Vom verstaubten Kurort zum Touristenmagneten: Bad Wildbad hat sich stark gewandelt. Ein Baumwipfelpfad und eine Hängebrücke ziehen jährlich Tausende Besucher in den Nordschwarzwald. Doch was halten die Bewohner von der Entwicklung?
Bad Wildbad - Dass es Bad Wildbad gut geht, sieht man schon, wenn man am Bahnhof aussteigt. Der wird gerade saniert und ausgebaut. Restaurants, ein Kiosk und Apartments sollen hier entstehen. Wenige Meter weiter, am Fluss Enz, der mitten durchs Zentrum fließt, sitzen die Cafébesucher. Bei Kaffee und Kuchen schauen sie aufs Wasser und die Häuser gegenüber. Ein paar verblichene Fassaden erinnern noch an den Ruf des verstaubten Kurorts, der der 11 000-Einwohner-Stadt im Nordschwarzwald lange anhaftete.
Kein Mensch hat an das Konzept geglaubt
Thermen und Rehazentren für Schlaganfallpatienten und Menschen mit Multipler Sklerose hat Bad Wildbad zwar noch immer. Bekannter ist die Stadt aber heute für ihre Attraktionen auf dem Hausberg Sommerberg. Vor allem der 2014 eröffnete Baumwipfelpfad sowie die 380 Meter lange Hängebrücke Wildline, die 2018 folgte, haben sich als Touristenmagneten herausgestellt. 250 000 Tagesgäste pro Jahr versprach die Erlebnis Akademie AG, der Baumwipfelpfad-Betreiber, noch vor Baubeginn. „In Bad Wildbad hat kein Mensch daran geglaubt, dass das Konzept aufgeht“, sagt Annegret Dagne-Pfeiffer, die das Restaurant Wildbader Hof im Ort betreibt. Unter einem Baumwipfelpfad konnte sich kaum jemand etwas vorstellen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Gibt es Giftschlangen im Schwarzwald und auf der Alb?
Doch die Vorhersage ist eingetroffen. Im Sommer ist es am Wochenende fast unmöglich, einen Parkplatz auf dem Berg zu finden. Gerade im zweiten Pandemiejahr, in dem viele Urlauber in Deutschland geblieben sind. „Sonntags kommt man sich schon vor wie im Europa-Park“, sagt Annegret Dagne-Pfeiffer. Der 59-jährigen Restaurantchefin ist das natürlich recht: mehr Arbeit gleich mehr Umsatz. Bedenken hat sie trotzdem – wegen der Natur auf dem Sommerberg und den Bewohnern, die dort früher in Ruhe lebten. „Die haben keinen Spaß mehr.“ Dazu die Sache mit den Parkplätzen, „ein Chaos“: „Am Wochenende können die Anwohner der Auffahrtsstraßen gleich woanders parken.“
Outdoor-Erlebnisse ziehen Touristen an
Falschparker, zu wenig Parkplätze, Lärm: „Darüber beschweren sich die Leute“, bestätigt Stefanie Dickgiesser. Die 37-jährige Touristikchefin setzt sich in ihrem Büro an den Schreibtisch, der sehr funktional wirkt im Vergleich zur rustikalen Tourist-Info im Eingangsbereich. Sie wurde 2019 mit Eichen- und Tannenholz aus dem Stadtwald umgestaltet. Dickgiesser, ganz die PR-Frau, schwärmt von 93 Prozent Waldanteil, 235 Kilometer Wanderwegen, der hohen Luftqualität: „Die ist heutzutage gar nicht mehr so selbstverständlich.“
Sie holt aus. Durch den 2000 eröffneten Bikepark habe man gemerkt, dass Outdoor-Erlebnisse Touristen anziehen. Umgeben von Bergen und Tannen hat Bad Wildbad kaum Industrie, die Einkünfte kommen vor allem aus dem Gesundheitswesen und dem Tourismus. Die Natur sei das größte Kapital. Daher strebe man einen sanften, nachhaltigen Ausbau an, so die Touristikchefin: „Wir betrachten den Sommerberg nicht als Rummelplatz.“ Dass ihn manche genauso wahrnehmen, weiß sie. Man wolle die Bürger aber mitnehmen, betont Stefanie Dickgiesser. Bei einem Workshop 2019 durften sich rund 100 Bewohner zusammen mit Experten Ziele für ihre Stadt überlegen. Sieben Monate später wurden diese vom Gemeinderat als „Zukunftsstrategie Bad Wildbad“ verabschiedet. In ein bis zwei Jahren möchte man die Bevölkerung wieder einladen, Resümee zu ziehen.
Die Kurgäste gingen – Läden in der Innenstadt gingen unter
Dickgiessers Hauptziel ist es derzeit, die Aufenthaltsdauer der Gäste zu verlängern, damit nicht nur die Betreiber der Attraktionen auf dem Sommerberg, sondern auch die Händler und Hotels im Tal profitieren. 1,5 Millionen Tagesgäste zählte die Stadt 2019. Dazu 272 722 Übernachtungsgäste, etwas mehr als die Hälfte Touristen.
