Der Inhalt dieser auf Facebook veröffentlichten Nachricht stimmt in mehreren Punkten nicht. Es hat aber tatsächlich einen Übergriff gegen einen jungen Mann gegeben. Foto: AP/Grafik: MZ

Der Vorsitzende der Oberstenfelder CDU, Wolfgang Streufert, behauptet im Netz, fünf Syrer hätten grundlos einen jungen Mann überfallen und verletzt. Polizei und Presse würden das verheimlichen. Doch die Realität ist eine völlig andere.

Oberstenfeld - Wolfgang Streufert wettert auf Facebook regelmäßig gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit seinem jüngsten Angriff hat der Vorsitzende der CDU-Gemeinderatsfraktion und stellvertretende Bürgermeister von Oberstenfeld allerdings in jeder Hinsicht danebengelegen – und muss nun persönliche Konsequenzen fürchten.

In einem Post in dem sozialen Netzwerk schilderte er vor wenigen Tagen, dass fünf Syrer in Oberstenfeld einen jungen Mann „niedergestochen“ hätten. Zwei der Angreifer sollen in Oberstenfeld wohnen, schreibt Streufert auf seinem privaten Account weiter. Aufgrund der Angaben des Opfers „konnten die Flüchtlinge in der Unterkunft festgemacht werden“.

Eine glatte Falschdarstellung, wie sich nun herausgestellt hat. Und eine Meldung, die auf Facebook neben Widerspruch auch Beunruhigung auslöste.

Es gab einen Überfall – doch der Rest des Posts ist falsch

Tatsächlich ist am Abend des 21. Juni ein 25-Jähriger in der Sulzbacher Straße in Oberstenfeld gegen 23 Uhr von vier bis fünf Männern „grundlos angegriffen, geschlagen und getreten“ worden, wie Peter Widenhorn, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, auf Nachfrage mitteilt. Das Opfer habe kleinere Schnittverletzungen an der Schulter erlitten, die am Tag danach in einem Krankenhaus behandelt worden seien. Widenhorn widerspricht allerdings der übrigen Darstellung Streuferts: Weder seien Syrer an der Tat beteiligt gewesen, noch habe es Festnahmen in der Flüchtlingsunterkunft gegeben. „Der Geschädigte sagte uns, die Täter ­hätten Deutsch mit einem osteuropäischen Akzent gesprochen.“ Der 25-Jährige sei Deutscher mit polnischen Wurzeln und könne dies einordnen, erklärt Widenhorn.

In seinem Facebook-Post hatte Wolfgang Streufert noch in eine ganz andere Richtung gezielt – und dabei schwere Geschütze aufgefahren: „Dank den Anweisungen unseres Innenministers Strobls (?) werden diese unmenschlichen Straftaten in der Zeitung nicht mehr aufgezeigt/veröffentlicht“, schreibt er.

Die syrische Herkunft der angeblichen Täter habe er im Gespräch mit der Familie des mutmaßlichen Opfers erfahren, erklärt der CDU-Gemeinderatschef unserer Zeitung. „Sie konnten es nicht verstehen, dass davon kein Wort in der Öffentlichkeit ­erschien.“ Jeder Einbruch und jeder Verkehrsunfall werde von der Polizei an die Presse weitergeleitet – nicht aber ein derart gravierender Vorfall.

Das Polizeipräsidium hat den Überfall nicht sofort veröffentlicht, weil die Beamten sich erst vergewissern mussten, wie genau der Vorfall abgelaufen sei – so wie bei jeder Straftat, erklärt Peter Widenhorn. So habe man nicht vorschnell Unruhe in der Bevölkerung schüren wollen. Auch habe die Polizei es nicht als zwingend angesehen, den Übergriff sofort zu veröffentlichen, „weil es nur einen Leichtverletzten gegeben hat und der Hergang nicht schlüssig zu rekonstruieren war“.

Die CDU berät über Konsequenzen

Inzwischen hat das Präsidium die Veröffentlichung nachgeholt, indem es einen Bericht auf seiner Facebook-Seite platziert hat. Dort heißt es: „Entgegen anderslautender Veröffentlichungen in sozialen Medien haben wir derzeit keinerlei Hinweise darauf, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handeln könnte. Auch sind in diesem Zusammenhang keine Festnahmen in einer dortigen Unterkunft erfolgt.“

Dass er die Syrer zu Unrecht beschuldigte, tut Wolfgang Streufert leid. „Dafür entschuldige ich mich.“ Er habe der Familie des mutmaßlichen Opfers geglaubt. In der vergangenen Woche besuchte er die Angehörigen noch einmal. Demnach habe der junge Mann die Sprachen wohl nicht richtig auseinanderhalten können, habe ihm die Mutter gesagt. Aus Sicht des Oberstenfelder CDU-Chefs trägt die Polizei allerdings eine Mitverantwortung dafür, „dass dieser Fall so hochkocht“. Die Beamten hätte die Öffentlichkeit früher informieren müssen, meint Streufert.

Mit Kritik, vor allem aus seiner eigenen Partei, muss nach seiner Falschmeldung allerdings der CDU-Politiker selbst klarkommen. So distanzieren sich der CDU-Ortsverband und die Gemeinderatsfraktion von seinem Vorgehen. Von einem „Fehler“ spricht Monika Bächle, die stellvertretende Fraktionschefin. Es handele sich bei dem Facebook-Post „um eine höchst private Darstellung“, die von der Fraktion „in keiner Weise“ getragen werde. In einem Gespräch am kommenden Montag wollen die Oberstenfelder Christdemokraten über mögliche Konsequenzen beraten. Monika Bächle geht allerdings davon aus, dass Streufert als Vorsitzender im Amt bleibt. Der betroffene Facebook-Account sei inzwischen gelöscht. „Wir gehen davon aus, dass sich solche Dinge nicht wiederholen.“

Der Oberstenfelder Bürgermeister Markus Kleemann teilt die Kritik an der Öffentlichkeitsarbeit der Polizei nicht. „Wir werden sehr gut informiert.“ Dass Wolfgang Streufert sich öffentlich entschuldigt hat, findet das Stadtoberhaupt gut.

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