Annette Ficht (links) trug einst Größe 54. Annika Heiss war lange zu dünn und musste sich die Kilos erkämpfen. Foto: Susan Jörges/Jonas Scherm

Annette Ficht aus Offenburg wog 135 Kilogramm und quälte sich von Diät zu Diät. Annika Heiss aus dem Raum Stuttgart versuchte lange Zeit zuzunehmen. Die Gemeinsamkeit: Das Gewicht bestimmte ihr Selbstbewusstsein. Was beiden geholfen hat.

Schönheit lässt sich nicht anhand einer Zahl auf der Waage messen. Dennoch ist das Streben nach einem Idealgewicht und einer schlanken, sportiven Figur in der Gesellschaft verankert. Das hat auch gesundheitliche Gründe. Zwei Frauen erzählen, wie sie zu ihrem Körper stehen, was Fremdwahrnehmung mit ihrem Selbstbewusstsein gemacht hat und mit welcher Ernährung sie erfolgreich waren.

 

Annette Ficht aus Offenburg – 60 Kilo in 18 Monaten

Jeden Tag sammelt Annette Ficht mindestens 10.000 Schritte auf den Hunderunden. Foto: Susan Jörges

Früher war hier Schluss. Einmal den Feldweg hinter dem Haus hoch, dann ging die Puste aus und Annette Ficht musste umkehren. Mit 135 Kilogramm war Bewegung beschwerlich für die 44-Jährige.

Ein Leben ohne Übergewicht kennt Annette Ficht aus Offenburg nicht. Das Mittagessen in ihrer Kindheit ist immer reichhaltig. Es gibt Hausmannskost, Gulasch mit buttrigen Spätzle, in reichlich Fett gebratene Omelettes. In ihrer Jugend gibt Ficht ihr Taschengeld für Süßigkeiten aus oder geht mit ihren Freundinnen zum Bäcker und kauft süße Stücke. „Einen maßvollen Umgang mit Essen kannte ich nicht. Ich wusste nicht, was gesunde Ernährung bedeutet“, sagt die 44-Jährige. Mit 15 Jahren wog sie 80 Kilo, mit 24 Jahren 115 Kilo. Ficht hat vier Kinder. Bei jeder Schwangerschaft blieben weitere Kilos zurück. Nach dem vierten Kind zeigte die Waage 135 Kilo an, Kleidergröße 54 hängt im Schrank.

Der Jojo-Effekt war vorprogrammiert

Ficht zieht einen Stapel mit Kochbüchern aus dem Regal. „Abnehmen mit Trennkost“, „Die Kohl-Diät“, oder „100 Rezepte zum Abnehmen mit Weight Watchers“ steht auf dem Buchcovern – zahllose Diäten hat Ficht ausprobiert, um Kilos zu verlieren. Dass Ficht nach der Diät wieder zu ihren Ernährungsgewohnheiten zurückkehrte, verzieh die Waage nicht.

Ficht war ihr Übergewicht unangenehm. Schon in der Schule wurde sie dafür gehänselt. An Festen im Dorf oder Kindergarten nahm sie zwar teil, „aber ich habe mich nicht aktiv eingebracht“, sagt Ficht. Statt abends mit Freundinnen wegzugehen, blieb sie lieber daheim. Im Herbst 2021 sah Ficht sich im Spiegel an. „Ich mochte meinen Körper nicht und fühlte mich unwohl“, sagt Ficht, für die ihre Familie immer an erster Stelle steht. Über Instagram wird sie auf „Köppel und Eggs“, ein Duo aus einem Ernährungs- und Fitnessberater aus Offenburg, aufmerksam und meldet sich für die digitalen Coachings im Gruppen- und Einzelformat an. Der Austausch mit Menschen, die vor derselben Herausforderung stehen wie sie selbst, motiviert Ficht. Diesmal sollen die Kilos langfristig schmelzen.

