Mit dem erbeuteten Geld lebte der Angeklagte in Saus und Braus, wie er sagte. Foto: dpa

Erst als er zu Geld kam, stieg das Ansehen eines Angeklagten in den Augen seines Vaters. Nur – es war nicht sein Geld. Der Buchhalter hatte rund 725 000 Euro von den Stadtwerken Backnang veruntreut.

Backnang - Rund 725 000 Euro hat der 48-jährige Buchhalter von Konten der Stadtwerke Backnang auf eigene überwiesen – wir berichteten. Warum der Mann, der die Taten zugab, rund drei Jahre lang unbemerkt 240 Mal Beträge von wenigen Euro bis mehr als 10 000 Euro abzweigen konnte, ist bisher in dem Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht nicht klar geworden. Vor der 18. Strafkammer wird um 9 Uhr das Verfahren fortgesetzt.

Tränen während der Schilderung des Lebenslaufs

Drei Betriebsprüfungen zwischen 2016 und 2018 überstand er ohne Beanstandungen. Warum er in die Kasse griff, konnte er selbst kaum erklären. Um seine Schulden von 25 000 Euro zu tilgen – das mag anfangs der Grund gewesen sein. Doch diese hatte er nach einem Vierteljahr bereits beglichen. Dann aber legte er erst richtig los.

Die Schilderung seines Lebenslaufs lässt darauf schließen, dass er seinem Vater etwas beweisen wollte. Dieser habe ihn schon im Kindesalter ständig unter Leistungsdruck gesetzt, schilderte der Angeklagte dem Gericht unter Tränen. „Und wenn ich in seinen Augen schlechte Noten nach Hause brachte, hat er die Schuld immer meiner Mutter gegeben.“

Vater ist mit nichts zufrieden

Der Vater sei mit nichts zufrieden gewesen, schon gar nicht mit seinem Beruf als Bürokaufmann. „Er wollte, dass ich in der öffentlichen Verwaltung arbeite wie meine Schwester.“ Dass er schwul war, verheimlichte der Angeklagte seinen Eltern lange. Mit 21 Jahren hatte er dann sein Coming Out, die Reaktion war niederschmetternd.

„Mein Vater hat gesagt, ich solle zum Arzt gehen, das könne man heilen. Und er hat meiner Mutter die Schuld gegeben.“ Immer wieder verliert der Angeklagte die Fassung, während er aus seinem Lebenskauf berichtet.

Erst als er durch seine Taten „in Saus und Braus“ lebte, habe er durch seinen neuen Lebensstil auch den Vater beeindruckt. „Endlich konnte ich ihm zeigen, was in mir steckt.“ Von der Mercedes A-Klasse zur B- und C-Klasse bis zur M-Klasse steigerte der Mann seine Autos, was dem Vater gefiel. „Er hat mich sogar umarmt.“

Hartes Leben hinter Gitter

Doch wie der Angeklagte von Anfang an befürchtet hatte, flog sein Treiben schließlich auf. Eigentlich hatte er damit bereits mit der ersten Betriebsprüfung gerechnet. Seit Oktober sitzt er in Untersuchungshaft. Das Leben im Gefängnis sei hart, wegen der anderen Häftlinge, Gewalttäter, vor denen es ihm grause, berichtet er dem Gericht.

In dem Strafprozess werden an diesem Freitag höchstwahrscheinlich die Plädoyers gehalten. Dem 48-Jährigen droht eine mehrjährige Haftstrafe.

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