Peter Hauk verlangt Aufklärung über den Einfluss der Gülen-Bewegung Foto: dpa

Stehen private Schulen in Deutschland unter dem  Einfluss des islamischen Predigers  Fethullah Gülen? Die Ludwigsburger Gauß-Schule weist entsprechende  Vorwürfe zurück.  Die oppositionelle CDU verlangt Aufklärung.

Stehen private Schulen in Deutschland unter dem  Einfluss des islamischen Predigers  Fethullah Gülen? Die Ludwigsburger Gauß-Schule weist entsprechende  Vorwürfe zurück.  Die oppositionelle CDU verlangt Aufklärung.

Stuttgart/Istanbul - Als Privatmann teile er einige Werte mit Fethullah Gülen, sagt Hakan Cakar. „Insbesondere den Gedanken, durch Bildung die Chancen aller auf soziale Teilhabe zu verbessern und Integration zu unterstützen.“ Die Gülen-Bewegung spiele jedoch weder im Schulalltag noch im pädagogischen Konzept der Gauß-Schule in Ludwigsburg eine Rolle. „Wie jede staatlich anerkannte Schule folgen unsere Lehrpläne strikt den Vorgaben der Behörden.“

CDU-Fraktionschef Peter Hauk hat da Zweifel. Der Oppositionsführer im Stuttgarter Landtag verlangt Aufklärung über den Einfluss der Gülen-Bewegung auf Bildungseinrichtungen im Südwesten. Aufgeschreckt hatte ihn Berichte von „Spiegel“ und „Report Mainz“, wonach der Verfassungsschutz in einem internen Papier bezweifele, dass die Gemeinde des islamischen Predigers Gülen auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehe.

Cakar, Geschäftsführer der Carl-Friedrich-Gauß-Schule, steht derzeit im Rampenlicht. Eltern werfen der früheren Schulleitung vor, nicht eingegriffen zu haben, als nichtmuslimische Schülerinnen gemobbt worden seien. Cakar weist das zurück. Von dem Vorfall im Sommer 2013 habe die Schule erst über Medien erfahren. Sofort seien Gespräche geführt und eine interne Untersuchung eingeleitet worden, betont er. „Allerdings konnte vom Schulpersonal niemand etwas bestätigen“. Deshalb sei nicht auszuschließen, „dass falsche Behauptungen aufgestellt wurden – wobei wir uns nicht erklären können, welchen Hintergrund diese haben sollten.“

Auch Kritik an religiöser Beeinflussung der Schüler sei unberechtigt, sagt Cakar. „Es gibt weder während des regulären Unterrichts noch am Wochenende Islamunterricht oder andere religiöse Kurse.“ Die Schule unterrichte Ethik nach den Bildungsplänen des Landes Baden-Württemberg. „Unser erklärtes Ziel ist es, Schülern den Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu erleichtern und sie auf die Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft vorzubereiten.“

Vor sieben Jahren riefen türkische Einwanderer die private Realschule ins Leben, vor kurzem erhielt das Gymnasium die staatliche Anerkennung – mit einer Auflage: weitere staatlich geprüfte Lehrer einzustellen. An den vorgeschriebenen zwei Dritteln fehlten noch zwei bis drei Prozent, sagt Robert Hamm, Sprecher im Regierungspräsidium. Auch einige Beschwerden über die Schule seien eingegangen – bei Unterrichtsbesuchen hätten sich die Vorhaltungen jedoch nicht bestätigt.

Die Landesbehörden tun sich schwer im Umgang mit der Gülen-Bewegung. Es gebe keine „ausreichenden Anhaltspunkte für eine verfassungsfeindliche Ausrichtung“, heißt es beim Landesamt für Verfassungsschutz, deshalb stehe sie nicht unter Beobachtung. Allerdings zeige sich ein türkischer Nationalismus in „seriösem Gewand– mit islamischen und islamistischen Komponenten.“ Auch seien Gülens Lehren teilweise unvereinbar mit den Prinzipien von Gewaltenteilung und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Verfassungsschützer schätzen, dass im Südwesten 40 bis 60 Bildungseinrichtungen wie private Grundschulen und Gymnasien sowie Nachhilfe-Institute von der Gülen-Bewegung unterstützt werden. Deutschlandweit sollen es rund 300 Einrichtungen sein.

Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) an der Eröffnung der neuen Bil-Privatschule vor einem Jahr in Stuttgart teilnahm, blieb Integrationsministerin Bilkay Öney fern. „Die Fethullah-Gülen-Bewegung sollte durch mehr Transparenz bestehenden Befürchtungen entgegenwirken“, sagt die SPD-Politikerin. Nötig sei „ein vertiefter Dialog mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen und eine für die Öffentlichkeit nachvollziehbare Darstellung von Geschichte, Strukturen und Finanzbeziehungen.“

Von seinen Anhängern wird der 72-jährige Gülen als Vertreter eines friedlichen und fortschrittlichen Islam gefeiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre galten die Gülen-Schulen in Zentralasien als Speerspitze eines erhofften türkischen Einflusses dort. Gülen wurde in Ankara hofiert. Doch gegen Ende des Jahrzehnts kam der Verdacht auf, er plane einen islamistischen Umsturz. Gülen floh in die USA und ist bis heute nicht in die Türkei zurückgekehrt. Vom Bundesstaat Pennsylvania aus lenkt Gülen seine weltweit tätige Hizmet-(Dienst)Bewegung und wendet sich mit regelmäßig via Internet an seine Anhänger.

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