Sie geht mit mehr Leichtigkeit durchs Leben

Ernährungsmythen, Diätprogramme und Kalorientabellen werden umgeworfen, Lightprodukte aus dem Kühlschrank verbannt und vorwiegend unverarbeitete Produkte in den Speiseplan integriert. Mit einer dazugehörigen App lernt sie, in jedem Gericht Eiweiße mit guten Fetten und vollwertigen Kohlenhydraten zu kombinieren, die lange satt machen. Sie bekommt Rezeptideen und Feedback für ihren selbsterstellten Speiseplan. Jeden Morgen gibt es Quark mit Haferflocken, mittags ein warmes Gericht, das der ganzen Familie schmeckt: Fisch mit Quinoa und Gemüse, Vollkornnudeln mit Spinat, Tomaten und Feta, Linsencurry oder eine Rote Bete Pizza. Auch ein Stück Kuchen darf es trotz der Umstellung ab und an geben. Nach drei Monaten zeigt die Waage weniger als 100 Kilo an.

Im Sommer 2023 marschiert Ficht mit Familienhündin Emma an der Feldgabelung vorbei, an der Sie früher umgedreht hätte. Auf Elternabenden bringt sie sich jetzt aktiv ein und auf dem Fest zum 900-Jahr-Dorfjubiläum wird sie beim Verkauf helfen. Am Nachmittag wollen sie im benachbarten Frankreich eine kleine Runde wandern gehen, in den Sommerferien wird Ficht mit ihren Kindern ins Freibad gehen. „Putzen, Fahrrad fahren, spazieren gehen, alles in meinem Alltag ist leichter geworden“, sagt Ficht. 78 Kilo zeigt Fichts Waage jetzt an – fast 60 Kilo weniger als vor eineinhalb Jahren.

Die Familie zieht mit

Die gelbe Jacke, die sie im Winter gekauft hat, oder die Jeans in Größe 46, ist ihr schon wieder zu groß geworden. Die gedehnte Haut an den Oberarmen wackelt leicht, ebenso die Innenschenkel. Ficht geht jetzt neben ihren täglichen Märschen mit ihrer Hündin jede Woche zum Pilates oder absolviert 20-minütige Fitness-Videos, um die Muskulatur zu stärken.

Fichts Mann Heiko und Sohn Keanu stellen zwei große Einkaufskörbe gefüllt mit Bananen, Salat, Avocado, Quark und Gemüse auf den Küchentisch. Der Vorrat wird für die sechsköpfige Familie drei Tage reichen. Auch Heiko Ficht nimmt nun am Coachingprogramm teil und will 15 Kilo verlieren. In den Live-Coachings setzt sich seine Frau immer mal wieder dazu. „Vielleicht kann ich ja doch noch etwas Neues lernen“, sagt Ficht motiviert.

Annika Heiss aus Aidlingen – sie sei zu dünn, sagten andere

Heiss Morgenroutine: Frische Luft und Mobilitätstraining Foto: Annika Heiss

Annika Heiss wünschte sich lange Zeit, dass sich der Zeiger der Waage endlich mit dem Uhrzeigersinn bewegt. Während rund 46 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer in Deutschland übergewichtig sind, war Heiss Ziel ein anderes: Zunehmen, weil sie sich in ihrem dünnen Körper nicht wohl fühlte. Erst kürzlich hat die 25-Jährige aus Aidlingen bei Böblingen in einer Schublade ein Bild von ihrem Abschlussball der Tanzschule gefunden. Auf dem Rücken der damals 15-Jährigen zeichnen sich die Knochen leicht ab, ihre Arme und Beine sind dünn. In ihrem jüngeren Ich erkennt sie sich kaum wieder.

Als Heiss ein Kind war, machte sie sich keine Gedanken über ihr Aussehen, ihr Gewicht und ihren Körper. Sie spielte Fußball und ging Tanzen, Bewegung war immer Teil ihres Lebens. Das Urteil, dass sie zu dünn sei, haben andere für sie getroffen. Sie sei zerbrechlich und schwach, sagte ihr Großvater zwar liebevoll, aber dennoch in wertendem Ton in ihrer Kindheit und Jugend zu ihr. Ein Satz, der Heiss jedenfalls bis heute in Erinnerung blieb. Für den Bruder einer Freundin sei sie nicht „die Anni“, sondern „die Dünne“ gewesen. „Viele haben mich belächelt für meine Figur und mir schwere Sachen abgenommen“, erinnert sich Heiss.

