Seit einem Vierteljahr gilt das umstrittene Heizungsgesetz. Und jetzt? Unterwegs mit zwei Stuttgarter Energieberatern, die Probleme lösen sollen. Sie treffen dabei auch auf Menschen, die gezielt Gesetzeslücken suchen.
Nein, das Paar verdient vermutlich nicht schlecht. Er besitzt ein Haus mit fünf Wohnungen im Stuttgarter Westen, beide sind beide gut gekleidet. Ihnen gegenüber sitzt Thabo von Roman, 33 Jahre alt und Energieberater. Er umschifft das Thema geschickt: „Ich werde nicht so frech sein und fragen, wie viel Sie verdienen. Die Grenze liegt bei 40 000 Euro . . .“, tastet er sich vor – woraufhin die Frau abwinkt: Ja, da lägen sie darüber. Also erhält das Paar keinen Einkommensbonus von 30 Prozent für den Heizungstausch von Öl auf Fernwärme.
Doch die beiden bekommen Geld aus anderen Töpfen. Denn Fernwärme ist klimafreundlicher als Heizen mit Öl. Und das wird vom Staat und den Kommunen unterstützt. 30 Prozent Förderung würde das Paar von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bekommen. Und weil die beiden eine der fünf Wohnungen selbst bewohnen in dem Haus, das dem Mann gehört, erhielten sie auch noch 20 Prozent Klimageschwindigkeitsbonus für ihre Wohnung. Zusätzlich bekämen sie von der Stadt Stuttgart Geld für den Heizungstausch.
Förderprogramme können viel Geld bedeuten
Woher welches Geld kommt und wie dies auf dem eigenen Konto landet, darüber klärt Thabo von Roman auf. Er arbeitet beim Energieberatungszentrum (EBZ) in Stuttgart.
„Ich bringe Licht in den Förderdschungel“, so beschreibt er seine Arbeit. Doch das ist nicht alles. Er erklärt auch die Vor- und Nachteile der Wärmepumpen („Wenn es geht, bin ich immer für eine Erdwärmepumpe“), rechnet aus, wie viele Solarmodule auf ein Dach passen und nach wie viel Jahren sich was lohnt.
Mit Sparsamkeit könne man Schwaben überzeugen
Seit Anfang dieses Jahres gilt das Gebäudeenergiegesetz, im Volksmund Heizungsgesetz genannt. Der anfangs umstrittene Entwurf wurde zwar abgemildert. Doch die öffentliche Diskussion führte dazu, dass viele Menschen zunächst empört waren, dann verunsichert. Und diese Verwirrung hält bis heute an, nicht nur bei den Häuslebesitzern, auch bei einigen Handwerkern. Weshalb viele Menschen das Gespräch bei unabhängigen Energieberatern suchen – so wie Thabo von Roman einer ist.
Für den 33-Jährigen ist es der erste Job nach der Uni. Seit zwei Jahren arbeitet er beim EBZ, davor hat er den Master in Umweltschutztechnik gemacht. Wer sich einen Klischee-Öko im Wollpulli vorstellt, liegt falsch. Thabo von Roman trägt schwarzes Hemd und Seitenscheitel. Er rät seinen Kunden trotz der Feinstaubproblematik nicht von Holzöfen ab, „die sorgen für eine angenehme Atmosphäre“. Und er spricht fast nie von „Umwelt“ oder „Klimaschutz“.
Dabei ist das, womit der 33-Jährige seinen Tag verbringt, genau das: Er leistet einen erheblichen Beitrag dafür, das Stuttgart bis 2035 klimaneutral wird – und dass die Erde sich weniger stark erwärmt. Doch in seinen Beratungen geht es vor allem um Zahlen. „Man kann hier sehr viel mehr erreichen, wenn die Leute Geld sparen können“, sagt er. Er spricht von „schwäbischer Sparsamkeit“.
Mit Nachbarn zusammentun, lohnt sich finanziell
In der Straße des Paares aus dem Stuttgarter Westen liegt bereits eine Fernwärmeleitung. Sie müssen sich also nur noch anschließen lassen und den 16 000-Liter-Öltank aussondern. Trotzdem kostet der Anschluss laut Thabo von Roman wohl zwischen 30 000 und 50 000 Euro. Entscheidend sei die Entfernung zum Fernwärmenetz, da jeder Meter hohe Kosten bedeute. Doch von den 30 000 bis 50 000 Euro müsse man noch die Förderungen von Stadt und Bund abziehen, weshalb es am Ende billiger werde. Der Energieberater rät dem Paar, mit Nachbarn zu sprechen. Denn wenn noch mehr Anwohner mitmachen, könnten sie sich die Anschlusskosten teilen.
