Elektromobilität, Brennstoffzellenantriebe, Digitalisierung – Ministerpräsident Kretschmann will Baden-Württemberg mit dem Strategiedialog zur Modellregion machen. Die EU-Klimapläne lösen bei Daimler und Bosch bisher keine Krisenstimmung aus.
Stuttgart - Vor drei Jahren hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) den Strategiedialog Automobilwirtschaft gestartet. Das Ziel: Politiker, Manager, Wissenschaftler, Gewerkschafter und Umweltschützer sollten gemeinsam den besten Weg für die epochale Transformation dieser baden-württembergischen Schlüsselbranche hin zur Elektromobilität und Digitalisierung finden. Die Landesregierung wollte Hinweise erhalten, wie sie die Branche bei diesem Wandel am besten unterstützen kann.
Die Zwischenbilanz etwa zur Halbzeit dieses auf sieben Jahre angelegten Projekts fiel in einer Pressekonferenz fast rundum positiv aus. Keine Spur von Krisenstimmung, obwohl die Herausforderungen nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie und Plänen der EU-Kommission, die Klimaziele zu verschärfen noch gewachsen sind.
Daimler und Bosch halten sich bedeckt zu weiteren Kürzungsplänen
Sowohl Daimler-Chef Ola Källenius, als auch Bosch-Chef Volkmar Denner hielten sich bedeckt nach der Ankündigung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dass die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gesenkt werden sollen, was zur Folge haben dürfte, dass die Autobauer noch schneller noch mehr Fahrzeuge mit alternativen Antrieben auf die Straße bringen müssen, die höhere Kosten haben, weniger Beschäftigung und weniger Gewinn bringen als Verbrenner. Werden nun die Sparprogramme verschärft?
Es sei viel zu früh, zu bewerten, welche Auswirkungen dieser Vorschlag habe, sagte Daimler-Chef Källenius. Die konkreten Entscheidungen treffen die Mitgliedstaaten und das EU-Parlament. Bisher strebt die EU eine Verringerung der klimaschädlichen CO2-Emissionen bis 2030 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 an. Källenius erinnerte daran, dass Daimler den Hebel in Richtung Elektromobilität und CO2-Neutralität umgelegt habe. Das sei eine strategische Säule.
Bosch-Chef Denner fordert, dass synthetische Kraftstoffe beim Klimaziel angerechnet werden
Auch Bosch-Chef Denner äußerte sich nicht zur Frage, welche Konsequenzen es beim größten Zulieferer der Welt hätte, wenn der Vorschlag der EU-Kommissionspräsidentin in schärfere Vorgaben für die Autobranche umgesetzt würde. Denner formulierte diplomatisch, dass das Dreieck aus Ökologie, Ökonomie und sozialen Aspekte besser ausbalanciert werden müsse. Derzeit beobachte er eine stärke Überbetonung des ökologischen Aspekts. Dies sei angesichts des Klimawandels nachvollziehbar. Die Klimaziele seien jedoch nur mit einer starken Industrie und Menschen, die Arbeit haben, zu erreichen.
Denner forderte, dass synthetische Kraftstoffe bei den Flottenzielen der Autobauer angerechnet werden müssten, damit es einen Anreiz gebe, solche erneuerbaren Kraftstoffe herzustellen. Ohne solche Kraftstoffe würde es extrem schwierig, noch schärfere Klimaziele zu erreichen, sagte der Bosch-Chef und wiederholte sein Plädoyer für den Verbrenner. „Wir müssen aufhören, den Verbrenner in die Schmuddelecke zu stellen“, so Denner.
BUND-Landeschefin Dahlbender fordert weniger und kleinere Autos
Bei der Bewertung der bisherigen Ergebnisse des Strategiedialogs zeigte nur Brigitte Dahlbender, die Landesvorsitzende der Umweltorganisation BUND, eine gewisse Unzufriedenheit. Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern, so Dahlbender, hätten gezeigt, dass es nicht ausreiche, neue Antriebe zu entwickeln. Vielmehr brauche man eine ganz neue Mobilität, weniger und auch kleinere Autos. Darüber müsste in den kommenden Jahren im Strategiedialog intensiver geredet werden. Dahlbender begrüßte die angekündigte Verschärfung der Klimaziele.
Ministerpräsident Kretschmann klang dagegen ganz anders: „Wir haben Baden-Württemberg zum Musterland der Elektrifizierung gemacht“, hob Kretschmann mit Blick auf den flächendeckenden Ausbau des Ladenetzes für Elektroautos im Südwesten hervor. In den kommenden Jahren werde Baden-Württemberg nun auch zu einer Modellregion für Wasserstoff sowie zu einer europäischen Leitregion für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Es müsse das Ziel sein, dass auch die Autos der Zukunft in Baden-Württemberg vom Band laufen, Arbeitsplätze gesichert und neue Stellen geschaffen würden. Derzeit läuft die Entwicklung allerdings in die entgegengesetzte Richtung, wie die Hiobsbotschaften von Zulieferern wie zuletzt Mahle über einen Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen zeigen.
IG Metall-Bezirksleiter Zitzelsberger: Mehr Weiterbildung für neue Qualifikationen
Roman Zitzelsberger, der Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg, kritisierte die Streichung von Arbeitsplätzen, wies aber zugleich darauf hin, dass es bei den Unternehmen sehr unterschiedliche Wege gebe, wie man mit dem Einbruch der Nachfrage und dem Umbruch der Branche umgehe. Es gebe viele positive Beispiele, indem etwa Kurzarbeit genutzt oder die Arbeitszeit vorübergehend verkürzt werde.
Diesen Weg einer Verkürzung der Arbeitszeit gehen beispielsweise Daimler und Bosch. „Wir brauchen ein intelligentes Arbeitszeitmanagement“, forderte Zitzelsberger. Die Zeit der Unterbeschäftigung müsse genutzt werden, um die Mitarbeiter weiterzubilden. In der ersten Phase der Covid-Pandemie, als viele Fabriken geschlossen waren, sei dies zu wenig geschehen.