Seit 34 Jahren ist Uli Ruopp Reitlehrer bei dem Traditionsverein. Foto: Martin Bernklau

Seit fast 90 Jahren gibt es den traditionellen Stuttgarter Reit- und Fahrverein.

Stuttgart-Nord - Längst reiten sie wieder am Kräherwald, obwohl die Bäume dort noch nicht ausgeschlagen haben. Seine Konzentration, seine Spannung überträgt sich auf die Reitschüler: „Ja, komm, komm, jetzt!“, ruft Ulrich Ruopp einer seiner drei, vier jugendlichen Nachwuchsreiterinnen zu, die an diesem Samstagnachmittag an den noch recht flach gelegten Oxern oder Doppelricks mit ihren Pferden in die hohe Kunst des Springreitens eingeführt werden. Es kommt aufs Timing an.

Er hat nun die 60 erreicht, ist aber immer noch mit ganzer Leidenschaft und mit dieser Mischung aus ruhiger Konzentration und Temperament dabei. Seit 34 Jahren ist Uli Ruopp Reitlehrer bei dem Traditionsverein und längst die Seele des Betriebs. Er ist damit einer der dienstältesten Ausbilder in Baden-Württemberg.

So stadtnah und so naturnah

„Die Lage ist doch wirklich einmalig“ sagt der Pferdewirtschaftmeister über die Anlage, auf der er gemeinsam mit seiner 29 Jahre jungen Kollegin Lena Athenstädt ganz unangefochten das Sagen hat. Zwei Lehrlinge und fünf Stallgehilfen gehören zu ihrem ständigen Team. So stadtnah und so naturnah, besser sind der Reitplatz und die Stallungen für gegenwärtig 75 Pferde nicht vorstellbar.

Vor über 60 Jahren hatte der Verein nach den Zerstörungen des Krieges dort oben sein neues Domizil aufgebaut. Eine jetzt wunderbar restaurierte 20 auf 60 Meter große Reithalle, eine Longierhalle und das Reitercasino mit angeschlossener Festhalle gehören dazu. Das Ausreitgelände gilt als eines der schönsten weit und breit. Allenfalls Koppeln könnte sich die Stuttgarter Reit- und Fahrverein noch wünschen. Aber dazu sind die Quadratmeterpreise dort oben längst zu unerschwinglich geworden, und der Kräherwald kann ja auch nicht abgeholzt werden.

Im Krieg restlos von Bomben zerstört

Nach seiner Gründung im Jahr 1924 nutzte der Verein zunächst die städtische Reithalle in der Forststraße und fand ein Interims-Quartier in der damaligen Rotebühl-Kaserne, bevor 1930 die eigene Reitanlage, an Stallplätzen fast so groß wie die heutige, in der Wolframstraße unterhalb des Pragfriedhofs bezogen werden konnte. Doch der Stolz des Vereins wurde im Krieg restlos von Bomben zerstört.

Zunächst ruhte das Vereinsleben, von 1947 an aber fanden die Stuttgarter Reiter in einer leer stehenden Halle in Ludwigsburg wieder einen Platz. Kein Jahr dauerte es, bis nach dem ersten Spatenstich 1949 am Kräherwald die mit viel Eigenarbeit errichtete Anlage so stand, wie sie sich im Wesentlichen bis heute zeigt.

Traditionsreicher Reitverein

Neun Jahre hält Uli Ruopp für ein gutes Alter, um mit dem Reiten zu beginnen. Ungefähr 30 turniertaugliche Jugendliche kann e er gerade vorweisen. Aber selbst 75-Jährige kommen noch in seine Reitstunden, die vom Einzel- bis zum Gruppenunterricht von mehr als einem Dutzend Pferden und ihren Reitern reichen. Natürlich leisten sich viele reifere Reiter Privatstunden, während der Nachwuchs eher im Team seiner Leidenschaft frönt. So groß ist das Altersspektrum wohl nur in wenigen anderen Sportvereinen. French Kiss und Lorenzo heißen die zwei prominentesten der 16 vereinseigenen Schulpferde. Auf den mächtigen Schimmel Lorenzo, der es als Turnierpferd bis zur höchsten Klasse gebracht hat, ist der Lehrer besonders stolz. Beim Umzug zur Eröffnung des Cannstatter Wasens ist der Stuttgarter Reit- und Fahrverein immer mit dabei. Ein Highlight ist auch die Hubertus-Jagd Anfang November, bei der es direkt vom Stall aus über Stock und Stein zum Schloss Solitude geht, 69 Male inzwischen schon. Als Verein im Verein kann der 50 Köpfe starke Stuttgarter Reitclub gelten, den noch König Wilhelm für die Bediensteten seines Hofes ins Leben gerufen hatte. Auch die 1652 gegründete Stadtgarde pflegt ihre Traditionen unter dem Dach des Vereins.

Ob Dressur oder Springen, Quadrille, Ausfahrten auf die Alb oder Pfingst-Ritte: Breit gefächert ist das Angebot des Stuttgarter Reit- und Fahrvereins, wozu natürlich auch Vorträge und Prüfungen gehören. Weit über seinen Wirkungsort am Kräherwald hinaus ist Uli Ruopp auch landesweit als Prüfer gefragt.

Wartezeiten für Neuzugänge

Freitagabends ist Stammtisch im Casino. Da oder bei der Reitstunde am Dienstag sind auch immer die Reitfreunde vom SWR auf der Höhen und lassen sich hernach einen zünftigen Rostbraten schmecken.

Der Verein ist größenmäßig freilich an seine Grenzen gestoßen. Für Neuaufnahmen gibt es Wartezeiten heißt es im täglich besetzten Sekretariat.

REIT- UND FAHRVEREIN

Anschrift: Am Kräherwald 110, 70192 Stuttgart

Telefonnummer: 257 31 62

Mail-Adresse: verein@rfv-stuttgart.de

Homepage: www.rfv-stuttgart.de

Vorsitzender: Jürgen Beck

Gründungsjahr: 1924

Mitgliederzahl: 500

Stuttgart aktiv

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