In Barcelona hindern Einheiten der spanischen Nationalpolizei Menschen daran, zum Wahllokal zu gelangen. Vielerorts gelingt die Stimmabgabe dennoch. Separatisten stellen sich in Sant Julia de Ramis mit erhobenen Händen der Polizei entgegen. Foto: AP

Der Tag beginnt harmlos mit langen Schlangen vor den Wahllokalen. Doch dann versucht die spanische Polizei gewaltsam, die Abstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens zu verhindern. Hunderte werden verletzt.

Barcelona - Alte und Rollstuhlfahrer zuerst – die Inszenierung ist wichtig, hier werden Bilder für den Rest der Welt produziert. Also steht ganz vorne in der langen Schlange vor dem Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB), das heute als Wahllokal fungiert, María Rosa Coromina, eine reizende Dame von 90 Jahren. „90 Jahre und sehr gut in Schuss“, sagt sie. Es ist 9 Uhr am Sonntagmorgen. „Ich bin schon seit halb sieben hier“, erzählt Coromina. „Ich will die Erste sein, denn ich kenne eine Vergangenheit, in der niemand wählen durfte.“ Wie wird sie abstimmen? „Das sage ich niemandem, wie ich abstimmen werde. Aber ich werde mit Ja stimmen.“ Die Leute ringsum lachen.

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Es herrscht fröhliche Stimmung vor dem CCCB an diesem Morgen. Die spanische Regierung wollte dieses Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens verhindern, und jetzt sieht alles danach aus, dass es dennoch stattfinden wird. „Wer hat gesagt, dass es leicht werden würde?“, meint Xavi Capmany, ein Wahlhelfer von Òmnium Cultural, einer der Bürgerinitiativen, die seit Jahren für die Unabhängigkeit Kataloniens streiten. Jetzt kann er mit verhaltenem Stolz berichten, dass in einem Nebenraum gerade die Tische für die Abstimmung aufgestellt werden und daneben die Urnen. Das große Rätsel der vergangenen Tage: Wo waren die Urnen? Capmany sagt, er wisse nur so viel: „Heute Morgen um fünf sind sie hier vorbeigebracht worden, von Leuten von der Organisationsabteilung der Generalitat.“ Die Generalitat ist die katalanische Regionalregierung, die dieses Referendum vor Monaten ankündigte und seit dem 6. September unbeirrt von Verboten des spanischen Verfassungsgerichts vorantrieb.

Es beginnt alles in festlicher Stimmung

Morgens um sechs hatte es zu regnen begonnen. „Den Regen hat Rajoy bestellt“, sagt jemand in der Menge von vielleicht 200 Leuten vor der Sekundarschule Miquel Tarradell, ein paar Hundert Meter vom CCCB entfernt, im Altstadtviertel El Raval. Um sechs sollten eigentlich die Mossos vorbeikommen, Beamte der katalanischen Regionalpolizei, um dieses Wahllokal wie alle anderen gut 2300 Wahllokale in ganz Katalonien auf Anordnung des Oberen Katalanischen Gerichtshofes zu schließen.

Um die Schließung zu verhindern, hatten Nachbarn die Schule am Freitagabend besetzt. Mehr als 100 Schulen in ganz Katalonien sind besetzt worden. Es war ein festliches Wochenende in der Schule Miquel Tarradell, mit Musik und gemeinsamem Essen. Die Nacht auf Sonntag verbrachten mehr als 100 Leute im Schulgebäude, ziemlich aufgeregt, „an Schlaf war nicht zu denken“, erzählt die 30-jährige María, eine der Besetzerinnen. Zu denen drinnen haben sich am Morgen draußen noch Nachbarn gesellt, die jetzt still auf der Straße vor der Schule stehen und warten, was geschieht.

Die Mossos kommen um halb sieben in einem Streifenwagen vorbei, sie steigen aus, ziehen sich Westen über, während sie von den immer noch schweigenden Demonstranten beobachtet werden. Die stehen einfach da in der Dunkelheit unter Regenschirmen: eine dichte Menge, die die Mossos nicht durchlässt. Die Mossos bemühen sich auch nicht sehr, zur Eingangstür der Schule durchzukommen. Später sagt einer der Polizisten, ein großer, freundlicher Kerl: „Wir sind hier, um die ­öffentliche Ordnung sicherzustellen.“ Eigentlich war ihr Auftrag ein anderer. Aber sie denken nicht daran, etwas zu tun, um das Referendum noch zu verhindern.

Die Menschen üben sich in Geduld

Auch vor dem CCCB stehen vier Mossos, friedlich ins Gespräch vertieft, weit weg von der Schlange derer, die wählen wollen. Die Menschen wollen ins Wahllokal. Die Alten und die im Rollstuhl werden vorgelassen, auch die 90-jährige María Rosa Coromina bekommt einen Stuhl im Vestibül des Kulturzentrums angeboten. Aber eine Wahlhelferin gibt Anweisungen, dass der Großteil der Schlange draußen ausharren solle. An solchen Bildern von Schlangen Abstimmungswilliger ist den Separatisten gelegen. Die Abstimmung hat noch nicht begonnen, jemand bittet um „Geduld, Geduld, Geduld“. Es gibt Probleme mit dem Computerprogramm, mit dessen Hilfe sichergestellt werden soll, dass niemand doppelt abstimmt und dass niemand abstimmt, der gar nicht in Katalonien gemeldet ist.

