Berthold Leibinger Stuttgarter Trumpf-Seniorchef ist tot

Von Klaus Köster 

Er hat die Firma Trumpf nach und nach gekauft – nicht mit Geld, sondern mit seinen Ideen. Unternehmertum hatte für Berthold Leibinger viel mit Verantwortung zu tun. Nun ist Leibinger im Alter von 87 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Ditzingen - Was er in seinem Leben einmal erreicht haben will, hat Berthold Leibinger schon vor einigen Jahren gesagt: „Am Ende meiner Tage möchte ich sagen, dass ich aus meinen Begabungen etwas Vernünftiges gemacht habe“, sagte Leibinger, als er unserer Zeitung vor seinem 80. Geburtstag ein Interview gab. Nun ist er gestorben, und hinter ihm liegt eine Lebensleistung, die über seinen gerade sagenhaften Erfolg als Unternehmer weit hinausreicht. Dabei wurde ihm das Kapital, mit dem er seine Erfolge erzielte, nicht in die Wiege gelegt. Es schlummerte in seinem Kopf und bestand aus einer unstillbaren Neugier, gepaart mit einem rastlosen Erfindergeist. „Es ist mir immer auf überraschende Antworten angekommen“, sagte er. „Ich mache nichts, was es schon gibt.“

Angefangen hat er als Auszubildender bei Trumpf in Ditzingen, aufgehört als Eigentümer und langjähriger Chef des Unternehmens. Leibinger absolvierte bei Trumpf eine Lehre, studierte in Stuttgart Maschinenbau und ging dann für drei Jahre als Entwicklungsingenieur zu einem amerikanischen Maschinenbauunternehmen. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1961 ging es mit dem Ditzinger Blechbearbeitungs-Unternehmen steil bergauf. Sein Erfindergeist brachte dem damaligen Leiter der Konstruktionsabteilung viele Patente ein, die die Verkaufszahlen steil ansteigen ließen. 1985 entwickelte er die erste Stanz- und Konturnibbelmaschine mit numerischer Steuerung; darüber hinaus entwickelte das Unternehmen in dieser Zeit eine Reihe von Lasertechnologien und -systemen – ein Gebiet, auf dem Trumpf bis heute Weltmarkt- und Technologieführer ist.

Ein angenehmer, warmherziger Gesprächspartner

Von dem Geld, das ihm für die Patente zustand, erwarb Leibinger sukzessive immer mehr Anteile am Unternehmen – zum beiderseitigen Vorteil: Leibinger erhöhte seinen Einfluss auf das Unternehmen, das von seinen Patenten profitierte, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen. Von 1978 bis 2005 war er Vorsitzender der Geschäftsführung, danach bis 2012 Vorsitzender der Aufsichtsgremien der Unternehmensgruppe. „Es ist etwas salopp ausgedrückt, wenn ich sage, dass es nach einiger Zeit billiger wurde, mich zu einem Gesellschafter im Unternehmen zu machen, als weiter Lizenzen zu bezahlen.“ Seine Kreativität und seine Hartnäckigkeit waren die Währung, mit der er die Firma kaufte.

Leibinger war ein angenehmer, warmherziger Gesprächspartner, den nicht nur die Entwicklung seines Unternehmens umtrieb, sondern auch die der Gesellschaft. Große Sorgen bereitete ihm bis zuletzt die Gefahr, dass nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten die langjährigen amerikanisch-deutschen Verbindungen beschädigt werden könnten. Dies umso mehr, als er Trumpf im Lauf der Jahre zu einem internationalen Unternehmen ausgebaut hat, das in aller Welt mit bedeutenden Standorten vertreten ist.

Sein eigener beruflicher Aufstieg war zugleich die Blaupause für den Geist, in dem er das Unternehmen führte: Er betrachtete Trumpf nie als Maschine, die ihm selbst möglichst viel Geld einbrachte – vielmehr sah er in den Erträgen vor allem Substanz für das künftige Wachstum und beließ sie größtenteils in der Firma.

Trumpf war auch in Leibingers Zeit ganz vorn dabei

1961, als Leibinger Leiter der Konstruktionsabteilung wurde, erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 11 Millionen D-Mark, also rund 5,6 Millionen Euro. Heute setzt das Unternehmen rund 3,1 Milliarden Euro um – an einem Tag so viel wie früher in drei Jahren. Damals hatte das Unternehmen 325 Mitarbeiter, heute hat es 12 000. Leibinger brachte Trumpf nicht nur mit seinen technischen Erfindungen voran, sondern auch mit personalpolitischen Innovationen, die bald bundesweit Nachahmer finden sollten. So führte er im Jahr 1995 ein neuartiges Arbeitszeitmodell ein, bei dem Mitarbeiter Mehrarbeit in einem bis dahin kaum gekannten Ausmaß auf Arbeitszeitkonten auf- und abbauen konnten. Heute sind solche Arbeitszeitkonten gang und gäbe.

