Auch private Fotoalben jüdischer Familien wurden im Geheimarchiv aufbewahrt. Foto: NDR

Das Dokudrama „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“ in der ARD erzählt von vergessenen Helden. Eine Gruppe polnischer Juden hat in den Vierzigern todesmutig Zeugnisse ihres harten Lebens und der Nazigräuel gesammelt und der Nachwelt aufbewahrt.

Warschau - Wer der larmoyanten Skepsis anhängt, Helden gebe es nicht, nie und nirgends, nur nachträgliche Verklärungen und Fälschungen, sollte sich das Dokudrama „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“ ansehen. Es erzählt von echten Helden, von Rachela Auerbach, Emanuel Ringelblum, Hersz Wasser, Szymon Huberband und einem halben Hundert anderer, die auch in neunzig Minuten Dokumentar- und Spielszenen nicht alle beim Namen genannt werden können.

Diese weitsichtigen, mutigen Frauen und Männer haben bald nach der polnischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg erkannt, dass es den deutschen Besatzern nicht nur darum ging, die jüdische Bevölkerung in ihren Rechten einzuschränken, zu schikanieren und auszuplündern. Noch bevor das Massenmordprogramm offenbar wurde, erkannte Emanuel Ringelblum, der Organisator der Flüchtlingsfürsorge im Warschauer Ghetto, dass die Nazis die Macht der Sieger zur Geschichtsschreibung besonders radikal nutzen wollten. Dass sie also daran gingen, die ihnen ausgelieferten Juden als Tagdiebe, Verbrecher und chronisch Asoziale darzustellen, als Minderwertige und Untermenschen, wie das in ihrer Sprache hieß.

Der Tod wartet auf sie alle

Der Lüge muss man mit Fakten und Dokumenten begegnen, und so scharte Ringelblum Gleichgesinnte um sich, die Zeugnisse aus dem Leben im Ghetto und draußen im Land sammelten, die Flugblätter der Nazis wie jene des Untergrunds, offizielle Erlasse und Augenzeugenberichte von organisierten Pogromen und individuellen Übergriffen. Das Leiden der Opfer und die Brutalität der Täter, selbst das Treiben der jüdischen Hilfspolizei wurde schonungslos dokumentiert.

„Oneg Schabbat“, Freuden des Sabbat, lautete der Tarnname des Geheimarchivs. Ab den ersten großen Deportationen wussten wohl alle der rund sechzig Beteiligten dass so oder so der Tod auf sie wartete, ob ihr Tun nun auffliegen sollte oder ob sie einfach irgendwann in einen der Transporte ins Vernichtungslager gezerrt würden. Tatsächlich haben nur drei von ihnen überlebt, nur einer von denen wusste, wo in Warschaus Trümmern das Archiv, das heute zum Weltkulturerbe zählt, verborgen lag.

Taktvoll nachgestellte Bilder

Die Verflechtung von Spielszenen und Dokumentaraufnahmen ist immer heikel. Bei diesem Thema könnte sie leicht ins Ungehörige entgleiten. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Roberta Grossman aber geht sehr stilsicher vor. Selten stellt sie Dialoge nach, wenn, dann hören wir untertiteltes Jiddisch. Es geht der 1959 geborenen Amerikanerin nicht um die emotionale Dramatisierung individueller Beziehungen, sondern um Bilder für die Verhältnisse im Ghetto. Taktvoller und lehrreicher kann man das kaum machen.

Die einzige Einstiegshürde kommt ausgerechnet am Anfang, wenn eine Erzählerinnenstimme aus dem Off mit Kulturabendtimbre aus Rachela Auerbachs Schriften vorträgt. Das geht aber schnell vorbei, und dann wird hier eine Geschichte erzählt, die nicht vergessen werden darf.

Ausstrahlung: ARD, 22. Januar 2019, 22.45 Uhr

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