Die Menschen üben sich in der erbetenen Geduld. Jemand erzählt, dass in anderen Wahllokalen gerade die spanische Nationalpolizei eingreife. Hier ist alles ruhig. „Wir waren sicher, dass wir es schaffen würden“, sagt der Wahlhelfer Capmany. „Die Polizei hat nicht die Fähigkeit, ganz Katalonien zu besetzen.“ Rund 10 000 Beamte waren aus dem Rest Spaniens nach Katalonien geschickt worden.

Die Gegner des Referndums in Katalonien melden sich selten zu Wort

Zu denen, die daran nichts auszusetzen haben, gehört der 44-jährige Julio Jolín. Gemeinsam mit mehreren Tausend Gleichgesinnten war er noch am Samstagabend durch die Innenstadt von Barcelona gezogen, um für die Einheit Spaniens und gegen das Referendum zu demonstrieren. Julio Jolín hatte sich eine spanische Flagge um die Schultern gelegt. „Ich werde nicht abstimmen gehen, das Verfassungsgericht hat das Referendum ausdrücklich verboten“, sagte Jolín. „Jetzt ist der Moment, auf die Straße zu gehen und laut für die Einheit Spaniens einzutreten.“

Viele Katalanen denken wie Jolín. Aber die wenigsten melden sich zu Wort. Dass die Guardia Civil in der vergangenen Woche 14 Mitarbeiter der Regionalregierung festgenommen hat, hat nun auch die Meinung vieler Unentschlossener zugunsten des Referendums kippen lassen. Die meisten wollen an diesem Sonntag abstimmen so wie María Rosa Coromina. Es ist halb elf, die technischen Probleme sind gelöst. Die 90-Jährige steckt den Wahlumschlag in die Urne. Sie strahlt, ein friedlicher, ein fröhlicher, ein festlicher Morgen.

Und plötzlich dumpfe Knallgeräusche

Und dann gehen plötzlich die ersten verstörenden Bilder durch die sozialen Netzwerke. Bilder von der Schule Ramón Llull, ein wenig außerhalb der Innenstadt. Hier sollen 20 Nationalpolizisten Wahlzettel und Urnen konfisziert haben. Die Videoaufnahmen zeigen die Beamten in der Straße auf dem Rückzug. Man hört dumpfe Knallgeräusche, offenbar zielen die Beamten mit Gummigeschossen auf die Menschen, die ihre Abstimmung retten möchten. Sie wollten passiven Widerstand üben, aber jetzt rennen sie hinter den Polizisten her, Absperrgitter fliegen durch die Luft. Wenig später sind Hubschrauber zu hören.

Am Samstagabend hatten sich die Menschen, egal wie sie über das Referendum dachten, einen friedlichen Sonntag gewünscht. Sie waren davon überzeugt, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen werde. Die wenigsten malten sich diese Szenen aus, von denen im Laufe des Sonntags immer mehr im Netz geteilt und dann auch im Fernsehen gezeigt werden: Bilder von Polizisten, die in einem Wahllokal Menschen eine Treppe hinunterschubsen, die eine Frau an den Haaren zerren, die einen auf dem Boden Sitzenden treten. Bilder von Demonstranten, die von Gummigeschossen und von Schlagstöcken getroffen wurden, die blutend auf der Straße sitzen.

Insgesamt sind bis zum späten Nachmittag 465 Personen verletzt worden

Insgesamt sind bis zum späten Nachmittag 465 Personen verwundet worden. Ein Sprecher der Regionalregierung sagte, einige seien ernsthaft verletzt. Einzelheiten wolle er mit Rücksicht auf Verwandte der Verletzten nicht nennen. Der für internationale Beziehungen zuständige Direktor der katalanischen Regionalregierung, Raul Romeva, kündigte am Nachmittag an, die spanische Zentralregierung bei den EU-Behörden wegen Menschenrechtsverletzungen zu verklagen. Das Innenministerium in Madrid teilte derweil mit, bei den Zusammenstößen seien zwölf Sicherheitsbeamte verletzt worden.

Trotz der Unruhen fand dann am späteren Nachmittag das Fußballspiel des FC Barcelona gegen UD Las Palmas statt – allerdings komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

In der Bilderflut dieses Tages ist es unmöglich, den Überblick zu bewahren. Ist die Polizei überall so brutal vorgegangen? Wurden die Beamten provoziert? Die Vizepräsidentin der spanischen Regierung, Soraya Sáenz de SantamMaría, lobt am Mittag auf einer Pressekonferenz die „Professionalität“ der spanischen Polizisten. Es klingt wie ein höhnischer Kommentar auf diese Bilder – Bilder, die bleiben werden von diesem Referendumssonntag in Katalonien.