Taktiktüftler an der Seitenlinie: Niko Kovac (FC Bayern), Thomas Tuchel (Paris St. Germain), Jürgen Klopp (FC Liverpool) und Pep Guardiola (Manchester City) wollen ihre Teams zum Champions-League-Titel coachen.Von links: Niko Kovac, Thomas Tuchel, Jürgen Klopp und Pep Guardiola Foto: AFP (2), Getty (2) Montage: Ruckaberle

An diesem Dienstag startet die Champions League im Fußball. Dabei prägen starke Trainerpersönlichkeiten wie Pep Guardiola und Jürgen Klopp die Königsklasse. Doch wer entschlüsselt am Ende wen?

Stuttgart - Als Pep Guardiola noch ein junger Trainer war, da hielt er eine flammende Antrittsrede beim FC Barcelona. Der Legende nach sollen sich anschließend Xavi und Andrés Iniesta, die Ikonen des katalanischen Kurzpassspiels, mit großen Augen angeschaut haben – und Xavi raunte seinem kongenialen Mittelfeldpartner zu: „Besser wir springen auf diesen Zug auf, ansonsten überrollt er uns.“

Die Geschichte ereignete sich vor zehn Jahren. Xavi, 38, kickt mittlerweile noch ein wenig in Katar, und Iniesta, 34, lässt seine großartige Karriere in Japan ausklingen. Nur Guardiola steht noch unter Volldampf und jagt dem Titel in der an diesem Dienstag beginnenden Champions League hinterher. Es wäre sein dritter nach den Triumphen 2009 und 2011 mit Barça.

Als Meister der neuen Angriffsräume wird der Spanier seither gefeiert. Neuerdings getrieben von der Sehnsucht, nicht nur mit seinem Herzensverein den größten aller Clubwettbewerbe gewinnen zu können. Mit dem FC Bayern hat es in drei Jahren nicht geklappt und mit Manchester City auch noch nicht – obwohl sich das Investitionsvolumen einer Milliarde Euro nähert.

Der Gewinn der Champions League gilt als nicht planbar

Am englischen Meister zeigt sich jedoch eine Besonderheit der Königsklasse: „Der Gewinn der Champions League ist praktisch nicht planbar“, sagt Michael Reschke. Der Sportchef des VfB Stuttgart kennt sich aus in Europas Edelklasse. Lange hat er sich als Angestellter der Bayern und von Bayer Leverkusen mit ihr beschäftigt – und er hat aufgrund seines Netzwerks Insiderkenntnisse. Seine Erklärung: „Man müsste das Kunststück hinbekommen, das alle Spitzenspieler im April und Mai fit und zudem in Topform sind.“ Ansonsten sinke die Erfolgswahrscheinlich im Halbfinale, das dann ausgespielt wird, rapide.

Zuletzt bekamen die Münchner die Auswirkungen dieser These zu spüren – ohne Manuel Neuer im Tor und mit einem schwächelnden Robert Lewandowski im Angriff. Aus der Traum. Real Madrid triumphierte letztlich zum dritten Mal nacheinander. Natürlich, weil es einen Cristiano Ronaldo in seinen Reihen hatte. Aber auch, weil die Madrilenen in Zinedine Zidane auf einen Trainer vertrauten, der einen Spielstil pflegte, der auf der Höhe der Zeit ist.

Weniger Ballbesitz, mehr Beschleunigung – das ist das aktuelle Erfolgsrezept. Überfallartige Angriffe, wie sie auch Jürgen Klopp beim FC Liverpool, dem unterlegenen Finalisten 2018, inszenieren lässt. Das Mantra vom ewigen Passen scheint dagegen überholt. Und als hätte es eines letzten Beweises gebraucht, scheiterten die Nationalmannschaften mit den höchsten Ballbesitzquoten zuletzt bei der WM frühzeitig: Spanien (68,8 Prozent), Deutschland (67,3) und Argentinien (64,0). Weltmeister Frankreich kam auf 51,9 Prozent.

Die Champions League ist die Weltmesse des Fußballs

Der Ball ist offenbar etwas für die anderen, und es wird spannend zu sehen sein, wie sich der Fußball in der Champions League weiterentwickelt. Denn das Glanzprodukt der Europäischen Fußball-Union ist die Weltmesse dieses Spiels. Hier werden taktische Trends gesetzt, hier vergleichen sich die besten Akteure, hier treten die reichsten Vereine mit ihren unterschiedlichen Geschäftsmodellen gegeneinander an. Und weil das so ist, haben sich die Manager mit den größten finanziellen Möglichkeiten dazu entschieden, ihre Kader nicht mehr nur als Sammelalben von Superstars zu betrachten. Sondern ihnen die fähigsten Trainer hinzustellen.

Die Champions League ist die Bühne der Besten: Pep Guardiola und Thomas Tuchel (Paris St. Germain) mit ihren am taktischen Reißbrett entworfenen Angriffskonzepten. Oder Jürgen Klopp und Diego Simeone (Atlético Madrid) mit ihren energiegeladenen Ansätzen. Wobei Tuchel und Klopp (früher in Mainz und Dortmund tätig) gleich am ersten Gruppenspieltag aufeinandertreffen. „Alle herausragende Trainer, aber mit unterschiedlichen Topqualitäten. Guardiola und Tuchel vermitteln ihren Teams permanent klare, offensive Lösungsmöglichkeiten zum Torabschluss. Klopp hat fast magische Wirkung auf Teams, Clubs und gesamte Regionen. Simeone versprüht eine unglaubliche Wucht und Einsatzbereitschaft, die sein Team dann auslebt“, charakterisiert Reschke.

Kultstatus unter Taktikfreunden genießt das Treffen zwischen Guardiola und Tuchel in einer Münchner Bar, als sie Pfeffer- und Salzstreuer nutzten, um auf dem Tisch Formationen zu diskutieren. Eine ähnliche Entwicklung traut der VfB-Manager Julian Nagelsmann von 1899 Hoffenheim zu. Ein begnadeter Analyst, aber auf diesem Niveau ein Newcomer wie der wissbegierige Niko Kovac vom FC Bayern.

Doch seine internationale Reifeprüfung mit einem Starensemble muss der Kroate noch ablegen. Wobei es zu den Aufgaben gehört, sein Gegenüber zu entschlüsseln. Eine Fertigkeit, die Mauricio Pochettino beherrscht. Weshalb dem Argentinier mit Tottenham Hotspur ebenso einiges zugetraut werden kann wie dem Altmeister des Unangenehm-Fußballs: José Mourinho von Manchester United. Der Portugiese steht noch immer für den Gegenentwurf zum schönen Spiel – aber eben nicht mehr für die großen Triumphe. Denn dafür braucht es mehr als nur ein (Gegen-)Mittel.

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