Geschäftsinhaber in sechster Generation: Gunnar Gräff in seinem Antiquariat in der Calwer Straße vor einem Bücherschrank, der königlichen Ursprungs sein könnte. Foto: Lg/Max Kovalenko

Alles neu in der Calwer Straße. Alles? Nein! Im Stuttgarter Antiquariat Müller & Gräff gehen die Uhren anders. Seit 1936 hat es seinen Sitz an der Calwer Straße. Was es dort zu entdecken gibt.

Von einem Antiquariat zu erwarten, dass es ein hipper Laden sei, ist ein bisschen viel verlangt. Man käme ja auch nicht auf die Idee, aus einem schwäbischen Traditionslokal eine Sushi-Bar zu machen. Antiquariate haben ihren eigenen Rhythmus. Es sind Bücherspeicher, sie stellen die Vergangenheit aus. Alles dort ist gebraucht (jedoch nicht verbraucht!). Vieles ist vergilbt und verblichen – und doch geblieben. Die Ware dort hat sich durch die Jahrhunderte gerettet. Sie wurde versteigert, aufgelöst, erworben, weiterverkauft. Das einzige Hippe an einem Antiquariat ist seine Philosophie der Nachhaltigkeit. Sie füllt den Raum bis unter die Decke und, wie im Fall des Antiquariats Müller & Gräff, auch noch zwei Stockwerke tief.

 

40 000 Bücher umfasst der Bestand des Antiquariats

Das Antiquariat, von dem hier die Rede ist, befindet sich in einem schicken Ausgehviertel Stuttgarts: der Calwer Straße. Es ist das letzte seiner Art in der Innenstadt. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Fremdkörper. Doch wie kann man bei einem Traditionsgeschäft, das seit 86 Jahren am selben Platz ist, von einem Fremdkörper sprechen? Fremdkörper sind allenfalls die anderen, die junge Sekt-Bar nebenan und The Avocado Show ein paar Häuser weiter. Vielleicht geht ja aber auch beides zusammen, das Angesagte und das Angestammte, der Zeitgeist und das Zeitlose?

Wer das Geschäft in der Calwer Straße 54 betritt, verlässt die mondäne Zone und tritt ein in eine Welt traditioneller Weltläufigkeit. 40 000 Bücher lagern hier, das Älteste, ein Werk des römischen Gelehrten Anicius Manlius Severinus Boethius von 1486. In gedruckter und geballter Form begegnen einem Philosophie, Theologie, Kunst, und Belletristik. Für flüchtige Betrachter sind es alte Schinken, für bibliophile Menschen ist es geistige Nahrung, die nicht verdirbt, sondern je älter je begehrenswerter wird.

Ein königlicher Bücherschrank

Alles hier hat Geschichte. Auch das Mobiliar. Albrecht Ernst, stellvertretender Leiter des Hauptstaatsarchivs und Kenner des württembergischen Königshauses, war jüngst zu Gast, um den imposanten Bücherschrank des Gräffschen Antiquariats zu begutachten. Anhand des Wappens verortete er das Möbel in der Zeit des württembergischen König Karls, der von 1864 und 1891 regierte. Möglich, dass es einst zum königlichen Mobiliar in der Villa Berg oder anderswo gehörte und später versteigert wurde. In der Calwer Straße steht der Schrank seit 1999; die Gräffs hatten ihn von der aufgelösten Buchhandlung Enderlen übernommen.

Und dann ist da noch der große runde Tisch und der wuchtige Sessel, in dem schon allerlei Persönlichkeiten saßen und schmökerten. Der Stuttgarter Kunstsammler Hugo Borst, Josef Eberle alias Sebastian Blau, oder Carl Herzog von Württemberg. Ein Freund des Hauses schrieb einmal: „Mittelpunkt des großen Ladens war niemals die Kasse, sondern immer der runde Tisch, an dem man sitzen, lesen und schwätzen konnte.“

Die Gräffs verbindet die Liebe zur Buchkultur

In dieser von Büchern eingerahmten Welt geht Gunnar Gräff umher, sortiert, katalogisiert, begutachtet, handelt. Zusammen mit einem Mitarbeiter führt der 59-Jährige gelernte Buchhändler das Geschäft in der sechsten Generation. 1996 übernahm er es von seinem Vater Bertold, der es von seinem Vater Armin übernommen hatte, der seinem Vater Wilhelm als Inhaber nachgefolgt war, welcher das Geschäft von seiner Mutter Luise Gräff übernommen hatte, die es nach dem Tod ihres Mannes Hermann Gräff weiterführte, dem Sohn des Firmengründers Gerhard Gräff. Zusammen mit Philipp Friedrich Müller hatte er das Geschäft als Buchbinderei mit Leihbibliothek begonnen. Das war im Jahr 1802 . . . Seitdem ist viel gedruckt und gesammelt worden.

Das Militär beschlagnahmte topografische Karten

Alle diese Gräffs verband außer dem Namen die Liebe zum besonderen Buch und zur Buchkultur. Alle erlebten solche und solche Zeiten. Mal konnte man sich Bücher nicht leisten, mal hatten sie keine Konjunktur, mal brach die Wirtschaft ein, mal war Krieg und das Militär beschlagnahmte die topografischen Karten von Müller & Gräff. Eine zum 200-Jahr-Jubiläum 2002 erschienene Festschrift weiß davon ausführlich zu berichten. Auch von den Erfolgen des Gräffschen Antiquariats.

Die Stadt des Buches ist nicht wiederzuerkennen

Und heute? Den Ruf als Stadt des Buches mit einst 150 ortsansässigen Verlagen und etlichen Antiquariaten hat Stuttgart verloren. Gunnar Gräff hält das Antiquariats-Fähnlein im Internetzeitalter wacker aufrecht. Für ihn ist das Internet Fluch und Segen zugleich. Früh hat er auf den Online-Handel gesetzt. Die Schattenseite: „Im Internet werden haufenweise Bücher für einen Cent verkauft“, sagt Gunnar Gräff. Das mache das Geschäft kaputt. Überhaupt beobachtet er eine wahre Bücherflut. Nur weniges von dem vielen, das ihm bei Haushaltsauflösungen oder sonst wo angeboten wird, kauft er an. Es lohnt sich nicht.

Gräff ist froh, drei Standbeine zu haben: den Online-Handel, die regelmäßig erscheinenden Kataloge, die den Kunden seine neuesten alten Werke näherbringen – und den Laden in der Calwer Straße, in den auffallend viele junge Leute kommen, um den günstigen Sortimentsteil zu durchstöbern. Auch auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse ist Gräff mit seinen Büchern vertreten – ebenfalls ein Stück Tradition, das er pflegt, ohne ihr in jedem Fall nachzuhängen.

Von den alten Stichen etwa, einst ein Markenzeichen von Müller & Gräff, will er sich trennen. Die Zeit ist darüber hinweggegangen. „In den Nachkriegsjahren haben sich die Leute gerne Bilder an die Wand gehängt, die das alte, unzerstörte Stuttgart zeigten. Das kauft heute keiner mehr“, meint er. Wie es dereinst weitergeht? „Ich bin skeptisch, dass ich einen Nachfolger finde“, sagt Gunnar Gräff, ohne zu verraten, wie es in diesem Moment in ihm aussieht.