Ulrich Tukur (li.) und seine Rhythmus Boys Foto: promo

Am Schluss erklingt das Sehnsuchtslied „La Paloma“, doch bis dahin ist das Publikum im Stuttgarter Theaterhaus in knapp drei Stunden bestens unterhalten worden von Ulrich Tukur und seinen Rhythmus Boys.

Stuttgart – Als nach dem Konzert von Ulrich Tukur und den Rhythmus Boys die Leute den großen Saal des Theaterhauses verlassen, sieht man in lauter lachende Gesichter. Die Menschen sind soeben knapp drei Stunden blendend unterhalten worden und bester Stimmung.

So hatte es begonnen. Ulrich Tukur setzt sich in seinem tadellosen, altmodisch weit geschneiderten Anzug, rotem Schlips und zweifarbigem Schuhwerk an den Flügel und spielt mit leichter Hand „Let’s Misbe­have“, den Titelsong. Es ist – wie viele der folgenden Nummern – eine elegante Komposition des steinreichen Musicalkomponisten Cole Porter. Da betritt mit anmutigem Tippelschritt eine gut gepolsterte Mamsell die Bühne, ihr folgt ein kopfloser Riese und – im Stil einer ­Burlesquetänzerin – mit artigen Ballettsprüngen ein sehr kleiner Mann im ­Tuturöckchen. Mehrstimmig singen sie den Refrain, bevor sie zu ihren Instrumenten eilen, zu E-Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug.

„Die schönste Tanzkapelle westlich des Urans“, sagt Tukur und hält mit näselndem Tonfall und astreinem Oxford English eine Verteidigungsrede des schlechten Benimms. Tukur, ein Genussmensch, preist die hohe Kunst des Kompromisses, hält aber ansonsten wenig von Regeln. Er pocht lieber auf das Recht auf Rausch. Die Band spielt elastisch swingend „Puttin’ On The Ritz“ von Irvin Berlin, „Miss Otis Regrets“ und viele andere Songs aus dem klassischen Zeitalter des Jazz, den Roaring Twenties.

Tukur würzt die Show mit witzigen Anekdoten

Es ist bemerkenswert, wie federleicht swingend, lebensbejahend und humorvoll die US-Musik während der Wirtschaftskrise, zwischen den Weltkriegen klingt. Tukur und seine sehr gut eingespielten Rhythmus Boys interpretieren sie gelöst und locker. Die Arrangements sind originell, Tukur singt mit heller, leicht näselnder Stimme, wie man sie von Schellackplatten kennt, und spielt ausgezeichnet Klavier. Seine Ansagen, in die er kleine Hänger und Versprecher einbaut – vielleicht um noch sympathischer und menschlicher zu wirken –, sind gespickt mit Geschichten und Gedichten. Eins ist vom breit hessisch sprechenden Goethe, ein anderes sehr deftiges über eine hässliche Frau. Tukur würzt die Show mit witzigen Anekdoten, überraschend gesetzten Pointen und einer Messerspitze Ironie. Er wechselt vom britischen zum amerikanischen Englisch, parliert Französisch, Deutsch und akzentfrei Schwäbisch. Schließlich ist er ja ein Nachfahre von Gustav Schwab und hat in Tübingen einige wilde Jahre durchlebt.

Während sich hoch oben eine Discokugel träge im Rumba-Rhythmus dreht und einen funkelnden Sternenhimmel liefert, ertönt „Beguin The Begin“, ein anderer Musical-Hit Porters aus dem Great American Songbook. Nach „Georgia“ und einer Wasserpistolenattacke der vier übermütigen Herren, nach Gershwins „Shall We Dance“ aus einem Film mit Ginger Rogers und Fred ­Astaire wird das völlig hingerissene Publikum von einer Kraftwerk-Parodie mit ­Fliegenklatscheneinlagen überrascht.

„Die Zeit vergeht, auch wenn der Zeiger steht“, heißt es dann. Das Konzertende kündigt sich an. Tukurs Akkordeon klingt tief wie ein Schiffshorn, der Gitarrist imitiert Möwengeschrei, das alte Sehnsuchtslied „La Paloma“ ertönt, und Nebelschwaden senken sich im fahlen Scheinwerferlicht auf die dunkle Bühne.

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