Die ehemaligen Offizierswohnungen im Scharnhauser Park haben die Planer mit Punkthäusern ergänzt. Foto: Horst Rudel

Zeiten globaler Erhitzung fordert der Stadtplaner Michael Koch ein Umdenken bei Bebauungsplänen. Der Professor hat Umweltgutachten für den Scharnhauser Park erstellt.

Städtebau muss sich an den Klimawandel anpassen. Das war die zentrale These von Professor Michael Koch. Beim kommunalpolitischen Abend der Freien Wähler in Ostfildern referierte er über klimafreundlichen Städtebau. Mit Blick auf das Stadtentwicklungskonzept, an dem die Stadt Ostfildern zurzeit arbeitet, sieht Stadträtin Corina Raisch an vielen Stellen die Notwendigkeit umzudenken. Koch gibt im Interview Ratschläge fürs klimafreundliche Bauen.

 

Herr Koch, Sie waren in den 90er Jahren Gutachter für den Scharnhauser Park, der auf dem Areal der US-Streitkräfte entstand. Was waren Ihre Aufgaben?

Bei der Entwicklung des neuen Stadtteils war ich einer der Gutachter, die das Projekt aus ökologischer Sicht beurteilt haben. Damals hat die Stadt die Chance genutzt, neuen Wohnraum zu schaffen. Altbürgermeister Rainer Lechner hat alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um nachhaltige Konzepte zu entwickeln und Fördergelder zu bekommen. Die Chance lag darin, durch die Aufsiedlung von 10 000 Menschen den Anschluss von Ostfildern an die Stadtbahn zu bekommen. Das war ein wichtiger Baustein für eine ökologische Stadtentwicklung. Mit dem Holzhackschnitzelwerk hat man ein Nahwärmenetz mit erneuerbaren Energien geschaffen. Bauschutt, der beim Abriss der Militärgebäude entstand, wurde getrennt, gereinigt und wiederverwendet – etwa zur Modellierung des Areals bei den Sportplätzen.

Der Scharnhauser Park ist ein Beispiel für verdichteten Wohnbau. Allerdings ist der Stadtteil von Grünflächen durchzogen. Welchen Stellenwert haben sie?

Jeder Stadtteil Ostfilderns ist eingebunden in die grüne Landschaft. Auch innerorts gibt es Grünflächen wie etwa die Grüne Mitte in Ruit. Im Scharnhauser Park war die Landschaftstreppe Teil der Pläne. Zunächst hat sich mir deren Nutzen nicht erschlossen – außer, dass man einen schönen Blick auf die Schwäbische Alb hat. Dann kam der Überlinger Wasserplaner Herbert Dreiseitl auf die Idee, dass wir die Treppe als Regenrückhalt nutzen. Die Stufen füllen sich bei Starkregen nacheinander mit Wasser, damit nicht so etwas passiert wie im Ahrtal. Das war vorausschauend. Damals war die Klimakatastrophe noch nicht so im Fokus wie heute.

Der Trend geht zum mehrgeschossigen Wohnungsbau. Das ist schwer mit Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Wie klappt das im Scharnhauser Park?

Wie ich finde, ist das im Scharnhauser Park sehr gut gelungen. Es ist nicht so eine Großsiedlung, wie man sie im Märkischen Viertel in Berlin geschaffen hat. Da hat es eine soziale Segregation gegeben. Der Ostfilderner Stadtteil ist geprägt vom Bevölkerungsmix. Es gibt Reihenhäuser, die wegen kleiner Grundstücke erschwinglich waren. Wer Mietwohnungsbau wollte, ist in die mehrgeschossigen Gebäude gezogen. Die soziale Durchmischung war wichtig, gerade bei der Nutzung der ehemaligen Offizierswohnungen, die saniert und durch Neubauten in Form von Punkthäusern ergänzt wurden.

Vielen Kommunen fehlt Geld für klimafreundliche Stadtentwicklung. Wie ließe sich das steuern?