Im Fitnessstudio schwächelt sie anfangs

Annika Heiss liebt es, Dinge zu ordnen und zu dokumentieren. Mit zwölf Jahren beginnt sie, ein Ernährungstagebuch zu führen. Sie schreibt auf, was sie isst. Und wie viel sie wiegt. Dass sie tatsächlich schwächer ist als andere, merkt Heiss mit 16 Jahren. Durch die Mittagsschule können sie und ihre Freundinnen Sportkurse nicht mehr besuchen, also melden sie sich im Fitnessstudio an. Ihre Freundinnen können deutlich mehr Gewichte stemmen als Heiss. Zwischen den Kraftsportlern fühlt sie sich unwohl, genauso wie im Bikini am Strand. Ihr Ziel: Zunehmen und Muskulatur aufbauen.

Doch wie man nachhaltig und gesund zunimmt, wusste Heiss nicht. „Ich hatte wenig Ahnung von Nährstoffen, Kalorien und meinem Grundumsatz, in der Schule lernt man das ja auch nicht“, sagt die 25-Jährige. Morgens gab es Toast mit Marmelade – ein nährstoffarmes Frühstück mit viel Zucker, weiß Heiss heute. Mittags kochte ihre Mutter, „meist ein kohlenhydratreiches Nudel- oder Reisgericht mit wenig Proteinen“, und abends gab es oft die Reste des Mittagessens.

Fettröllchen statt Muskeln

Heiss fängt an, mehr von dem Altbekannten zu essen. Und sie ist auf Youtube unterwegs, schaut Dokumentationen zu Muskelaufbau und Ernährung und folgt Fitnessinfluencern. Manche glorifizieren die vegetarische oder vegane Ernährung, andere raten zu massenhaft Proteinen. „Jeder hat etwas anderes gesagt, ich war sehr verunsichert“, sagt Heiss. Sie isst viele einfache Kohlenhydrate und trinkt Shakes aus Quark, Bananen, Milch und Haferflocken – auch wenn sie keinen Hunger hat. „Hochwertige Fette, Mineralstoffe und Ballaststoffe spielten keine Rolle, es ging vor allem um einen Kalorienüberschuss“, erinnert sich Heiss. Die Folge: Ein Blähbauch und kleine Fettröllchen am Bauch.

Neben Youtube-Videos zieht Heiss fortan Bücher von Sportlern und Ernährungsmedizinern heran. Je mehr sie liest, desto mehr reflektiert sie, was dort gesagt wird. Sie versteht, welche Nährstoffe ihr Körper braucht und was diese im Körper bewirken. Jedes Gerichte unterliegt einem losen Bauplan: Hochwertige Proteine, etwa Eier, Fisch, Fleisch oder Tempeh werden kombiniert mit komplexen Kohlenhydraten wie Hülsenfrüchten oder Süßkartoffeln. Dazu Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe aus Gemüse. Zu jeder Mahlzeit gehören Fette aus Avocado, Nüssen, Oliven- oder Leinöl. Ihr natürliches Hunger- und Sättigungsgefühl kommt zurück. Und sie baut Muskulatur auf.

Pausen und Pizza sind okay

Acht Kilo mehr also noch vor zehn Jahren zeigt die Waage heute an. Heiss fühlt sich stärker und selbstbewusster als früher. Das sei, was zählt. Was sie zwischendrin verlernt hatte: Sich nicht fertig zu machen wegen einer ungesünderen Mahlzeit. Sich Sportpausen ohne schlechtes Gewissen zu gönnen. Und dass Urlaube mit Pizza statt Krafttraining erlaubt sind. Auf ihr anfängliches Kalorienzählen und Wiegen blickt sie heute kritisch zurück. „Das kann auch krankhaft werden, ich bin froh, den richtigen Umgang mit Ernährung gefunden zu haben“, sagt Heiss heute. Bei Familienfeiern hat sie den Mut, ein Stück Kuchen abzulehnen – und die Leichtigkeit, es zu essen, wenn sie Lust darauf hat. Auf die Waage stellt sich die 25-Jährige nur noch unregelmäßig.

Ihr Wissen und ihre Erfahrungen gibt Heiss weiter. Sie hat mehrere Aus- und Fortbildungen im Bereich Ernährung, Fitness und Gesundheit gemacht und im Jahr 2021 „Letsdofit“ gegründet. Heute gibt sie Menschen Orientierung im Ernährungsdschungel. Jene, die zu ihr kommen, wollen zwar nicht zu-, sondern meistens abnehmen. Beide Situationen seien jedoch vergleichbar: „Das Ziel ist, sich gesund und fit in seinem Körper zu fühlen“, sagt Heiss. Und zwar durch Gewohnheiten, die praktikabel für das ganze Leben sind.