Neues Leben dank einer gespendeten Gebärmutter: Das kerngesunde Baby holte das Tübinger Ärzteteam im Mai 2019 per Kaiserschnitt auf die Welt. Foto: dpa/Universitätsklinikum Tübingen

Die Tübinger Unifrauenklinik ist zum ersten deutschen Gebärmuttertransplantationszentrum ernannt worden. Knapp 50 Frauen weltweit brachten nach einer Uterustransplantation ein Kind auf die Welt, vier davon in Tübingen.

Tübingen - Es ist jedes Mal ein kleines Wunder: Bereits vier Frauen hat die Tübinger Gynäkologin Sara Brucker zu einer Geburt verholfen, obwohl alles dagegen sprach, dass diese jemals in ihrem Leben ein Kind bekommen würden. Als erste Ärztin in Deutschland wagte Brucker an der Tübinger Universitätsfrauenklinik bereits 2016 die Transplantation einer Gebärmutter, eine ethisch durchaus umstrittene und weltweit erst seit wenigen Jahren erfolgreich durchgeführte Operation. „Für mich ist das eine Herzenssache“, sagt die 47-Jährige. Der Eingriff sei die einzige Möglichkeit einer Schwangerschaft für Frauen, die keine Gebärmutter haben, sei es wegen einer angeborenen Fehlbildung oder einer Entfernung aufgrund von Krebs.

 

Im Frühjahr 2022 soll das Programm wieder starten

Mit Zustimmung des Landeskrankenhausausschusses ist die Tübinger Frauenklinik zum offiziellen Transplantationszentrum ernannt worden – als einzige in Deutschland. „Wir freuen uns, dass uns nach jahrzehntelanger Aufbauarbeit dieser großartige Schritt gelungen ist“, sagt Sara Brucker, sie ist die Geschäftsführende Ärztliche Direktorin des Departments für Frauengesundheit am Uniklinikum. „Dies war nur möglich durch die Unterstützung, den Zusammenhalt und den großartigen Erfolg, dass all unsere vier bisher transplantierten Frauen ihr eigenes Kind gesund in Tübingen auf die Welt bringen konnten.“ Aufgrund der Coronapandemie konnten vorübergehend keine Transplantationen stattfinden, im Frühjahr 2022 soll das Programm wieder starten.

Die Operation in Tübingen kommt für Frauen in Frage, die ohne Gebärmutter und Vagina geboren wurden. Die angeborene Fehlbildung des weiblichen Genitals wird Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKH-Syndrom) genannt, und tritt laut Medizinern nur bei einer von 5000 Neugeborenen auf, in Deutschland sind das rund 60 bis 80 Fälle im Jahr. „Wir sehen davon die meisten“, sagt Brucker.

Äußerlich fällt die Anomalie oft nicht auf, erst wenn Mädchen in die Pubertät kommen und die Periode ausbleibt, wird die Fehlbildung entdeckt. Brucker hat sich darauf spezialisiert, den Patientinnen einen fehlenden Teil ihrer Weiblichkeit zurückzugeben. „Das sind ja ganz normale Frauen, ihnen fehlen nur die Scheide und der Brutkasten.“ Sie formt minimalinvasiv und ohne Fremdgewebe sogenannte Neovaginas, die Operation erfolgt im Jugendalter. Dadurch werde Geschlechtsverkehr möglich, die volle Orgasmusfähigkeit sei da, versichert Brucker und fügt lachend hinzu: „Da merkt kein Mann der Welt den Unterschied.“

Die eigene Mutter ist die Spenderin des Organs

Ihre erste Patientin wurde 2009 in Tübingen operiert. Sieben Jahre später erhielt die junge Frau den Uterus ihrer Mutter, also jenes Organ, in dem sie selbst herangewachsen ist. Mitte 2018 wurde ihr eine eigene, zuvor mit den Spermien des Ehemanns befruchtete Eizelle, eingesetzt – und alles verlief zum großen Glück der Eltern ohne Komplikationen. 2019 kam per Kaiserschnitt ein Junge zur Welt, er war kerngesund.

„Für mich ist die Gebärmuttertransplantation der logische zweite Schritt, um Frauen mit MRKH-Syndrom zu helfen“, sagt Brucker. Mittlerweile sind es vier Frauen, die nach einer Transplantation in Tübingen ihr Kind austragen und entbinden konnten.

Aufwendiges Screening-System im Vorfeld der Operation

Für Brucker ist klar: „Eine Gebärmutter ist kein lebensnotwendiges Organ – aber notwendig, um einen Kinderwunsch zu erfüllen.“ Das Fehlen des Organs und die Kinderlosigkeit bedeute für viele Frauen großes psychisches Leid. Da die Leihmutterschaft in Deutschland nicht erlaubt sei, sei die Gebärmuttertransplantation die einzige Chance auf ein biologisch eigenes Kind. Aufgrund des sehr aufwendigen Screening-Systems kämen aber nur wenige, ausgewählte Patientinnen für das Programm in Frage.