Unfälle in Baden-Württemberg Bei jedem sechsten tödlichen Unfall spielen Handys eine Rolle

Von Christine Bilger 

Bei 17,1 Prozent der tödlichen Unfälle im Land hat der Blick aufs Handy eine Rolle gespielt. Foto: dpa (Symbolbild)
Bei 17,1 Prozent der tödlichen Unfälle im Land hat der Blick aufs Handy eine Rolle gespielt. Foto: dpa (Symbolbild)

Das Innenministerium hat untersucht, wie gefährlich die Nutzung des Mobilteltelefons während der Autofahrt tatsächlich ist. Bei einer groß angelegten Auswertung von Unfallakten kamen erschreckende Zahlen zutage.

Stuttgart - Wie riskant ist der schnelle Blick des Autofahrers auf das Smartphone? Zahlen des Innenministeriums Baden-Württemberg (IM) belegen, dass die kurze Ablenkung am Steuer eine große Gefahr darstellt, sogar eine tödliche. Das Ministerium hat in einer Sonderauswertung festgestellt, dass bei tödlichen Verkehrsunfällen immer häufiger der Handygebrauch die Ursache ist. Der Anteil stieg in den zurückliegenden drei Jahren von 11,3 auf 17,1 Prozent. Damit spielte die Unaufmerksamkeit im Jahr 2017 fast bei jedem sechsten tödlichen Unfall eine Rolle.

Die Polizei reagiert mit verstärkten Kontrollen

Das Innenministerium untersuchte 453 Unfälle aus dem Jahr 2015, bei denen jemand ums Leben­ kam – in 51 Fällen war das Telefonieren am Steuer die Ursache. Das waren 11,3 Prozent. Im Jahr 2016starben auf den Straßen des Landes weniger Menschen. In 47 der 380 untersuchten fatalen Unfälle wurde die „Ablenkung infolge Handynutzung“ als Ursache ermittelt, was ein Anteil von 12,4 Prozent ist. Von den ausgewerteten drei Jahren weist 2017 die höchste Quote aus. 434 tödliche Unfälle im Land wurden untersucht. In 74 Fällen war zuvor ein Beteiligter durch sein Handy abgelenkt, statt sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Das entspricht 17,1 Prozent.

Das Innenministerium reagiert darauf: „Den Kontrolldruck werden wir hier ganz gezielt weiter hochhalten“, teilte der Pressesprecher Carsten Dehner mit. Außerdem werde sich die Polizei im Land am bundesweiten Kontrolltag beteiligen, der unter dem Motto „sicher­ mobil leben“ steht und in diesem Jahr die unerlaubte Handynutzung als Schwerpunkt hat.

Weil die Polizei verstärkt kontrolliert, hat sie schon jetzt mehr Verstöße festgestellt. „2017 hat die Polizei bei 72 080 Verkehrsteilnehmern die Handynutzung am Steuer zur Anzeige gebracht. 2016 waren es 58 793, im Jahr 2015 waren es 45 077“, teilt der Ministeriumssprecher Dehner mit. Die Polizei handle „repressiv und präventiv“, so Dehner: Mit Kontrollen werde der verbotene Gebrauch des Handys geahndet. Nach einer Gesetzesänderung im vergangenen Jahr stehen auf einen Verstoß 100 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg. Zum anderen kläre die Polizei über die Gefahren der Handynutzung am Steuer auf.

Weniger Gespräche, mehr getippte Nachrichten

Die Sonderauswertung sei erhoben worden, weil die Polizei den Eindruck habe, Autofahrer würden immer häufiger zum Handy greifen. „Wir wollten belastbare Zahlen haben“, erläutert der Ministeriumssprecher. Die tödlichen Unfälle habe man ausgewertet, weil einerseits deren Anzahl überschaubar war und man so eine realistische Chance sah, die Akten komplett zu durchforsten. Zudem seien diese ausführlich dokumentiert. Der Blick in die Ermittlungsakten erlaubte Einblicke, welche bei der Auswertung der Unfallstatistik nicht möglich sind. Wie ein Sprecher der Stuttgarter Polizei erklärte, werde nicht in allen Fällen das Handy als Unfallursache dokumentiert, auch wenn es der Grund des Fahrfehlers war: Wenn in der Folge ein Vorfahrtsfehler gemacht wurde, werde meist dieser als Ursache in der Statistik dokumentiert. Der Dreijahreszeitraum von 2015 bis 2017 sei für die Auswertung gewählt worden, weil die Handynutzung seit 2015 festgehalten werde, erläuterte der Pressesprecher Carsten Dehner.

Dass vermehrt Handys am Steuer bedient würden, obwohl viele moderne Fahrzeuge über Freisprechanlagen verfügen, liege vermutlich am geänderten Nutzungsverhalten: „Das Telefonieren ist nicht mehr so wichtig. Die meisten kommunzieren über Nachrichtendienste wie Whatsapp“, sagt Carsten Dehner.

Lesen Sie jetzt