Das kommt auf den Einzelfall an. Wenn eine Kommune finanziell klamm ist, wird sie versuchen, möglichst viel Fläche eines Baugebietes zu verkaufen. In Degerloch haben wir ein interessantes Gewerbegebiet. Da hat man beim Bebauungsplan darauf geachtet, dass es auch Straßenbäume gibt. In Zeiten der globalen Erhitzung ist die Verschattung ein zentrales Thema. Beim Klimawandel geht es nicht nur darum, Emissionen zu vermeiden, Energie zu sparen und erneuerbare Energien effizient zu nutzen. Es ist wichtig, sich anzupassen. Das zeigen die Wetterdaten, die ich vom Stuttgarter Flughafen bekommen habe. Zwischen 1961 und 1990 gab es im jährlichen Durchschnitt 3,8 Hitzetage mit über 30°C. Im Jahr 2023 hat der Flughafen 16 Hitzetage gehabt. Der Klimawandel ist längst da. Da sind alte und kranke Menschen gefährdet, aber auch Kinder. Grün, Grün, Grün – das ist unsere zentrale Aufgabe.

Was können Hausbauer da umsetzen?

Wer einen Garten oder ein Flachdach hat, kann diese intensiv begrünen. Das habe ich in meinem Haus umgesetzt. Ich habe Rosen, Katzenminze und Lavendel auf dem Dach. Da fühlt sich unsere Schildkröte wohl. Man braucht mehr Boden und eine tragfähige Unterkonstruktion. Es gibt weniger anspruchsvolle Pflanzen für extensive Dachbegrünung – etwa Sedum-Arten wie Fetthenne oder Mauerpfeffer.

Was sind große Zukunftsaufgaben?

Neben der Verschattung und der Begrünung ist die Durchlüftung von Wohngebieten wichtig. In Ostfildern sind die Gewerbegebiete ein Problem. Da sind Freiflächen weitgehend versiegelt, es fehlt an Dachbegrünungen. Wichtig ist der Wasserrückhalt. Wir werden künftig im Juni, Juli und August kaum Regen haben. Zugleich sollten aber Bäume gepflanzt werden, die viel Wasser brauchen. Da gibt es effektive Systeme, um das Wasser, das im Winter als Niederschlag fällt, zu speichern. Das ist nicht nur gut für die Umwelt – es spart Geld. Durch die Dachbegrünung und eine Zisterne zahle ich weniger Abwassergebühr.

Gibt es Instrumente, um Menschen zum klimafreundlichen Bauen zu bewegen?

Das kann man bei Neubaugebieten in den Bebauungsplänen regeln. An der Universität Kaiserslautern bin ich als Professor an der Ausbildung junger Stadtplaner beteiligt. Die lernen, wie man solche Konzepte entwickelt. Das Problem ist die Ökologisierung des Bestands. Da wurde in der Vergangenheit sehr viel falsch gemacht. Da liegen große Aufgaben vor uns. Mit Förderprogrammen können die Kommunen finanzielle Anreize schaffen, viele tun das bereits.

Wo sehen Sie in Ostfildern Potenzial?

Mögliche Bauflächen für die Umnutzung und Verdichtung des Bestandes oder die Ausweisung von Neubaugebieten sehe ich im Einzugsbereich der Stadtbahn. Das bietet den Menschen die Möglichkeit, bequem vom eigenen Auto auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Das Thema Bauen darf nicht getrennt von der Mobilität betrachtet werden. So kann jeder etwas zum Klimaschutz beitragen und seinen ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten.

Biografisches

Zur Person
 Michael Koch studierte Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Dort promovierte er auch. Der Ingenieur wurde 2009 zum Honorarprofessor an der Technischen Universität in Kaiserslautern bestellt.

Schwerpunkt
 Der Stuttgarter Stadtplaner und Umweltgutachter vertritt an der Hochschule das Lehr- und Forschungsgebiet „Umweltprüfung“ im Fachbereich Raum- und Umweltplanung. Er ist seit 25 Jahren in der Lehre tätig.