied der Stadtgarde – und er ist selbstverständlich ein guter Reiter. Zum Pferdesport kam er durch seinen Schwiegervater. „Da meine Frau begeisterte Reiterin war und der meinte, dass wir eine gemeinsame Freizeitaktivität brauchen, hab ich halt Reiten gelernt.“ Für die Garde zu Pferde wurde Karle später beim Stammtisch angeworben.

Verein hat Antrag auf Zuschuss gestellt

Heute hat der Verein 47 Mitglieder – darunter seit den 1980er Jahren auch eine Handvoll Frauen. Das jüngste Mitglied ist 17, das älteste 92. Den Altersdurchschnitt schätzt Karle auf etwa 65. Dass so wenig Junge bei der Stadtgarde mitmachen, hängt laut Karle damit zusammen, dass die meisten nach der Berufsausbildung nicht in Stuttgart bleiben oder zum Studieren weg ziehen. Dabei hat der Verein Jugendlichen einiges zu bieten. Da man als Stadtreiter sicher im Sattel sitzen und Fanfare blasen muss, gibt es kostenlosen Reit- und Musikunterricht.

Das große Problem des Vereins – neben dem fehlenden Nachwuchs: Bei nur 47 Mitgliedern und einem Mitgliedsbeitrag von 55 Euro für Erwachsene und 35 Euro für Jugendliche pro Jahr kommt zu wenig Geld in die Vereinskasse, um ohne Zuschüsse die Auftritte und Paraden der Reiter zu finanzieren. „Wir haben keine eigenen Pferde, sondern mieten sie vom Stuttgarter Reit- und Fahrverein. Das kostet pro Pferd etwa 80 Euro. Dazu kommt der Transport der Pferde zum jeweiligen Einsatzort mit mehreren hundert Euro.“ Deshalb könne sich der Verein schon lang nicht mehr leisten, Stuttgart im Ausland wie zum Beispiel bei der Steubenparade 1987 in New York oder 2000 bei den Reiterspielen in Ungarn zu vertreten.

Im Bezirksbeirat Nord hat Jürgen Karle deshalb jetzt einen Antrag auf Zuschuss gestellt. Ob der gewährt wird, darüber wird das Gremium in einer der kommenden Sitzungen entscheiden. Eins verspricht Jürgen Karle den Beiräten schon jetzt: „Wenn wir unterstützt werden, nennen wir den Bezirksbeirat auf unseren Info-Blättern als Sponsor und natürlich rücken wir zu Pferd bei festen im Norden an.“ Mit einem neuen Rittmeister soll auch die Vereinsarbeit auf neue Füße gestellt werden.

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