Auch mit einer weiteren Innovation, dem „Bündnis für Arbeit“, war Trumpf in Leibingers Zeit ganz vorn dabei. Leibinger stellte mit dem Bau einer Laserfabrik in Ditzingen eine hohe Investition in Aussicht – und erhielt von der Belegschaft im Gegenzug Zusicherungen, die Arbeitszeit zu flexibilisieren. Auch hier gelang es beiden Seiten, die Schützengräben zu verlassen und sich auf eine Regelung zu verständigen, mit der beide Seiten ihre jeweils wichtigsten Anliegen erfüllt bekamen: Das Unternehmen bekam Planungssicherheit und die Möglichkeit, seine teure Investition wirtschaftlich zu nutzen; die Beschäftigten bekamen ein Werk mit einer zukunftsträchtigen Technologie und ebensolchen Arbeitsplätzen.

Wirtschaftlicher Erfolg ebenso wichtig wie Verantwortungsbewusstsein

Mindestens ebenso wichtig wie der wirtschaftliche Erfolg war ihm, dass seinem Tun eine Haltung zugrunde liegt, an der sich andere orientieren können. Als die Finanzkrise tobte und viele Manager vor allen aus der Bankbranche beschuldigt wurden, durch Selbstbedienungsmentalität die Situation heraufgeschworen zu haben, äußerte sich Leibinger sehr nachdenklich: „Dort, wo man unmittelbar Verantwortung trägt, kann man am besten zeigen, wie man denkt und handelt. Das gilt gerade in den schwierigen Zeiten, in denen wir uns befinden.“ Manager müssten Vorbilder sein, „junge Menschen müssen sich an uns orientieren können“.

Diesen Maßstab ließ er auch an sich selbst anlegen: „Ich denke, dass das Ärgernis der hohen Einkommen dann gemindert wird, wenn man die aristotelische Tugend des Maßhaltens akzeptiert. Entscheidend ist dabei nicht so sehr, welches Einkommen man hat, sondern was man damit macht.“ Der Gewinn des Unternehmens sei „ja nicht unser Einkommen. Dieses Geld wird reinvestiert. Wir entnehmen ein Gehalt in maßvoller Weise, und auch im Lebensstil gilt es Maß zu halten.“ Er forderte Leistung und Disziplin von seinen Mitarbeitern – und er lebte das auch vor. Doch wirtschaftlicher Erfolg war für ihn nie ein Selbstzweck, sondern auch eine Verpflichtung. Er hat die Berthold-Leibinger-Stiftung ins Leben gerufen, die vielfältige gemeinnützige Zwecke in Wissenschaft, Kultur, Kirche und Sozialem fördert.

Leibingers Erbe lebt im Unternehmen weiter

Wie ernst es Trumpf bis heute mit seinen Prinzipien meint, zeigte der Praxistest der Finanzkrise, von der die Maschinenbaubranche in besonderem Maß betroffen war. Weil die weitere wirtschaftliche Entwicklung völlig unabsehbar war, kürzten Unternehmen – auch die Kunden von Trumpf – ihre Investitionspläne so radikal, dass der Absatz geradezu zusammenbrach. Innerhalb kurzer Zeit sackten die Verkaufszahlen um 40 Prozent ab – Hunderte von Millionen Euro fehlten in der Kasse, während die Kosten, etwa für die Löhne, blieben.

Doch die Familie schoss aus ihrem Privatvermögen etliche Millionen Euro nach, um trotz wegbrechender Aufträge und roter Zahlen weiter die Rechnungen und nicht zuletzt die Löhne zahlen zu können. Hier wurde Leibingers Haltung besonders spürbar – vor allem bei denen, für die er unmittelbar Verantwortung trug. In einer Zeit, in der Manager wegen ihrer in der Finanzkrise gezeigten Selbstbedienungsmentalität geradezu verachtet wurden, zeigte Leibinger, dass es auch anders geht.

Wie sehr sein Erbe im Unternehmen weiterlebt, zeigt sich immer wieder darin, dass Trumpf nicht nur bei technischen Innovationen Vorreiter ist. Unter seiner Nachfolgerin und Tochter führte das Unternehmen eine weit reichende Flexibilisierung der Arbeitszeit ein, die es Mitarbeitern erlaubt, je nach Lebensphase mehr oder weniger Zeit mit der Arbeit zu verbringen. So sollen sich Grundbedürfnisse der Menschen und die Anforderungen des Unternehmens miteinander vereinbaren lassen. Unternehmerischer Erfolg, dessen Früchte allen zugute kommen, das ist ein Konzept ganz im Geiste Berthold Leibingers.

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