Dann kommt der 33-Jährige zu seinem Herzensthema: Photovoltaik. Zuerst winkt das Paar ab: Das Haus sei denkmalgeschützt. Und auf dem Dach liege ein Blech, in das reingebohrt werden müsste, um die Solarmodule zu befestigen. Würde es da dann nicht hineinregnen? Als der Energieberater ihnen versichert, dass es dafür Lösungen gebe, und er ihnen vorrechnet, dass sich eine PV-Anlage nach rund sieben Jahren finanziell rechnen würde, wirken die beiden plötzlich interessiert.
„Glasbausteine: ganz schlimm“, kritisiert der Energieberater
Ein paar Tage später in Stuttgart-Weilimdorf, nahe des Lindenbachsees. Es ist ruhig und grün hier. Trotzdem sehen die Häuser nicht so aus, als würden hier reiche Menschen wohnen. In der Wärmeplanung der Stadt Stuttgart ist dieses Quartier als Einzelversorgergebiet gekennzeichnet, was bedeutet: Die Menschen müssen sich selbst um eine klimafreundliche Heizung kümmern, Fernwärme ist nicht geplant.
Diesmal berät nicht Thabo von Roman, sondern sein Kollege Gerhard Wiederholl. Der steht vor einem Waschbetonhaus aus den 70er Jahren mit Maximilian Rosenberg, Projektleiter der Baugenossenschaft Münster. Und der Energieberater Wiederholl hält sich nicht zurück: „Glasbausteine: ganz schlimm“, sagt er und zeigt auf das aus vielen Teilchen zusammengesetzte, hohe Treppenhausfenster. Innendrin sieht er es sich genauer an: „Da pfeift der Wind durch“, murmelt er, während er die Treppe hinaufläuft. Immer wieder zückt er seine Kamera und fotografiert etwas.
Sanierung und Heizungstausch: 400 000 Euro
Wiederholl ist an jenem Mittag hier, weil die Baugenossenschaft Münster sich dazu entschieden hat, 14 ihrer Gebäude energetisch zu sanieren. Und laut Wiederholl ist das bei dem Siebenparteienhaus in Weilimdorf auch nötig. Der Großteil der Fenster sei „uralt“, die Wandstärke „unglaublich dünn“. Es müssten nicht nur Fenster ausgetauscht werden, auch eine Fassadendämmung mit Mineralwolle schlägt er vor, eine Dachdämmung, eine Kellerdeckendämmung – und einen Heizungstausch von Öl auf eine Luft-Wasser-Wärmepumpe. Plus Photovoltaik auf dem Dach mit zehn Kilowattpeak, schätzt er. Er kalkuliert mit 400 000 Euro für das Gesamtpaket.
„Unser Ziel ist es, ein möglichst ambitioniertes Konzept zu erarbeiten“, sagt Wiederholl danach. Und der Besitzer beziehungsweise die Eigentümergemeinschaft entscheide dann, wie viel davon umgesetzt werden könne.
Frau fürchtet sich vor Elektrosmog
Manchmal aber wollen die Menschen auch herausfinden, wie sie Gesetze umgehen können, berichtet Thabo von Roman. So kam kürzlich ein Paar zu ihm, das sein Dach saniert habe und nun eigentlich Photovoltaik installieren müsste. Die Frau wollte nun mittels eines ärztlichen Attests belegen, dass dadurch Elektrosmog entstehen könnte, der ihr schade. „Ich glaube nicht, dass das mit dem Attest klappt“, meint der Energieberater dazu nur.
„Manche Menschen freuen sich regelrecht, dass sie noch einmal eine Gasheizung einbauen dürfen“, sagt er. Manchmal würden sie aber auch falsch beraten werden. So sagten manche Heizungsbauer, dass eine Wärmepumpe ohne Fußbodenheizung keinen Sinn mache, „ das stimmt nicht“. Grundsätzlich könnten Wärmepumpen auch mit bestehenden Heizkörpern funktionieren.
Glücklich macht den Energieberater, dass der Konsens immer größer wird, welch hohe Bedeutung die Gebäude beim Erreichen der Klimaziele haben. Kürzlich durfte sich die Besitzerin eines „Schlösschens“, also eines schönen, alten Hauses in der Innenstadt, nach langem Ringen endlich Photovoltaik aufs Dach montieren lassen, sagt Thabo von Roman. Der Klimaschutz werde nun öfter vor den Denkmalschutz gestellt. „Es geht voran.“
Hilfreiche Adressen für Energieberatung und Förderung
Beratung
Im Südwesten gibt es derzeit – neben der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA BW) – 37 regionale, kreisweit tätige Energieagenturen, die unabhängig und neutral beraten. Viele Angebote sind kostenlos, etwa Erstberatungen. Zusätzlich berät unter anderem die Verbraucherzentrale und die Architektenkammer zu Gebäudesanierungen, Heizungstausch und Energiesparen.
Förderradar
In welcher Stadt und welchem Landkreis gibt es welche Förderprogramme? Und was bietet der Bund derzeit an? Für einen besseren Überblick gibt es seit Kurzem den Förderradar (www.foerderradar.de), wo man anhand weniger Klicks erfährt, was für einen selbst in Frage kommt.