Möpse mit kurzer Schnauze und Glubschaugen sind bei Hundefreunden beliebt. Doch das Leid der Tiere durch extreme Zucht ist groß. Der Tierschutzbeauftragte des Landes warnt: Das Problem betrifft nicht nur Möpse. Foto: dpa

Qualzucht ist in Deutschland illegal, aber allgegenwärtig. Weil kaum Strafen drohen und Veterinärämter zu wenig kontrollieren, können haarlose Katzen und nach Luft schnappende Hunde gezüchtet werden.

Berlin/Stuttgart - Bundesagrarministerin Julia Klöckner will schärfer gegen verbotene Qualzuchten von Hunden vorgehen und Ausstellungen solcher Tiere untersagen. „Tierärzte berichten von vielen Tieren mit gesundheitlichen Problemen aufgrund von Qualzuchtmerkmalen. Das lässt darauf schließen, dass viele Züchter gegen das Verbot verstoßen“, sagte die CDU-Politikerin der „Rheinischen Post“.

Qualzucht ist gesetzeswidrig

Die Kontrolle solcher Gesetzesverstöße sei schwierig. Das zuständige Veterinäramt müsse im Einzelfall feststellen, ob bei der Zucht zu erwarten war, dass Welpen Körperteile oder Organe fehlen oder sie kein gesundes Hundeleben zu erwarten hätten. „Wir werden deshalb die Ausstellung solcher Tiere verbieten und damit auch den Anreiz für solche Züchtungen nehmen“, erklärt Klöckner.

„Es ist doch absurd, dass diese Tiere auch noch prämiert werden – obwohl ihre Zucht gesetzeswidrig ist.“ Es sei nicht vertretbar, dass ein Tier leiden müsse, „um den ästhetischen Ansprüchen seines Herrchens oder Frauchens zu entsprechen“.

Kein Trendwende bei Qualzuchten

Nach Meinung von Tierschutzexperten ist beim Thema Qualzucht immer noch keine Trendwende in Sicht. Es sei ein langer und mühevoller Weg, erklärt die Tierärztin Petra Sindern aus Neu Wulmstorf. Weiterhin würden massenhaft Tiere mit spezifischen Merkmalen bei der Körperform, beim Haarkleid und beim Verhalten gezüchtet, die zu Schmerzen und oft lebenslangem Leiden führen.

Die Rassestandards, heißt es in einem Gutachten des Deutschen Tierschutzbundes, sind heute „noch immer größtenteils so konzipiert, dass die Zuchtziele mit einer Qualzüchtung verbunden sind“.

Qualzuchten bei Hunden und Katzen

Wie und ob die Tiere ihr Leiden zeigen, ist individuell verschieden. „Atemnot, Röcheln oder Schnarchen, ohne dass sich das Tier anstrengt, sind sichere Zeichen dafür, dass die Atemwege nicht frei sind“, erläutert Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund in Bonn.

Es sind nicht nur die Hunde mit den zu kurzen Köpfen, die bei den Haustieren unter den Begriff Qualzucht fallen. „Bei den Schäferhunden wurde der Rücken so runtergezüchtet, dass Hüftgelenksdysplasien programmiert sind“, betont Astrid Behr vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte in Frankfurt am Main.

Alle kurznasigen Hunde wie Pekinesen, Möpse oder Bulldoggen leiden nach der Auskunft von Tierärzten mehr oder weniger unter diesen Symptomen. Weil das platte Gesicht einem Schönheitsideal entspricht, wurden die Rassen so gezüchtet.

Ähnliche Probleme gibt es auch bei Rassekatzen. „Rassen wie Perser, extrem ausgeprägte Britisch Kurzhaar oder Schottische Faltohrkatzen zählen wir dazu“, zählt Petra Sindern auf. So sind die niedlich anmutenden Knickohren der Schottischen Faltohrkatze Ausdruck eines Gendefekts, der bei vielen der Tiere für sehr schmerzhafte Knochen- und Knorpeldegenerationen an den Beinen und Gelenken sorgt.

„Züchter verdienen mit den Modetrends viel Geld“

Türkische Angorakatzen mit aufgehelltem weißem Fell, Cockerspaniel mit auswärts­gerolltem unterem Augenlidrand, rundköpfige Möpse mit Atemnot und Schluck­beschwerden – und das alles nur, um ein angeblich perfektes schönes Tier zu kreieren.

„Züchter verdienen mit den Modetrends viel Geld – zulasten des Tieres“, kritisiert der ehemalige Vorsitzende des Ausschusses für Tierschutz der Bundestierärztekammer, der Veterinär Karl Fikuart. „Außer zum Geldverdienen und zum Spaß der Besitzer sind Qualzuchten zu nichts nutze.“

Heimtiere als Modetrend

Die Qualzucht ist für Wirbeltiere in Deutschland nach § 11b Tierschutzgesetz – außer für wissenschaftliche Zwecke – seit 1986 verboten. 1999 ließ die damalige rot-grüne Bundesregierung ein umfangreiches Gutachten zur Auslegung von Paragraf 11 b erstellen.

Darin wurden problematische Zuchtmerkmale vor allem bei Hunden und Katzen wie Riesenwuchs, Übergewicht, Zwergwuchs, Mopskopfbildung, Schwanzlosigkeit, tiefliegende Augen oder unphysiologische Gelenkstellung akribisch auf fast 130 Seiten aufgelistet. Zuletzt revidiert wurde der Gesetzestext im Jahr 2013 im Rahmen des neuen Tierschutzgesetzes.

Tierschützer: Kein Tier aus Qualzuchten kaufen

Tierschützer raten dazu, sich kein Tier aus diesen Qualzuchten zu kaufen. „So lange solche Tiere nachgefragt werden, so lange werden sie auch gezüchtet“, unterstreicht Astrid Behr. Wenn man von seiner Lieblingsrasse keinesfalls abrücken will, sollte man sich wenigstens im Tierheim nach ihr umsehen.

Laut Lea Schmitz werden diese Vierbeiner manchmal auch deshalb im Heim abgegeben, weil sich ihre Besitzer die Tierarztkosten nicht mehr leisten können. Denn ihr abnormer Körperbau macht die Vierbeiner zum Dauerpatienten beim Tierarzt, manchmal müssen sie sogar operiert werden.

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