Ein Münchner Journalist hat jüngst Anstoß an bunten und billigen Dirndl genommen. Foto: dpa

Auf dem Stuttgarter Weindorf waren – Weinkönigin und Service-Personal ausgenommen – nur wenige Dirndl zu sehen? Doch am 23. September beginnt das Volksfest in Bad Cannstatt, und auf dem Wasen braucht man sich bislang ohne Trachtengewand gar nicht blicken zu lassen.

Stuttgart - Auf seine persönliche Liste „Was verboten gehört“, hat ein Kolumnist der Süddeutschen Zeitung kürzlich die modischen Fehlgriffe der angeblich Trachtenträger an erste Stelle gesetzt. Er wolle bitte schön, so machte er seinem Abscheu Luft, nicht mehr diese scheußlichen Kreationen aus billigem Plastik, in schreienden Farben und mit Glitzer sehen müssen.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der dringende Wunsch dieses Mannes erfüllt wird. Denn gerade die Jungen, so hört man, haben das Heimatgefühl und die Tradition wieder für sich entdeckt. Das gehe so weit, verrät Anja Bauer vom Trachtengeschäft Angermaier, dass sie Erbstücke aus dem Schrank holen. Glücklich, wer noch die kurze oder knielange Hirschlederne vom Großvater oder das Dirndl von der Großmutter besitzt. „Wir machen es passend“, wird hier versichert. Der Trend zum Klassiker dominiert die neuen Kollektionen. „Das beginnt schon bei den Farben“, erklärt Anja Bauer. Inspiriert offenbar von der herbstlichen Palette, ist Bordeaux, das dunkle gedeckte Rot im Ton des späten Weinlaubes, der Hit. Und am schönsten mit einer seidenen Schürze in kräftigem Rosa. Streublümchen frischen das aktuelle Olivgrün auf, die gleichfarbige Schürze besticht durch goldenen Schimmer. Aber auch Himmelblau passt dazu. Selbst Blau und Rot geben sich so dezent, als wären die Farben mit einem Schuss Grau oder Braun abschattiert worden.

Als absolute Trendsetterin darf sich die Frau fühlen, die sich für die aktuellen Nicht-Farben begeistert und zu einem Dirndl in Silber- oder Platingrau für rund 300 Euro greift. Natürlich als Zweit- oder Dritt-Ausstattung, denn mit nur einem Gewand sind zwei Volksfest-Wochen für passionierte und gesellschaftlich gut vernetzte Wasenbesucherinnen nicht zu bestehen.

Frauen und Männer tragen Partnerlook

Und die Stoffe? Neben der klassischen Baumwolle – aus der schon das Arbeitsgewand der Stalldirn, daher der Begriff Dirndl, geschneidert war – kommt Jacquard genau wie Loden und schwere Gobelins für Mieder und die Weste für den Herren zum Einsatz. Im passenden Partnerlook.

Bei allem Trend zum Klassiker: Das Dirndl ist ein Kind der Mode, seit die Sommerfrischlerinnen aus der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts den Reiz des ländlichen Gewandes für sich entdeckten und bis heute selbst zu den Salzburger Festspielen gern alpenländisch verkleidet auftreten. Daher ist es auch kein Verstoß gegen eine nicht wirklich vorhandene Tradition, wenn Astrid Söll, die Designerin von Angermaier, Haute Couture-Stoffe verarbeitet, wie Jacquards mit exotischen Blüten oder prachtvollem Rosenmuster. Das Dirndl aus goldener Spitze und Seide für 859 Euro bleibt allerdings dennoch ein kapriziöser Außenseiter für den glamourösen Auftritt.

Für den Wasen empfiehlt sich das oliv-farbene Modell aus Stretchstoff sicher mehr: Nimmt einen Fleck nicht übel und lässt Platz für ein zweites Göckele.

Rosen, wohin man blickt, erblühen üppig auch auf den Dirndln im Fachgeschäft Krüger. „Pastellfarben sind bei uns am meisten gefragt“, gibt Geschäftsführerin Carmen Peter Auskunft. Und ohne Glitzer geht es hier auch nicht. Die Schürzen zu den seidig glänzenden Kleidern aus der Kollektion Fashion Hippie Loves by Anni sind mit aufwendiger Pailletten- und Perlenstickerei bestückt. Stefanie Giesinger, eine Gewinnerin der Sendung Germany’s next Top Model, steuert unter dem Label Krüger Madl Modelle aus Leinen bei.

Der Mini ist im Übrigen ausgemustert, man hat sich auf eine Rocklänge von 70 bis 85 Zentimeter geeinigt. Aber nicht nur das Knie ist bedeckt, auch mit den weiblichen Reizen wird fast ein wenig gegeizt. Schulterfreie Carmen-Blusen sind ohnehin nicht mehr angesagt. Und aus dem Dekolleté quillt nicht mehr offenherzig die hochgepuschte Oberweite, denn die Ausschnitte sind geradezu züchtig. Carmen Peter präsentiert ihre Favoriten: eine Bluse mit spitzengesäumtem V-Ausschnitt und eine zweite, die sich bis zum Hals zugeknöpft gibt. Es wird überhaupt wieder viel geknöpft. Und separate Mieder lassen die reizvolle Kombination mit der Lederhose zu. Denn das Dirndl mag zweifellos das femininste aller Kleidungsstücke sein, Hosen wollen die Damen, vor allem die sehr jungen, nicht allein den Herren überlassen.

Carmen Peter konstatiert auch bei den männlichen Kunden einen Trend: „Man optimiert sich“, sagt sie. Manche vielleicht sogar mit einem Haferlschuh, in dem ein versteckter Keilabsatz vier Zentimeter zur Körpergröße hinzu mogelt. „Der Anspruch an Qualität und gutem Geschmack ist gestiegen“, konstatiert Carmen Peter. „Es darf echtes Leder sein und kein Imitat.“

Maßanfertigung vom Herrenschneider

Oder sogar Tracht nach Maß? Der Herren-schneider Jesper Ploug würde sich zwar nie als Trachtenspezialist bezeichnen, aber seinen Kunden, die auf den gewohnten Tragekomfort und vielleicht einen Schuss Extravaganz auch auf dem Wasen oder beim Ab-stecher zur Münchner Wiesn nicht verzichten wollen, näht er den ultimativen Janker. Dass er sich damit auch selbst für den Volksfestbesuch ausgestattet hat, versteht sich.

Fürs Weindorf, erzählt Carmen Peter, hätten sich bei ihr Kundinnen zwar kein Dirndl, doch immerhin ein Mieder gekauft. Und Rose von Stein, Mitglied des Gemeinderats (Freie Wähler), ist gleich beherzt in ihrem Lieblingsdirndl in der Laube erschienen.

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