TV-Geschichte: eine Szene aus der US-Serie „Holocaust“ Foto: WDR

In diesen Wochen wiederholt der SWR das vierteilige amerikanische TV-Drama „Holocaust“. Bei seiner Erstausstrahlung vor vierzig Jahren zeigte die Produktion Wirkungen, die zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte. Dabei hatten selbst höchste politische Kreise versucht, die Ausstrahlung zu verhindern. Warum?

Stuttgart - Am 29. März 1979 beschloss der Deutsche Bundestag, die Verjährungsfrist für Mord, die bis dahin 30 Jahre betragen hatte, ersatzlos zu streichen. Die Entscheidung fiel knapp aus: 255 gegen 222 Stimmen. Es gab und gibt durchaus ernst zu nehmende juristische und politische Argumente, warum wie alle anderen Straftaten auch die vorsätzliche Tötung eines Menschen nach einer gewissen Frist nicht mehr verfolgt werden sollte. Dass dies in Deutschland trotzdem seit besagtem 29. März 1979 kategorisch ausgeschlossen ist, dazu hat eine vierteilige Fernsehserie beigetragen, die bei ihrer Ausstrahlung zwei Monate zuvor das ganze Land beschäftigt und aufgewühlt hatte: „Holocaust“.

Wenn einige ARD-Sender, darunter der SWR, in diesen Januarwochen nun genau vierzig Jahre später die US-Serie wiederholen, haben sie vielfachen Grund dafür – vor allem diesen: Es gibt wenige Beispiele, in der das Medium Fernsehen derart weitreichende Impulse für die Debatte in der deutschen Gesellschaft gegeben hat, wie eben hier. Und das war alles andere als selbstverständlich gewesen. Im April 1978 hatte ein New Yorker TV-Sender „Holocaust“ erstmals ausgestrahlt. Im Spätsommer 1978 teilte der WDR mit, die deutschen Ausstrahlungsrechte erworben zu haben und die Serie alsbald im ARD-Hauptprogramm senden zu wollen. Und just seit diesem Zeitpunkt hagelte es von allen Seiten Proteste, von rechts wie von links; versuchten selbst führende Bundespolitiker, über Druck von außen die Sendung irgendwie doch noch zu verhindern.

Bombenanschläge auf Sendemasten

Es gab grundsätzlich Bedenken, ob Hollywood aus dem Nazi-Terror gegen Juden nicht eine entweder zu sensationslüsterne oder zu rührselige Edelschnulze gemacht hätte – von Anfang an bewusst verleugnend, dass „Holocaust“ ja eben gar nicht „von Hollywood“, sondern von einem New Yorker TV-Sender produziert worden war. Von den Linken gab es Bedenken, das eigentlich Unfassbare solle bagatellisiert werden, von den Rechten wurde eingewendet, an den Judenmord dürfe nur erinnert werden, wenn parallel eine andere Serie die Opfer der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten schildern würde. Die Stimmung war zum Schluss so aufgeheizt, dass sich einige Neonazis sogar trauten, Bombenanschläge auf ARD-Funksendemasten zu verüben.

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk an dieser Stelle stark blieb, ist vor allem dem längst legendären WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach zu verdanken, dem die Ausstrahlung ein starkes persönliches Anliegen war. Zwar wurde die Serie vom Hauptprogramm in die damaligen „Dritten Programme“ verbannt. Andererseits ergab sich dadurch die Chance, im Anschluss an die vier Teile, die an aufeinanderfolgenden Abenden gezeigt wurden, eine zeitlich unbegrenzte Studiodebatte von Experten anzuschließen, in die sich via Telefon auch Zuschauer mit Fragen und Kritik einschalten konnten.

Die Opfer rücken in den Mittelpunkt

Und so erzählte also auch das deutsche Fernsehen von der Familie Karl und Inga Weiss, die von 1935 bis 1945 die verschiedenen Stationen der NS-Judenverfolgung erleben und erleiden – und parallel dazu die Geschichte des kleinen Juristen Erik Dorf, der aus reinem Karrierismus 1935 bei der SS landet und mit nur wenig Selbstzweifeln seine Mittäter-Dienste in der Vernichtungsmaschine leistet. Dass die Schauspieler Meryl Streep und James Woods in „Holocaust“ ihre ersten wichtigen Rollen spielten, gehört heute zur Filmgeschichte. Dass die Serie selbst das Wissen und Denken über den NS-Terror in Deutschland maßgeblich beeinflusst hat, gehört dagegen zweifellos in die großen Geschichtsbücher.

Das Echo auf „Holocaust“ war schlicht überwältigend. 15 Millionen Zuschauer sahen die vier jeweils rund 100 Minuten langen Folgen. Ob in den Schulen, am Arbeitsplatz, vor allem aber in den Familien: Beinahe überall wurde darüber diskutiert. Eine Fülle an weiteren Sendungen schloss sich an. Und rückblickend stellen Historiker fest: Während vor der Serie „Holocaust“ in Deutschland, wenn überhaupt, dann nur bei entsprechenden Gerichtsverfahren die NS-Täter im Blickpunkt gestanden hatten, rückte nun endlich mit jahrzehntelanger Verzögerung das Los der Verfolgten in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Politologe Peter Reichel hat darum die Ausstrahlung der Serie als einen „Meilenstein in der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik“ bezeichnet. Eine sehr konkrete politische Folge ergab sich schnell: Auch einer Mehrheit im Deutschen Bundestag war nun klar, dass die NS-Verbrechen gegen die Menschlichkeit niemals verjähren durften.

Dass es eine Aufgabe von Film und Literatur sein kann, selbst schrecklichste Historie in der Geschichte einzelner Figuren zu verdichten, so für den Zuschauer auch emotional nachvollziehbar zu machen und damit letztlich just den Opfern nichts weniger als Respekt zu bezeugen – der Regisseur Marvin J. Chomsky konnte dies mit „Holocaust“ beweisen. In den folgenden Jahren haben viele Autoren und Regisseure nachgezogen. Hollywood selbst hat allerdings noch weitere 15 Jahre gebraucht, um ein Werk von gleicher Dichte und gleichem Rang zustande zu bringen: Steven Spielbergs „Schindlers Liste“.

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