Traditionslokal in Ludwigsburg schließt Ciao, ciao Cocco-Bello

Von Verena Mayer 

Immer mobil:  Cüneyt Ercetin in seinem neuesten Dienstwagen. Foto: factum/Granville
Immer mobil: Cüneyt Ercetin in seinem neuesten Dienstwagen. Foto: factum/Granville

Nach fast 30 Jahren hat das Lokal in der Solitudestraße zu, das zum Inventar der Stadt gehörte. Der Wirt hat andere Pläne.

Ludwigsburg - Am Ende ging alles ganz schnell: Am einem Tag stand auf der Tafel, die sonst die Speisekarte war, dass eine Ära Ende zu geht. Und wenige Tage später, zack, war die Ära tatsächlich beendet – und das Cocco-Bello in der Ludwigsburger Solitudestraße geschlossen. Nach fast 30 Jahren, so genau weiß Cüneyt Ercetin das selbst nicht. Er hat das Cocco-Bello ja nicht gegründet, sondern vor 19 Jahren übernommen. Aber eines weiß er ganz sicher: Wenn die Arbeit immer mehr wird und die Zeit immer knapper, dann kann das nicht gesund sein. „Man muss aufpassen“, sagt Cüneyt Ercetin. Aber wenn man dem 47-jährigen Gastronom, den Freunde nun „Teilzeitgastronom“ nennen, zuhört, bekommt man den Eindruck, dass Cüneyt Ercin ganz gut auf sich aufpassen kann.

Erst Frisör, dann Feinkosthändler

Als Cüneyt Ercin das Cocco-Bello übernommen hat, war das Lokal wegen Insolvenz geschlossen. Und Cüneyt Ercetin war Feinkosthändler. Wobei, eigentlich war er Friseur. Einer mit süddeutschem Meistertitel. Eines Tages – es war die Zeit, als es chic wurde, hierzulande Parmaschinken zu genießen, Oliven zu mögen und feineres Öl zu kosten – beschloss Ercetin, keine Frisuren mehr zu kreieren, sondern italienische Leckereien zu verkaufen. Das sollte, sagt er, nur vorübergehend sein, aber dann lief es so, dass der Frisör drei Feinkostgeschäfte betrieb und einen Stand auf dem Wochenmarkt. Und dann, eines weiteren Tages, betrieb er auch noch das Cocco-Bello.

Wenn man die Geschichte aus Cüneyt Ercetins Mund hört, klingt es, als hätte es keine logischere Entwicklung gegeben. Die ging so: Bei den Geschäften mit der Feinkost blieb, egal wie sie gut liefen, immer etwas übrig. Statt die Lebensmittel wegzuwerfen, verkaufte er sie an Restaurants – bis er die Idee mit dem eigenen Restaurant hatte. „Warum nicht selber machen?“, fragte er sich – und machte es selbst. Praktischerweise hatte ihm eine Bekannte zuvor vom brachliegenden Cocco-Bello berichtet. „Du bist so fleißig, du schaffst das“, meinte die Bekannte – und behielt recht.

Das Catering wird immer mehr

Es gibt nicht viele Lokale in Ludwigsburg, die zum gastronomischen Inventar der Stadt geworden sind. Das Ennui gehört dazu, das Il Boccone, der Blaue Engel und bis vor Kurzem das Cocco-Bello, dessen Name übrigens an die „schönen Kokosnüsse“ erinnern soll, die nimmermüde Verkäufer Strandurlaubern in Italien anpreisen. Alle vier Lokale übrigens wurden gegründet von der Gastronomielegende Peter Reimertshofer, der – das ist kein Geheimnis – nicht so gut auf sich aufgepasst hat. Voriges Jahr ist er mit 69 Jahren gestorben.

Im Cocco-Bello gab es alles: Frühstück, Mittagstisch, schwäbische Klassiker, Flammkuchen, Cocktails. Und alles war fast immer sehr gut, auch der Service. „Von außen sieht immer alles schön aus, aber dafür muss man drinnen richtig Gas geben“, sagt Cüneyt Ercetin, der sich vor vielen Jahren schon von seinen Feinkostgeschäften getrennt hat. Wer bis nachts um zwei im Lokal steht, kann nicht morgens um drei auf den Großmarkt. Und nun hat sich Ercetin von seinem Cocco-Bello in der Solitudestraße getrennt, weil die Geschäfte mit dem Catering immer mehr geworden sind.

Der neue Betreiber steht schon fest

Die hat er vor zehn Jahren begonnen. Damals übernahm er die fünf Snackbars entlang der Mömpelgardstraße im Blühenden Barock und die Bewirtung bei Großveranstaltungen wie dem Musikfeuerwerk oder dem Straßenmusikfestival. Daraus ergaben sich Aufträge für Firmenfeiern und private Feste und von allem immer mehr. „Wie soll das alles gehen?“, fragte sich der Gastronom, der sich immer gehetzter fühlte – und sich letztlich entschloss: Konzentration auf Catering – ciao, Cocco-Bello.

Dort, in der Solitudestraße, wird bald eine neue Lokalität eröffnen, Viva heißt sie. Was genau sich dahinter verbirgt, soll eine Überraschung sein. Aber Ercetin glaubt, dass es gut wird. Es wäre in seinem Sinne, denn er ist nach wie vor Mieter der Räume.

Zum Abschied haben Ercetins Mitarbeiter im Cocco-Bello heimlich eine Abschiedsfeier organisiert. Alle geladenen Gäste, erzählt der Ex-Chef, wären so betrübt gewesen, dass er sich schon wunderte, ob jemand gestorben sei. Ja klar, natürlich sei er auch bewegt gewesen an diesem letzten Abend, aber die Abende seither, mit früherem Feierabend und weniger Handyalarm waren auch nicht schlecht.

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