Sehr viele, scheint es auf den ersten Blick. Tatsächlich ist die Zahl klein im Vergleich zu den einstigen Kur-Hochzeiten. 1969, als Hans-Ulrich, 75, und Erika Rothfuss, 71, heirateten, blieben jährlich mehr als eine Million Besucher über Nacht. „Das Geld kam morgens die Treppe herunter“, sagt Ulrich Rothfuss. „Alle Hotels und Gaststätten waren voll“, so Erika.
Das Ehepaar hat turbulente Jahre hinter sich. In den 1970ern und 80ern unterhielten die beiden neben ihrem Fachbetrieb für Raumausstattung, den inzwischen Sohn Fredrik weiterführt, ein Lederwarengeschäft mit fünf Verkäuferinnen. „Anfangs lief alles super“, sagt Erika Rothfuss. Doch bald flachte der Strom der Kurbesucher und Touristen ab. 1989 mussten sie das Geschäft schließen. Ihr Handwerksbetrieb überlebte, viele Läden in der Innenstadt schafften es nicht. Mit Zuschüssen versucht der Gemeinderat noch immer, Leerständen entgegenzuwirken.
Seit 2017 gibt es einen Märchen-Wanderweg
„Der Seehofer war unser Unglück“, sagt Ulrich Rothfuss und meint damit die Gesundheitsreform des heutigen Innen- und damaligen Gesundheitsministers. In den 1990ern ließ Horst Seehofer (CSU) die Vorsorgekur auf Krankenschein abschaffen. „Von einem Tag auf den anderen war die Stadt am Boden“, fasst Bürgermeister Klaus Mack zusammen. In einem blütenweißen Hemd, schwarzer Hose und braunen Lederschuhen sitzt der CDU-Politiker an einem Tisch seines großzügigen Büros im ersten Stock des Rathauses gegenüber der Enz. Es ist schon nach 18 Uhr, aber Mack soll später noch zu einer Veranstaltung der Frauen-Union. „I sag’ meina Mitarbeiter emmer: I weih’ gern was ai“, schwäbelt der 48-Jährige, der aus der Nähe von Ulm stammt, und grinst verschmitzt.
Eingeweiht hat er seit seinem Amtsantritt 2006 nicht zu wenig. Auf den Baumwipfelpfad und die Hängebrücke folgte 2017 ein Märchen-Wanderweg, 2019 ein Abenteuerspielplatz. Und Pläne hat der Bürgermeister noch zuhauf. Er träumt von einem modernen Bäderkomplex neben dem Rathaus („Staatsbad 4.0 nenne ich das“), von urigen Baumhäusern als Hotelalternative auf dem Sommerberg und von einem zweiten Weg hinauf, am liebsten in Kombination mit einer Rodelbahn. Das soll die Parkplatzsituation entschärfen und neue Besuchsanreize geben. „Stillstand mögen die Leute nicht.“
Manche träumen immer noch von Bad Wildbad als klassischem Kurort
Mack, der aktuell für den Bundestag kandidiert, möchte etwas bewegen. Vielleicht ist er deshalb so beliebt bei den Bad Wildbadern. 2014 wurde er mit 96 Prozent der Stimmen wiedergewählt (Wahlbeteiligung: 29 Prozent). Und das, obwohl er als Erstes Stellen in der Stadtverwaltung abbauen ließ, „sonst wären wir heute pleite“.
Dass es Bad Wildbad so gut geht, liegt also auch an ihm. Die Voraussetzung für den Wandel zum Touristenzentrum wurden aber schon lange vor seiner Zeit geschaffen: Mit dem Bau des Meisterntunnels 1996 wurde der Verkehr aus der Stadt geholt, mit der Elektrifizierung und Verlängerung der Enztalbahnstrecke zum Kurpark 2002/03 die Anbindung an Stuttgart und Karlsruhe gesichert. Die Infrastruktur, auch auf den Sommerberg hinauf, war die wichtigste Voraussetzung für den Aufschwung. Ohne sie wären die Investoren nicht gekommen. Dass die Sommerbergbahn dringend saniert werden musste, wusste Klaus Mack bei seinem Einzug ins Rathaus nicht. Sieben Millionen Euro kostete die Generalüberholung 2011, fast vier zahlte das Land. „Bei uns kann man sehen, dass staatliche Zuschüsse etwas bewirken“, so der Bürgermeister.
Manche träumen immer noch von Bad Wildbad als klassischem Kurort, sagt er, obwohl die Zeiten lange vorbei sind: „Die finden es gut, dass sie einen neuen Bahnhof bekommen, wollen aber die Touristen nicht.“ Die überwiegende Mehrzahl der Bürger jedoch begrüßt das „neue Bad Wildbad“. „Voll gut“ findet Andrea Schulz, wie sich ihre Heimat verändert hat. Früher sei in der Stadt „nichts mehr los gewesen“, sagt die 36-jährige Intensivkrankenschwester. „Jetzt ist hier wieder Leben.“